16:09 21 April 2019
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    Alles Doku? Wie ARD und ZDF ihrem Bildungsauftrag folgen – oder auch nicht

    © AP Photo / Gero Breloer
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    Ilona Pfeffer
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    Das wirkliche Leben abbilden, Geschichten echter Menschen erzählen, brisante politische Zusammenhänge aufdecken und Wissen vermitteln – so oder so ähnlich lässt sich die Erwartungshaltung an die Inhalte dokumentarischer Sendungen beschreiben. Wie es damit im Öffentlichen Rundfunk tatsächlich bestellt ist, zeigt eine neue Studie.

    Vor kurzem ist bekannt geworden, dass in mehreren Dokus des WDR Angaben zu Namen, Orten und Alter falsch waren, Aussagen unzulässig zugespitzt wiedergegeben und Protagonisten über komparse.de gecastet wurden. Der Sender hat reagiert und die betreffende Autorin entlassen. Dennoch stellt sich die Frage, inwiefern dokumentarische Formate ihrem Anspruch gerecht werden und den Zuschauern das „echte“ Leben näher bringen.

    Die Studie „Deutschland – Doku-Land“ vom Berufsverband Deutscher Dokumentarfilmer AG DOK hat die verschiedenen dokumentarischen Formate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über einen Zeitraum von vier Monaten untersucht und mit den Ergebnissen der vorangegangenen Studie von 2003 verglichen. Der Verfasser der Untersuchung, Medienkritiker Fritz Wolf, stellt den Öffentlich-Rechtlichen dabei kein gutes Zeugnis aus.

    Eine der Begründungen für die allgemein verpflichtende Rundfunkgebühr ist der Informations- und Bildungsauftrag des ÖR. Mit seinen Angeboten soll er einen gesellschaftlichen Mehrwert für alle Bürger haben. Neben Nachrichtensendungen sind es gerade dokumentarische Formate, die gesellschaftspolitisch wichtige Themen beleuchten und die Lebenswirklichkeit der Menschen wahrheitsgetreu abbilden sollten.

    Das Bundesverfassungsgericht verwies in seinem Rundfunkurteil von 2018 auf die wachsende „Bedeutung der dem beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk obliegenden Aufgabe, durch authentische, sorgfältig recherchierte Informationen, die Fakten und Meinungen auseinanderhalten, die Wirklichkeit nicht verzerrt darzustellen und das Sensationelle nicht in den Vordergrund zu rücken, vielmehr ein vielfaltsicherndes und Orientierungshilfe bietendes Gegengewicht zu bilden.“

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    In der Studie erfasst wurden die öffentlich-rechtlichen Sender ARD/Das Erste, ZDF, sieben dritte Programme der ARD und die beiden Kulturkanäle Arte und 3Sat. Untersucht wurde je eine Sendewoche in den Monaten Oktober und November 2017 sowie Februar und März 2018 in der Zeit von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. Für den Dokumentarfilm gab es gesonderte Parameter: Es wurde der gesamte Zeitraum von Oktober 2017 bis März 2018 untersucht, dabei wurden 24 Stunden Sendeprogramm täglich herangezogen.

    ARD und ZDF Schlusslichter bei Dokus

    Die gute Nachricht vorweg: Die Zahl der dokumentarischen Sendungen hat im Vergleich zu 2003 zugenommen, wenn auch nur leicht. Pro Woche wurden im untersuchten Zeitraum über 415 dokumentarische Sendungen ausgestrahlt. Wenig überraschend: Den Löwenanteil haben die beiden Kultursender ARTE (19 Prozent) und 3Sat (15 Prozent) gestemmt. Am schwächsten schneiden hingegen ARD/ Das Erste mit gerade einmal drei Prozent und ZDF mit zwei Prozent ab. Im Mittelfeld finden sich die Dritten Programme, wobei NDR und SWR fast gleichauf liegend die meisten dokumentarischen Sendungen ausgestrahlt haben. 

    Dokus am Katzentisch bei Vergabe der Sendeplätze

    Wer sich nun denkt, bei 415 dokumentarischen Sendungen in der Woche sollte jeder in den Genuss gekommen sein, mindestens eine solche Sendung am Tag gesehen zu haben, der wird mit Ernüchterung feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Denn: Dokumentarische Sendungen sind bei den meisten TV-Kanälen des ÖR auf ungünstige Sendeplätze verbannt. So werden laut der Studie die meisten Sendungen zwischen Montag und Mittwoch ausgestrahlt, mit Vorliebe nachts. Dazu schreibt Wolf in seiner Studie:

    „In der ARD lagen die Sendeplätze für Dokumentarfilme montags und mittwochs. Davon war einer ‚Boris Becker‘ für 20.15 Uhr programmiert, wurde dann aber doch in die zweite Primetime verschoben. Vier weitere Filme liefen zur zweiten Primetime, unter anderem ‚Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl‘, den man sich wegen seiner politischen Brisanz auch zu einer früheren Sendezeit hätte vorstellen können. Drei Filme liefen nach 23 Uhr. Dafür sind die Filme aktueller. Zwei ausgewiesene Erstaufführungen, vier Filme aus 2017. Nur zwei ältere Filme. Das ZDF hat die vier Dokumentarfilme in diesem Halbjahr ausschließlich am Montag und nach Mitternacht programmiert – die Sendeplätze des Kleinen Fernsehspiels. Drei Filme sind von 2017, einer älteren Datums.“

    Auch bei den Sendelängen ist der ÖR sparsam geworden. Es dominieren mit 73 Prozent Kurzformate von 30-40 Minuten Länge, gefolgt von mittellangen Formaten (45-60 Minuten), die immerhin noch 22 Prozent an der Gesamtzahl der Sendungen halten. Aufwendige Langformate (60-90 Minuten) bleiben mit gerade einmal fünf Prozent deutlich im Hintertreffen. Heißt im Klartext auch: Reportagen, Dokumentationen und Sendereihen wird gegenüber Dokumentarfilmen der Vorzug gegeben.

    Koch- und Zoosendungen, Reisereportagen – ja. Politik, Gesellschaft, Bildung – Fehlanzeige

    Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass immer mehr Sendungen formatiert sind. Als Formate unterscheidet sie dabei folgende Typen. Zunächst ist da die sogenannte Dachmarke wie „Menschen hautnah“ (WDR) oder „37 Grad“ (ZDF), unter der zwar einzelne Geschichten erzählt werden, diese aber festen Erzählregeln folgen. Die Dachmarke macht 19 Prozent der dokumentarischen Formate aus. Einzelstücke, die zu keinem größeren Ganzen gehören und noch am ehesten so etwas wie die Handschrift der Autoren aufweisen, sind ebenfalls mit 19 Prozent vertreten. Kleiner fällt der Anteil der Mehrteiler (sechs Prozent) und Serien (fünf Prozent) aus. Was wird dem Fernsehzuschauer dann hauptsächlich vorgesetzt? Mit 51 Prozent dominiert die Reihe, will heißen: Zoosendungen à la „Panda, Gorilla & Co.“. Auch vor Koch- und Reisesendungen kann man sich kaum retten.

    „Im deutschen Fernsehen laufen zwar sehr viele dokumentarische Filme, Dokumentationen, Reportagen usw. Aber Themen, die für ein öffentlich-rechtliches Selbstverständnis besonders wichtig sein sollten, sind dabei nur gering vertreten. Nur etwa sieben Prozent der dokumentarischen Arbeiten behandeln gesellschaftspolitisch relevante Themen, nur drei Prozent befassen sich mit Wissenschaft und Technik – ein Armutszeugnis für Medien in einer Gesellschaft, die so sehr und in wachsendem Maße von den Ergebnissen von Wissenschaft und Technik abhängig ist“, so Wolf.

    Die Themen mit gesellschaftspolitischer Relevanz finden sich am ehesten in Dokumentarfilmen, doch wie oben ausgeführt, haben die einen schweren Stand, sind insgesamt unterrepräsentiert und werden gern zu nächtlicher Stunde gesendet.   

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    Vorsortierte Realität: Alles für die Quote?

    In einem Interview mit dem Portal „Meedia“ zieht Fritz Wolf eine ernüchternde Bilanz.

    „Die Formatierung bedeutet, dass dort die künstlerische Handschrift der Autoren verloren geht, sodass das Hauptgewicht bei den Redaktionen und Konzepten liegt. Das geht sehr weit. Nämlich, dass die Sender im Grunde die ganze Wirklichkeit vorgefertigt haben wollen, bevor es fertig gedreht ist. Das führt unter anderem zu solchen Vorkommnissen wie bei ‚Menschen hautnah‘, dass man sich dann die Protagonisten auf dem Darstellermarkt holt und sie vorher castet. Formate sind auch immer eine Vorsortierung der Wirklichkeit und das, was für das Dokumentarische eigentlich interessant ist, die Beobachtung und Entdeckung, werden durch das Erfinden ersetzt. Für den Zuschauer ist das Problem, dass es immer erwartbar ist.“

    Der größte Feind der Programmdirektoren sei die Fernbedienung. Und die größte Angst sei die vor dem Griff der Zuschauer dahin.

    „Deswegen gibt’s den Versuch, die Sendeplätze so genau wie möglich im Voraus zu berechnen und an die Zielgruppe, Erzählweise etc. anzupassen. Das ist durchaus in der Logik des Systems, das sich ganz nach der Quote richtet – und auch an der Formatierung orientiert. Der große Widerspruch ist dann der, dass es langweilig wird.“

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    Tags:
    Studie, Reportage, Zahl, Doku, Sender, Rundfunk, ARD, ZDF, Deutschland