00:27 24 April 2019
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    Zitronen in einem Lebensmittelgeschäft im Gebiet Moskau

    Forbes: „Zitronen sind Luxus-Symbol in Russland“ – Bashing oder einfach nur Dummheit?

    © Sputnik / Kirill Kalinnikow
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    Ein Zeitungsartikel, in dem geschrieben steht, dass Zitronen in Russland ein Zeichen von Luxus sind und nur wohlhabende Russen sie sich leisten können, sorgt in russischen Medien für Belustigung. Zudem macht sich die Autorin des „Forbes“-Artikels darüber Gedanken, ob das irgendwie mit dem hohen Wodka-Konsum zusammenhängt.

    „Was wird bei Ihnen mit Zitronen in Zusammenhang gebracht? Frische? Sommertage? Meeresklima? In Russland und Südostasien werden sie anscheinend genutzt, um Eindruck zu machen“, schreibt eine Journalistin unter Berufung auf ihr Gespräch mit Harold Edwards vom großen kalifornischen Zitronen-Produzenten Limoneira.

    Passage aus der ursprünglichen Version des Artikels von Lizzy Saxe in Forbes-Magazin
    Passage aus der ursprünglichen Version des Artikels von Lizzy Saxe in Forbes-Magazin

    „Das weckte mein Interesse, vielleicht liegt es daran, dass sie so viel Wodka trinken? Oder weil sie gern Tee trinken? Warum essen sie so viele Zitronen?“, zitiert die Journalistin den Vertreter von Limoneira. Die Passage über den Wodka wurde aber später gelöscht.

    Passage aus der ursprünglichen Version des Artikels von Lizzy Saxe in Forbes-Magazin
    Passage aus der ursprünglichen Version des Artikels von Lizzy Saxe in Forbes-Magazin

    Nach Angaben der Journalistin erklärte ihr Edwards, dass reiche Russen gerne mit Zitronen prahlen, um ihren Reichtum zur Schau zu stellen. „Das heißt Luxus-Produkt“, zitiert die Journalistin den kalifornischen Zitronenbauer. Ihr zufolge werden Zitronen in Russland nicht angebaut.

    „Für Zitronenanbau ist es dort zu kalt, man muss sie sehr weit entfernt kaufen. Deswegen ist diese saure gelbe Zitrone so teuer“, schreibt die Journalistin weiter.

    Pikant ist dabei, dass dieser Artikel nicht in einem Boulevardblatt wie „Daily Mail“ oder in den formell angesehenen Zeitungen, die häufig zu antirussischer Propaganda greifen („The New York Times“, „Times“, „The Guardian“ u.a.), sondern im Bollwerk des Wirtschaftsjournalismus erschien – dem „Forbes Magazin”, dem man keine Russland-Sympathien vorwerfen kann, das aber gewöhnlich keinen Unsinn verbreitet.

    Man hätte das mit einer antirussischen Kampagne im globalen Mainstream erklären können, allerdings ist die Antwort viel einfacher – es ist Nichtprofessionalität.

    Die junge Journalistin Lizzy Saxe ist Master of food studies, sie recherchierte den relativ hohen Zitronen-Verbrauch in Russland und Südostasien. Mit Hilfe von Google hätte sie aber sicher erfahren können, dass Zitronen in Russland ungefähr so viel wie Äpfel kosten. Dass diese schon seit dem 15. bis 16 Jahrhundert in Kochbüchern für das „übliche“ Volk erwähnt werden und somit für den „Iwannormalbürger“ durchaus zugänglich waren.

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    In Zentralrussland wurden die Zitrusfrüchte zunächst zwar tatsächlich nur in den Orangerien von reichen und adeligen Russen angebaut, doch liegt das schon eine lange Zeit zurück – schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Russland die Pawlowski-Zitronen für den häuslichen Anbau entdeckt. Später von sowjetischen Wissenschaftlern selektiert, wurde diese Zitrone zu einem Hit in vielen Haushalten weltweit. Außerdem muss man bedenken, dass die Frucht im Russischen Imperium wie auch der Sowjetunion zum Beispiel aus dem heutigen Aserbaidschan oder Georgien (damals Gouvernements und Teilrepubliken) bezogen wurde.

    Die Journalistin hätte auch erfahren können, dass Russen tatsächlich gern Zitronen essen. Das hängt sowohl mit dem hohen Vitamin-C-Gehalt als auch mit Besonderheiten der russischen Küche zusammen.

    Der Master of food studies hätte erfahren können, dass in der russischen Küche gerne „sauer“ gekocht wird. Das ist sowohl mit den historisch verbreiteten Bearbeitungsmethoden (z.B. Milchsäuregärung von Weißkohl) als auch mit dem sauren Geschmack von vielen in Russland wachsenden „Gnadengeschenken der Natur“ (von Preiselbeeren bis Roggen, von Sanddorn bis Antonowka-Apfel) verbunden.

    In Russland isst man also viel Saures, weswegen es auch nicht verwunderlich ist, dass man auch diese exotischen Früchte mag. Tee mit Zitrone ist ein russisches Nationalgetränk.

    Doch Lizzy tat nichts davon.

    Sie sprach einfach mit einem US-Unternehmer, und das Ergebnis ihrer Plauderei war ein zusammengebastelter Artikel in einem der angesehensten internationalen Wirtschaftszeitschriften, was in Russland für große Erheiterung sorgte.

    Wollen wir ehrlich sein. An dieser Situation gibt es nichts spezifisch Amerikanisches. Sie symbolisiert ein Phänomen, mit dem man in der heutigen Welt immer häufiger zu tun hat: Die Generation der Millennials hält Einzug in die Berufswelt. Es ist die erste Generation von Kindern, die unter maximal komfortablen Bedingungen großgezogen wurden. Dabei geht es nicht nur um den Rückgang der Bildung, worüber man sich so oft beschwert, sondern um den Rückgang der Anforderungen, um das Fehlen von Verantwortung und die Schaffung von maximal komfortablen Bedingungen für den reibungslosen Berufseinstieg für junge Leute.

    Diese jungen Menschen, die infantil, aber äußerst selbstbewusst und mit beeindruckenden Ansprüchen ausgestattet sind, fordern oft gut bezahlte Jobs, die aber einen sehr hohen Grad an Professionalität und Verantwortung erfordern.

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    Eine vor Dummheit strotzende Kolumne im „Forbes Magazin“ ist eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Dingen, von denen tatsächlich die Schicksäle der Welt abhängen. In der vergangenen Woche wurden Insider-Informationen veröffentlicht, laut denen die USA Juan Guaido als Interimspräsident anerkannten, weil Vertreter der venezolanischen Opposition Washington angeblich davon überzeugten, dass dies ausreichen würde, damit die Armee auf die „Seite des Volkes“ wechselt und Maduro stürzt.

    Die Diversifizierung der Informationsquellen zum Erhalt eines maximal objektiven Bildes, die Bildung eines umfassenden Agentennetzes, komplizierte CIA-Operationen – das sicherte Washington im Laufe von vielen Jahrzehnten einen sehr großen Einfluss in Lateinamerika. Nun reagieren die Amerikaner auf Hörensagen. Nachdem es schiefgegangen ist, können die Amerikaner nun sagen, dass möglichst viele Anstrengungen unternommen wurden, doch niemand schuld daran ist und niemand bestraft werden sollte, weil dies die 35-jährigen Kinder verletzen würde.

    Obwohl solche gescheiterten Aktionen von Washington für Witze sorgen, sollte man sich nur sehr vorsichtig darüber lustig machen, denn niemand ist davor geschützt – kein einziges Industrieland, das auf traditionelle Erziehungsmethoden mit Disziplin, harten Anforderungen und Verantwortung verzichtet hat. Dieses Problem muss gelöst werden – solche Fachkräfte auf wichtigen Posten sind einfach gefährlich für ein Land. In diesem Sinne sind dumme Artikel in den Medien nur das geringste Übel.

    Der oben erwähnte Artikel wurde aber inzwischen bereits mit folgendem Vermerk versehen: „This article was updated on 2/17/19 to more accurately reflect social status in Russia“, sprich: Zumindest der Chefredakteur von Forbes ist noch für Kritik offen und auch bereit, Konsequenzen daraus zu ziehen. Hoffentlich.

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    Zitrone, Journalistin, Klischees, Mangel, Fake-Berichte, Fake-News, Lügenpresse, Hungersnot, Fakes, Forbes, CIA, Juan Guaidó, Kalifornien, USA, Russland