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08:20 15 Oktober 2019
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    Karl Lagerfeld (Archivbild)

    Seine Produktivität ist verehrungswürdiger als seine Bonmots – Karl Lagerfeld ist tot

    © REUTERS / Benoit Tessier
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    Der in Deutschland geborene, aber den Großteil seines Lebens in Frankreich lebende und wirkende Modedesigner Karl Lagerfeld ist tot. Der 1933 geborene Modemacher war eine der großen Ikonen der Branche, aber auch darüber hinaus eine Weltberühmtheit, wenngleich auch immer wieder umstritten. Ein Nachruf.

    Karl Lagerfeld wurde als Sohn des Molkereifabrikanten Otto Lagerfeld am 10. September 1933 in Hamburg geboren. Seinem Vater gehörte die noch heute als Marke bekannte Firma „Glücksklee“. Die eigentliche Bezugsperson für den jungen Karl Lagerfeld aber war seine Mutter Elisabeth, auch wenn diese Mutter-Sohn-Beziehung nach heutigen Maßstäben eher als unterkühlt bezeichnet werden könnte, jedenfalls, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie Karl Lagerfeld selbst über das Verhältnis zu seinen Eltern in Interviews berichtete. Dennoch zog er mit seiner Mutter 1953 nach Paris und kaufte ihr später sogar ein Schloss in der Bretagne, wo er sie auch zur Ruhe bettete.

    In Deutschland war Lagerfeld nur noch Gast

    Sein Geburtsland sollte Karl Lagerfeld bis zu seinem Tod nur noch wie ein gewöhnlicher Tourist oder als Investor betreten, der gelegentlich eine Immobilie kaufte, um sie alsbald wieder zu veräußern. Lagerfeld war irgendwann so sehr Franzose, dass die Fünfte Republik ihn wie selbstverständlich als einen der ihren betrachtete und ihn zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannte. Dennoch wahrte Lagerfeld zu seiner zweiten Heimat eine genauso kritische Distanz wie zu seinem Geburtsland. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sich als Botschafter für die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland einspannen zu lassen.

    Viel lieber betrachtete er sich als Botschafter und Kämpfer für Meinungsfreiheit – und hier insbesondere auch für das Recht auf abseitige oder provokante Meinungsäußerungen, lange bevor dafür das Kürzel des PC erfunden wurde – als Verfechter künstlerischer Freiheit, für kulturelle Allgemeinbildung der Bevölkerung, deren Vernachlässigung durch die Eliten er gerne aufs Korn nahm. Übrigens ist seine berühmte Wortmeldung, wonach jemand, der in der Öffentlichkeit eine Jogginghose trage, die Kontrolle über sein Leben verloren habe, auch in diesem Kontext zu verstehen. Es widerte Lagerfeld regelrecht an, wie breite Bevölkerungskreise von umfassender Bildung, aber auch Schulung in Stil und Umgangsformen regelrecht ferngehalten und durch seichte Unterhaltung abgelenkt und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ferngehalten wurden.

    Lagerfeld äußerte sich gelegentlich politisch, aber fand Politik eigentlich langweilig

    Allerdings war Karl Lagerfeld alles andere als ein politischer Mensch. Politik langweilte ihn eher, wie viele andere Dinge. Und er lernte schnell, dass er, wann immer er sich politisch äußerte, umgehend in alle bereitstehenden Fettnäpfchen trat. Vor allem seine Wortmeldungen in den Migrationsdebatten in Frankreich und Deutschland stießen auf widersprüchliche Reaktionen. Das Rudelverhalten und die Oberflächlichkeit der Medien nervten ihn, und er ließ sich nur mit ihnen ein, solange es für Vermarktungszwecke seiner diversen Projekte und zur Pflege der Marke Karl Lagerfeld unumgänglich schien. Seine jahrelange Neigung zur Schwatzhaftigkeit, die allerdings immer wieder wunderbare Bonmots produzierte, wurde lange als eine gewisse snobistische Oberflächlichkeit interpretiert.

    In Wahrheit war Karl Lagerfeld ein extrem fleißiger, sehr disziplinierter Arbeitsmensch, der nervös wurde, wenn er stillstehen oder stillsitzen musste. Die ungeheure Produktivität, die Karl Lagerfeld in seiner Karriere an den Tag legte, wird wahrscheinlich und leider erst jetzt, nach seinem Tod, in ihrem ganzen Umfang von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Dazu zählen auch eigentlich interessante Seiten dieses Ausnahmekünstlers, die von den ewig gleichen Schilderungen über sein Äußeres, seine Musen oder seine Katze „Choupette“ mit eigenem Instagram-Konto überdeckt wurden.

    Karl Lagerfeld war ein Mensch mit hoher Allgemeinbildung

    Was dem jungen Karl möglicherweise an elterlicher Herzenswärme fehlte, machten Lagerfelds Eltern durch andere Großzügigkeit wett, wenn es darum ging, ihrem Sohn, dessen enorme intellektuelle Potenzen vor allem Lagerfelds Mutter sehr schnell erkannte, keine unnötigen Steine für die Selbstverwirklichung in den Weg zu legen. So konnte Karl Lagerfeld sich Schritt für Schritt, in seinem eigenen Tempo, mit den dazugehörigen Misserfolgen und Stagnationsphasen, eine außergewöhnlich umfassende Allgemeinbildung aneignen, die er mit künstlerischer Ausbildung kombinierte. Lagerfeld entwickelte eine geradezu obsessive Liebe zu Büchern. Seine auf bis zu 300.000 Bände geschätzte Bibliothek war auf mehrere Wohnungen und Häuser verteilt und stapelte sich in deckenhohen Regaltürmen.

    Mit 21 gewann Karl Lagerfeld einen Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats (IWS). Sein Entwurf eines Mantels begeisterte den Designer Pierre Balmain so sehr, dass er ihn zum Assistenten seines Modehauses machte. Über mehrere Stationen bei anderen berühmten Namen der Haute Couture, während denen er das Schneiderhandwerk von der Pike auf lernte und sich auch künstlerisch weiterbildete, entwickelte er dann seine eigene Modemarke, die viele Höhen und Tiefen durchlebte. Echten Weltruhm erlangte er zwar mit seinem Namen, aber nicht mit seinen eigenen Kollektionen. Karl Lagerfeld kreierte ab 1965 die Pelzkollektionen für das italienische Modehaus „Fendi“, dessen Logo er auch entwarf.

    Seine Wiederbelebung der Marke Chanel war Lagerfelds Meisterstück

    Vor allem die Kollektionen, die er für die Marke „Chloé“ entwarf, begründeten seinen wachsenden Status als Modedesigner der absoluten Spitzenklasse. Das Monument seiner Unsterblichkeit wurde aber erst seine Verpflichtung als künstlerischer Leiter des legendären, aber zu dem Zeitpunkt verstaubt wirkenden Pariser Haute Couture-Hauses „Chanel“, das Lagerfeld zu neuem Leben erwecken und zu neuen Meilensteinen führen sollte. Am Ende entwarf und produzierte Karl Lagerfeld jährlich sage und schreibe 14 Kollektionen, vier für seine eigene Marke, acht für das Haus „Chanel“ und zwei für „Fendi“. Wer sich eine Vorstellung von seinem außergewöhnlichen Arbeitspensum und seiner Respekt einflößenden Disziplin machen will, sollte sich die Dokumentation „Das Haus Chanel“ ansehen.

    Lagerfeld war allerdings mehr als nur reine Mode

    Nicht zu vergessen sind dabei die vielen anderen Aktivitäten Karl Lagerfelds, beispielsweise die Kreationen für Kaufhäuser und Online-Modeanbieter, seine Parfümlinien, seine Leidenschaft für Fotografie und Film und vieles mehr. Lagerfeld rettete im wahrsten Wortsinn oft in letzter Minute alte Handwerkskunst, die für die Haute Couture essentiell ist. In seiner Tochtergesellschaft „Paraffection“ bündelte er mehrere dieser hochspezialisierten Manufakturen. Ohne Lagerfelds Geld und Leidenschaft wären berühmte Unternehmen wie die Hutmacherei „Maison Michel“, das Knopfunternehmen „Desrues“, das auf Plissees spezialisierte Traditionsunternehmen „Lognon“, die Stickereimanufakturen „Lanel“, „Montex“ und „Lesage“ oder die auf komplizierte Kreationen aus Federn und Textilblumen spezialisierten Werkstätten von „Lemarié“ und „Guillet“ schon längst vom Markt verschwunden.

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    Wenig bekannt ist auch, dass Karl Lagerfeld damit anfing, rund um die als Wiege der modernen Parfümerie bekannte südfranzösische Stadt Grasse Ländereien aufzukaufen, um die durch absurde Immobilienspekulationen bedrohten Anbauflächen für Mairosen und Jasmin zu retten. Denn die aus diesen Blumen gewonnenen Parfümöle bilden eine der Grundlagen für das berühmte Parfüm „Chanel No.5“. Andere Couturiers mit eigenen Parfümlinien folgten Lagerfelds Beispiel.

    Den privaten Karl Lagerfeld kannten nur wenige

    An seinem Privatleben ließ Karl Lagerfeld die Außenwelt nur in einer relativ kurzen Phase seines Lebens teilhaben. Nach dem Tod seines langjährigen Lebensgefährten formte er einen Kreis von Vertrauten um sich, bei deren Auswahl er eine bemerkenswerte Menschenkenntnis bewies. Die Loyalität und Diskretion seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber selbst seiner so genannten Musen, mit denen er sich umgab, sorgten dafür, dass bis zu seinem Tod zwar viele glaubten, den Menschen Karl Lagerfeld zu kennen. Aber die Kenntnis von der wirklich privaten Seite Karl Lagerfelds blieb bis zu seinem Tod das Privileg von nur wenigen Menschen.

    Bleiben werden hoffentlich weniger die diversen lockeren, gelegentlich sogar geistreichen Sprüche von Karl Lagerfeld, sondern vor allem sein umfangreiches Werk, seine Kreationen. Selbst im hohen Alter hatte Lagerfeld immer noch Pläne. „Ich fordere den 48-Stunden-Tag. Mit nur 24 Stunden komme ich einfach nicht aus“, beschwerte er sich einmal gegenüber Journalisten. Nun hat Karl Lagerfeld alle Zeit der Welt. Möge er sie zu seiner Zufriedenheit nutzen.

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    Tags:
    Designer, Mode, Tod, Karl Lagerfeld, Paris, Deutschland, Frankreich