08:25 20 April 2019
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    Eine künstlerische Darstellung des Altonaer Museums

    150 Jahre Postkarte: Die SMS des 19. Jahrhunderts liegt im Sterben – FOTOs

    © Foto : SHMH Altonaer Museum
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    Valentin Raskatov
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    Die Postkarte feiert ihren 150. Geburtstag: 1869 in Österreich-Ungarn eingeführt, war sie im deutschsprachigen Raum so beliebt, dass man sie im Berlin der Kaiserzeit acht bis zehn Mal täglich zustellte. Inzwischen verdrängt von Telefon und Sozialen Medien liegt sie heute im Sterben. Die Postkarte – bald eine alte Legende?

    Dieses Jahr feiert die Postkarte ihren 150. Geburtstag. Nach etlichen Vorgängern trat sie 1869 von Österreich-Ungarn aus ihren Siegeszug durch Europa an. Im Folgejahr führte der Norddeutsche Bund sie amtlich in seinem Gebiet  ein, kurz darauf tauchte sie in anderen deutschsprachigen Gebiete auf.

    Kleine Karte – Bombenwirkung

    Wie kann man sich die Geburtsstunde des bekannten Kommunikationsmediums vorstellen? „Die Postkarte schlug ein wie eine Bombe. Am ersten Verkaufstag in Berlin, am 25. Juni 1870, wurden bereits über 45.000 Stück verkauft. Und im deutsch-französischen Krieg, der zu der Zeit auch stattfand, wurden circa zehn Millionen Feldpostkarten von deutschen Soldaten verschickt“, so eine Archivarin des Altonaer Museums in Hamburg, die namentlich nicht genannt werden wollte. Ihr Museum verfügt mit anderthalb Millionen Postkarten über die größte solche Sammlung in Deutschland.

    „Anfangs“, berichtet die Archivarin, „durften nur amtliche Vordrucke verwendet werden.“ Doch schon im Juli 1872 wurden die ersten privatwirtschaftlich hergestellten Karten zugelassen, was die Angebotsvielfalt stark vergrößerte. „Aber erst 1885 wurde es auch offiziell privaten Verlegern gestattet, Bilder auf die Karten zu drucken. Dadurch nahm die Popularität der Postkarte zu und sie erlebte ihre Blütezeit zwischen 1885 und 1918.“

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    Anfangs schrieb man ins Bild

    Die ersten Postkarten waren noch ohne Bild, dann kamen Illustrationen hinzu, nach 1918 sogar Fotos. Für die Karten mit Bild galt bis 1905: „Es war üblich, die Texte auf die Bildseite der Ansichtskarte zu schreiben. Auf der Rückseite befand sich nur ein Feld für die Adresse. Man schrieb also entweder ins Bild hinein oder auf einen kleinen freigelassenen Rand, was die Länge des möglichen Textes stark begrenzte“, so die Archivarin. Die Vielzahl der Motive und Varianten wuchs rasch heran: Orts- und Landschaftsansichten Grußkarten, Glitzerkarten mit Glaskügelchen, Transparentkarten, die einen Ort bei Tag oder Nacht simulierten, Rucksackkarten mit weiteren Ansichten und vieles mehr. Das Altonaer Museum hat Sputnik einen kleinen Querschnitt aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt:

    • Eine künstlerische Darstellung des Altonaer Museums
      Eine künstlerische Darstellung des Altonaer Museums
      © Foto : SHMH Altonaer Museum
    • Eine fotografische Ansichtspostkarte
      Eine fotografische Ansichtspostkarte
      © Foto : SHMH Altonaer Museum
    • Die Altonaer Sammlung besitzt ebenfalls Motive mit Russlandbezug. Hier etwa eine Ansichtspostkarte von Archangelsk
      Die Altonaer Sammlung besitzt ebenfalls Motive mit Russlandbezug. Hier etwa eine Ansichtspostkarte von Archangelsk
      © Foto : SHMH Altonaer Museum
    • Eine Postkarte als Einladung zu einem Gesellschaftsabend
      Eine Postkarte als Einladung zu einem Gesellschaftsabend
      © Foto : SHMH Altonaer Museum
    • Die Postkarte als Propagandamittel
      Die Postkarte als Propagandamittel
      © Foto : SHMH Altonaer Museum
    • Künstler sandten sich untereinander Skizzen ihrer Arbeiten in Postkartenform zu. Hier erkennbar: Bis 1905 schrieb man fast nur auf der Motivseite
      Künstler sandten sich untereinander Skizzen ihrer Arbeiten in Postkartenform zu. Hier erkennbar: Bis 1905 schrieb man fast nur auf der Motivseite
      © Foto : SHMH Altonaer Museum
    • Eine Rückseite einer alten Postkarte
      Eine Rückseite einer alten Postkarte
      © Foto : SHMH Altonaer Museum
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    © Foto : SHMH Altonaer Museum
    Eine künstlerische Darstellung des Altonaer Museums

    „Auch bei uns dominieren die Orts- und Landschaftsansichten“, bemerkt die Archivarin zur Altonaer Sammlung. Im Laufe der Jahrzehnte kamen weitere neue Motive dazu: Gruß- und Glückwunschkarten, Propaganda aus der Kaiserzeit und dem Dritten Reich, Feldpostkarten aus Kriegen, Karten von Hilfsorganisationen. Außerdem humoristische Darstellungen, bekannte Persönlichkeiten, Kunstreproduktionen und vieles mehr. „Die älteste Postkarte ist aus dem Jahr 1872 und die wertvollsten sind die Künstlerpostkarten der Gruppierung ‚Die Brücke‘“, so die Archivarin.

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    Von der SMS der Kaiserzeit zum Werbeträger in Kneipen

    Nach ihrer Blüte 1885-1918 verlor das Medium Postkarte immer mehr an Bedeutung. „Ein Rückgang der Postkarte war bereits nach dem Ersten Weltkrieg zu verzeichnen“, bemerkt die Archivarin. „Damals nahm auch die Anzahl der Telefonanschlüsse rapide zu und durch neue technische Reproduktionsmöglichkeiten entstand auch eine förmliche Bilderflut, die dann auch eine Alternative für die Postkartenliebhaber war“.

    Bis zum Ersten Weltkrieg habe es in den Städten mindestens dreimal am Tag Postkartenzustellungen gegeben. Von 1876 bis 1910 wurde in Berlin täglich acht bis zehn Mal zugestellt, das ermöglichte sogar kurzfristige Verabredungen per Postkarte. „Damit hat die Postkarte damals eine ähnliche Rolle gespielt wie später Telefonanrufe, SMS und soziale Netzwerke“, vergleicht die Archivarin die alltägliche Verwendung. „Das nahm aber später immer mehr ab. Inzwischen merken wir das auch, wenn wir Schenkungen von Postkarten bekommen. Wir würden auch gern zeitgenössische Postkarten sammeln, aber wir merken, dass unter den Schenkungen sehr wenige aktuelle Postkarten sind. Da machen die Werbepostkarten noch fast den größten Teil aus. Die sind aber in der Regel nicht beschriftet, das heißt: Die Postkarte als Kommunikationsmedium scheint wirklich im Aussterben begriffen zu sein.“

    Das Interview mit der Archivarin des Altonaer Museums in voller Länge:

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    Tags:
    Kommunikation, Telefone, Post, soziale Netze, Karten, Kunst, Österreich-Ungarn