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    Ukrainische Soldaten, die am Einsatz im Donbass-Gebiet beteiligt sind, zeigen ihre Militärtechnik (Archivbild)

    Donbass unter verstärktem Beschuss vor den Wahlen? - Hilferuf der „Friedensbrücke“

    © AFP 2019 / Sergei Supinsky
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    Von Paul Linke
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    Die Leiterin der „Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V.“, Liane Kilinc, berichtet von der dramatischen Lage in den Volksrepubliken Lugansk und Donezk, die sich durch die anstehende Präsidentschaftswahl in der Ukraine verschärfe. Als einzige deutsche Organisation leiste der Verein vor Ort Hilfe für Menschen, die in Isolation und im Krieg überleben.

    Im April 2014 hatte die ukrainische Regierung eine Militäroperation gegen die beiden selbstausgerufenen Volksrepubliken Lugansk (LVR) und Donezk (DVR) gestartet, die nach dem Staatsstreich in der Ukraine ihre Unabhängigkeit erklärt hatten. Nach UN-Angaben sind in dem Konflikt bereits mehr als 10.000 Menschen ums Leben gekommen.

    Schutzkeller in Gorlovka
    © Foto : Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V.
    Schutzkeller in Gorlovka

    Seit 2015 leistet die „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe e.V.“ in der Region Hilfe für die Menschen, die von Krieg, Armut und Isolation durch die internationale Gemeinschaft betroffen sind. Zwei Mal im Jahr sind Mitarbeiter der gemeinnützigen Organisation vor Ort, um mit den Betroffenen zu reden, ihre Arbeit zu koordinieren und zu kontrollieren. Erst im November letzten Jahres besuchten Mitarbeiter des Vereins die von Krieg, Zerstörung und Leid betroffenen Gebiete.

    „Trinkwasser und Grundversorgung fehlen“

    Die Vorstandsvorsitzende der „Friedensbrücke“, Liane Kilinc, zeigt sich tief erschüttert über die Situation im Donbass: „Die Trinkwasserversorgung hat sich verschlechtert. Das hängt damit zusammen, dass der Beschuss stark zugenommen hat. Uns ist bekannt geworden, dass die Trinkwasseranlagen ganz speziell bombardiert werden, um die Zivilisten zu schädigen. Wir können nur vermuten, dass es mit den anstehenden Wahlen in der Ukraine zusammenhängt“, berichtet Kilinc im Sputnik-Interview.

    Am 31. März wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt. Nach Meinung einiger Experten sowie des ukrainischen Rada-Abgeordneten und Whistleblowers Alexander Onischenko will der ukrainische Präsident Petro Poroschenko mit dem Krieg im Donbass die Wahlen zu seinen Gunsten beeinflussen. Onischenko wirft dem ukrainischen Staatschef Korruption vor. Wenn Poroschenko die Wahl nicht gewinnen sollte, drohe ihm Gefängnis, so der ukrainische Oligarch.

    Angriffe auf Zivilisten?

    Auch die Presseagentur der Donezker Streitkräfte „UNM DNR“ beklagt immer wieder zivile Opfer und angeblich „vorsätzliche“ Angriffe auf zivile Einrichtungen von Seiten der ukrainischen Armee. Gerade am 4. März ist der Agentur zufolge die Siedlung Zajcevo bombardiert worden.

    Hier die Folgen eines solchen Beschusses der Siedlung Sachanka in DVR am 4. März:

    Weitere Foto- und Videoberichte zu der kritischen Lage in den betroffenen Gebieten kann man auf der Seite der „Friedensbrücke“ finden.

    Hilfe zur Selbsthilfe

    Die Hilfsbedürftigen in den Donbass-Republiken seien zum größten Teil Veteranen, Kinder, Jugendliche und Behinderte, die nach wie vor massiv auf Unterstützung angewiesen seien, erklärt die Vorstandsvorsitzende Kilinc: „Es ist der Fall, wenn beispielsweise Renten nicht gezahlt werden oder wenn die Grundversorgung fehlt. Die Versorgung mit Heizmaterialien ist beispielweise sehr kompliziert.“

    Liane Kilinc (rechts) verteilt Hilfsgüter
    © Foto : Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V.
    Liane Kilinc (rechts) verteilt Hilfsgüter

    Am meisten bewegt zeigt sie sich von der Situation der älteren Menschen und Veteranen, „die teilweise einsam, allein leben und zurechtkommen müssen und eine sehr, sehr schwierige Lebenssituation haben.“ Das hänge damit zusammen, dass viele junge Menschen in verschiedene Richtungen die Region verließen. Die Alten fühlten sich   vergessen und alleingelassen. Gerade für diese Menschen sei die Solidarität und Hilfe es Vereins besonders wichtig, so Kilinc.

    Einsame alte Frau in DVR
    © Foto : Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V.
    Einsame alte Frau in DVR

    Der Fokus des Vereins liege auf Bildung, Kultur, Sport, Kinder, Jugend und Hilfe zur Selbsthilfe. So würden ehrenamtliche Mitarbeiter unter anderem Nähwerkstätten und Saatgutaktionen organisieren. „Das heißt, die Leute sollen sich selbst versorgen, in dem sie selbst anbauen. Wir stellen die Materialien zur Verfügung“, bemerkt die Vereinsvorsitzende. Dafür arbeite die Friedensinitiative sehr intensiv mit den Behörden vor Ort zusammen, „um die Hilfe auch gezielt durchführen zu können“, sagt Kilinc.

    „Wie Mäuse im Mäusekäfig“

    Ein weiteres wichtiges Ziel der Organisation sei „Isolation und die mediale  Blockade, die hier existiert, zu durchbrechen“, unterstreicht die Friedensaktivistin. Für die Leute sei die Isolation „ganz furchtbar“, erklärt die Vorsitzende. Die Menschen fühlten sich, „wie Mäuse im Mäusekäfig“. Deshalb versuche die Friedensorganisation die betroffenen Menschen aus dieser Isolation herausbringen. So habe der Verein seit 2015 Turniere in verschiedenen Städten sowie Friedenscamps für 4.230 Kinder organisiert, erklärt Kilinc.  Auch Patenschaften mit Universitäten, Schulen und Kindergärten seien ein wichtiger Teil dieser Vereinsarbeit.

    Volleyball- und Gymnastikmannschaft der Schule Nr. 2 in Gorlovka
    © Foto : Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V.
    Volleyball- und Gymnastikmannschaft der Schule Nr. 2 in Gorlovka

    Ein verzweifelter Appell: „Donbass-Republiken sind frei“

    Zur Überwindung des Konflikts und der Krise sieht die Friedensaktivistin nur einen Ausweg: Die Anerkennung von DVR und LVR durch die internationale Gemeinschaft. „Wir fordern das, weil die Donbass-Republiken frei sind. Sie können frei entscheiden, sie können frei wählen, weil  die Regierung in Kiew durch einen Putsch an die Macht gekommen ist und damit die Souveränitätsrechte der Bürger aufgehoben wurden. Damit war der Weg frei, dass die Bürger in den Volksrepubliken Wahlen abhalten können und damit ihre Unabhängigkeit legitimiert ist. Ganz einfach.“ Auch der Verein habe dazu einen klaren Standpunkt, der auf der Internetseite „fbko.org“ nachzulesen ist. Dort findet man auch weitere Informationen zur Arbeit der Organisation, die man gleichzeitig durch Spenden unterstützen kann. Bereits im April 2019 machen sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter der „Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V.“ wieder auf den Weg in den Donbass, um den Menschen vor Ort zu helfen. „Wir bitten um Eure solidarische Unterstützung und Spenden“, heißt es auf der Webseite.

    Das komplette Interview mit Liane Kilinc zum Nachhören:

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