11:37 23 März 2019
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    Österreichischer Karikaturist Gerhard Haderer

    Karikaturist Gerhard Haderer: Man darf den Medien die Macht nicht übergeben

    CC BY-SA 4.0 / Manfred Werner (Tsui) / Gerhard Haderer, Österreichischer Kabarettpreis 2016 in der Urania in Wien, Österreich
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    Alexandra Konkina
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    Gerhard Haderer zählt zu den bedeutendsten satirischen Zeichnern. Im Interview mit Sputnik erzählt Haderer, ob Satire Grenzen haben muss, wofür Angela Merkel eine Rüstung braucht und warum ein Karikaturist als Chronist der menschlichen Verblödung gilt.

    Dieses Jahr ist Haderer mit Deutschlands einzigem Satire-Preis ausgezeichnet worden. Seine Cartoons erscheinen unter anderem in den Zeitschriften „Titanic“, „Geo“ und „Stern“.

    Im Februar erhielten Sie den einzigen deutschen Satirepreis „Göttinger Elch“. Laut der Jury sind Sie „einer der ganz Großen der satirischen Kunst“. Wie wichtig ist dieser Preis für Sie?

    Ich habe große Freude an diesem Preis in Göttingen. Ich habe bisher nicht so viele Preise angenommen, diesen aber sehr gerne, weil er ein Preis für satirische Kunst ist, die nicht nur Nonsens produziert, sondern wo es darum geht, eine Form von Satire auszuzeichnen, die sich auch politisch zu Wort meldet.

    Sie zeichnen seit 40 Jahren Karikaturen. Was ist Ihr Zugang zur satirischen Kunst?

    Ich habe begonnen als malender Karikaturist – das heißt, nicht in wenigen Strichen etwas auszusagen, sondern ganz opulente, sehr detailreiche Bilder zu verfertigen. Das hat damit zu tun, dass ich manchmal nur eine bestimmte Realität abbilde, die jeder vor seiner Haustür findet, und die betroffenen Menschen finden solche Abbildungen lustig. Bei klassischer Karikatur geht es darum, in wenigen Strichen große Themen zu vereinfachen, aber ich schaue alltäglichen Menschen genau aufs Maul, das ist mein persönlicher Zugang zur satirischen Kunst.

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    Der Kalte Krieg gilt als die Hochzeit der politischen Satire. Die Karikaturen widerspiegelten die ganze Geschichte des Ost-West-Konflikts. Wie sieht die Situation heute aus?

    Wenn man wie in meinem Fall seit 30 Jahren zeichnet, dann ist ganz klar, dass es vor 30 Jahren eine andere Situation gab als die, die es heute gibt. Die Metaphern aus den Zeiten des Kalten Krieges in dieser Form sind nicht mehr zu finden. Als Top-Themen gelten jetzt neue nationalistische Tendenzen, ein Rechtsruck in vielen Ländern, die Einschränkung von Freiheitsrechten, und dagegen muss man auftreten.

    Die Freiheit der Kunst hat offenbar aber auch Grenzen. Im Jahr 2005 wurden Sie von einem Athener Gericht wegen Ihres Karikaturen-Bands „Das Leben von Jesus“ zu sechs Monaten Haft verurteilt. Wo sind für Sie persönlich die Grenzen der Satire?

    Ich akzeptiere keine Grenzen, die von Glaubensorganisationen gesetzt werden. Wir leben hier in Europa in einem aufgeklärten demokratischen System, und hier gibt es die Freiheit der Kunst und die Freiheit des Wortes. Und daher muss es auch möglich sein, sich mit religiösen Inhalten satirisch auseinanderzusetzen. Ich wurde verurteilt, da haben Sie Recht, aber in zweiter Instanz freigesprochen, das ist auch ganz wichtig festzuhalten.

    Mit Bezug auf die Islam-Karikaturen ist die Situation noch schwieriger. Warum hört Ihrer Meinung nach die Freiheit der Kunst ein Stück weit auf, wenn es um den Islam geht?

    Ich äußere mich nur zu Umständen, die ich gut kenne. Hier in Österreich gibt es ein Übermaß an katholischer Tradition, und über diese Fundamentalisten habe ich immer wieder Karikaturen gezeichnet. Wenn es um militanten Islamismus geht, selbstverständlich auch. Aber Religion ist gar nicht mein Hauptthema, obwohl ich grundsätzlich der Meinung bin, die Welt wäre viel friedlicher, wenn es gar keine Religionen geben würde.

    Neben den religiösen Themen sind oft Politiker auf Ihren Karikaturen zu sehen. Zu Zeiten der Flüchtlingskrise zeichneten Sie Angela Merkel in Rüstung. Passt dieses Bild auch heute?

    Diese Zeichnung entstand vor mittlerweile fünf Jahren. Damals hatte ich den Eindruck, diese Dame muss sich ganz fest rüsten gegen den Widerstand, den sie nach ihren Worten „Wir schaffen das“ bekam. Und ich bin davon überzeugt, dass das Bild auch heute noch passt.

    Merkel Rüstung
    © Foto : Gerhard Haderer
    Merkel Rüstung

    Über Bundeskanzler Sebastian Kurz sagten Sie einmal, dass „er eben so aussieht, dass er eine fertige Karikatur ist“. Was meinten Sie damit?

    Damit ist seine mediale Performance gemeint. Ein telegener Entertainer wie Sebastian Kurz wäre heute als Kanzler auch in anderen Ländern der europäischen Gemeinschaft denkbar.

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    Laut Ihren eigenen Worten ist ein Karikaturist ein Chronist der menschlichen Verblödung. Ist das nicht etwas böse formuliert?

    Ich kann das leider nicht milder formulieren. Viele wenden sich frustriert von der Politik ab und ziehen sich in ein neues Biedermeier zurück. An der Gestaltung einer lebendigen Demokratie sollte sich aber jede einzelne Peron beteiligen, denn man darf nicht den Medien die Macht übergeben.

    • Festung Europa
      Festung Europa
      © Foto : Gerhard Haderer
    • Merkel
      Merkel
      © Foto : Gerhard Haderer
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      Hai
      © Foto : Gerhard Haderer
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    Festung Europa
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    Satire, Nominierung, Karikatur, Preis, Interview, Gerhard Haderer, Angela Merkel, Österreich, Deutschland