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07:27 19 August 2019
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    Ein Feuerwehrmann an Bord des US-Flugzeugträgers USS Kitty Hawk (Archivbild)

    Hello, Kitty: Wie ein sowjetisches U-Boot einen US-Flugzeugträger rammte

    © AP Photo / Steve Helber
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    Nikolai Protopopow
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    Ein atomgetriebenes U-Boot mit Nuklearwaffen, eine Angriffsflugzeugträgergruppe und die Gefahr einer großen Katastrophe – vor genau 35 Jahren, am 21. März 1984, kollidierten im Japanischen Meer das sowjetische Atom-U-Boot K-314 und der US-Flugzeugträger „Kitty Hawk“.

    Einer der größten Zwischenfälle auf hoher See zwischen den beiden Supermächten endete glücklicherweise ohne menschliche Opfer und ernsthafte Folgen. Im Jahr 2000 machte „Kitty Hawk” erneut Schlagzeilen, als russische Militärflieger über ihr Deck flogen und die Flugabwehr der Amerikaner versagte. Über diese zwei Episoden in der jüngsten Geschichte erfahren Sie mehr in diesem Artikel.

    Jagd nach Flugzeugträger

    Im März 1984 entwickelten sich die Ereignisse rasant. Ein starkes Geschwader mit der „USS Kitty Hawk“ an der Spitze tauchte im Japanischen Meer auf. Dieser schwimmende Flugplatz mit einer Wasserverdrängung von 76.000 Tonnen diente seit 1961 in der US-Kriegsflotte. An Bord befanden sich rund 100 Flugzeuge verschiedener Typen. Das Kopfschiff wurde von mehreren Kreuzern, Fregatten, Zerstörern mit lenkbaren Raketenwaffen und Versorgungsschiffen geschützt. Die Angriffsgruppe bewegte sich in Richtung südkoreanische Küste, um an den gemeinsamen Übungen „Team Spirit ‘84” teilzunehmen.

    Die Aktivitäten der Schiffe des potentiellen Gegners nahe den sowjetischen Grenzen blieben in der Pazifikflotte nicht unbemerkt. Die Handlungen und Bewegung der Flugzeugträgergruppe werden vom Atom-U-Boot K-314 des Projekts 671 Jorsch verfolgt. Das U-Boot ist mit Torpedos mit 533-mm-Kaliber, Minen und dem Anti-U-Boot-Komplex Wjuga, dessen Raketentorpedos mit Atomgefechtsköpfen bestückt waren und ein gegnerisches Schiff aus einer Entfernung von mehr als 40 Kilometern vernichten konnten, bewaffnet.

    Nach mehreren Tagen autonomer Fahrt ortete das sowjetische U-Boot die Flugzeugträgergruppe. Das U-Boot folgte dem Flugzeugträger, blieb allerdings unbemerkt. Alles verlief planmäßig, bis es zu einer Verzögerung bei der Aufnahme der Kommunikation des U-Boots vor der südkoreanischen Küste mit der Kommandostelle kam. Die Flugzeugträgergruppe konnte sich auf eine Distanz von etwa 20 Seemeilen absetzen. Der Kommandant des U-Boots und Kapitän 2. Ranges, Wladimir Jewssejenko, musste den Amerikanern in voller Fahrt hinterhereilen. Auf Hochtouren sind Atom-U-Boote deutlich lauter. Die akustischen Systeme von „Kitty Hawk” orteten schnell das U-Boot, die Flugzeugträgergruppe drehte bei und aktivierte die Funksperre. Die Bordjets hoben nicht ab.

    Zusammenstoß

    Die wiederholte Ortung der Flugzeugträgergruppe war dank des großen Anti-U-Boot-Schiffs „Wladiwostok” möglich, das sich in der Nähe befand. Es übermittelte die genauen Koordinaten der Amerikaner. Am 21. März erblickte die Besatzung des sowjetischen U-Boots die Schiffsgruppierung 150 Meilen vor der Küste Südkoreas. Die Verfolgung erfolgte unter Wasser. Nach einiger Zeit beschloss der Kommandant, die Lage zu präzisieren, stieg auf eine Tiefe von nur zehn Metern und fuhr das Periskop hoch.

    Jewssejenko sah die Schanzbeleuchtung der US-Schiffe, die nur vier bzw. fünf Kilometer entfernt waren. Doch plötzlich wurde das U-Boot von einem starken Schlag erschüttert, nach einigen Sekunden von einem weiteren. Es stellte sich heraus, dass der Flugzeugträger deutlich näher war und beide Schiffe auf Gegenkurs fuhren. Die K-314 stieß direkt in die Mitte der Flugzeugträgergruppe. „Kitty Hawk” prallte in voller Fahrt auf das U-Boot. Bei einem weiteren Zusammenstoß wurde die Triebwelle beschädigt, das sowjetische U-Boot verlor schnell an Geschwindigkeit.

    Das U-Boot musste an die Oberfläche kommen, blitzschnell tauchten US-Fliegerkräfte auf – die Gelegenheit, ungestraft das neueste sowjetische U-Boot zu fotografieren, durfte nicht verpasst werden. Das beschädigte U-Boot wurde zum Stützpunkt geschleppt – in Begleitung der Flugzeuge und Fregatten des potentiellen Gegners.

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    Die Übungen „Team Spirit” wurden gestoppt. „Kitty Hawk” begab sich zum japanischen Marinestützpunkt Yokosuka, wo das Schiff repariert wurde. Im Kielraum hatte die sowjetische U-Boot-Schraube ein vier mal sechs Meter großes Loch hinterlassen, dazu noch an einer gefährlichen Stelle, nahe der Treibstofftanks, weshalb mehrere Tausend Tonnen Kerosin ins Meer flossen. Nur durch ein Wunder brach kein Feuer aus. Nach dem Vorfall wurde Kommandant Wladimir Jewssejenko entlassen, er musste fortan seinen Dienst an Land verrichten.

    Unerwartete Gäste

    Der Zusammenstoß zwischen K-314 und „Kitty Hawk” war ein bitterer Vorfall für alle Matrosen der Pazifikflotte. Die Revanche folgte 16 Jahre später, als russische Militärflieger das Flugabwehrsystem einer Angriffsflugzeugträgergruppe – wieder mit „Kitty Hawk” an der Spitze – durchbrachen. Im Oktober 2000 erfüllte die Angriffsflugzeugträgergruppe Aufgaben im Japanischen Meer bei Übungen mit den südkoreanischen Kollegen. Im neutralen Gewässer etwa 600 Kilometer von Wladiwostok enfernt flogen zwei Aufklärungsflugzeuge Su-24MR der russischen Luftstreitkräfte mehrere Male in niedriger Höhe über das Deck der „Kitty Hawk” und nahmen alles, was dort vor sich ging, auf.

    Sowjetischer Jagdbomber vom Typ Su-24
    © Sputnik / Skrynnikow
    Sowjetischer Jagdbomber vom Typ Su-24

    Über die Details der damaligen einzigartigen Operation sprach der unmittelbar beteiligte Kommandant des Fliegergeschwaders der 799. einzelnen Aufklärungsflugzeugsregimentes, Oberst a.D. Alexander Renew, der eines der beiden Flugzeuge steuerte. „Sie haben gepennt“, erinnert er sich. „Das erste Mal flog ich in einer Höhe von 30 Metern, das zweite und dritte Mal waren es 50. Das Umfliegen dauerte rund 20 Minuten. Nach der zweiten Runde, als ich bereits alles fotografiert hatte, stieg vom Deck des Flugzeugträgers eine F-18 auf. Sie versuchte sich anzunähern, doch die Su-27, die mich begleitete, verhinderte dies. Die Su näherte sich mir auf zehn bis 15 Meter, die F-18 flog auch in der Nähe, so beendeten wir zu dritt das Umfliegen.“

    Das zweite russische Aufklärungsflugzeug wurde von den Amerikanern am Überflug gehindert. Über dem Flugzeugträger flogen bereits einige F-14. Sie verhinderten, dass das russische Flugzeug tiefer als 500 Meter nach unten ging. Die zweite Besatzung fotografierte die „Kitty Hawk” nur von der Seite, so Renew.

    Laut dem Piloten wurde der Flugzeugträger trotz der vom Kommando der Pazifikflotte erhaltenen Koordinaten nicht sofort geortet. Die Pazifikflotte gab einen konkreten Punkt an, doch für die Vereinbarung des Flugs mit dem Generalstab verging einige Zeit, und der Flugzeugträger bewegte sich zu einer anderen Stelle.

    „Dorthin flogen wir natürlich nicht“, so Renew. „Denn ein Flugzeugträger ist wie ein Hai – er bewegt sich ständig mit einer Geschwindigkeit von 20-25 Knoten. Wir näherten uns ihm in einer Höhe von nur 50 Metern an – und blieben unbemerkt. Die Su-27-Piloten wussten dabei nicht, wohin wir fliegen – ihnen wurde einfach der Befehl erteilt, uns zu begleiten, das war’s. Als ich danach mit dem Piloten des Kampfjets sprach, einem jungen Kerl, war er entzückt – er war noch nie zuvor in so einer extrem niedrigen Höhe geflogen. Wir kannten die genauen Koordinaten nicht, flogen auf gut Glück. Der Treibstoff war zu Ende, wir wollten schon abziehen. Doch plötzlich sah der Steuermann rechts einige Masten über dem Wasser. Es sagte: „Schau, das sind die Antennen.“ Wir gingen etwas nach oben, und da stand dieser Koloss.“

    Effektvolle Fotosession

    „Kitty Hawk” war vom japanischen Hafen Otaru nach einem Marinemanöver nach Südkorea unterwegs und wurde zum Zeitpunkt des Auftauchens der russischen Flugzeuge von einem Tankschiff betankt. Sie wurde nur von einem Zerstörer überwacht, der übrigens von den Su-Kampfjets ebenfalls von allen Seiten fotografiert wurde. Die anderen Schiffe befanden sich weiter entfernt, etwa zehn bzw. 15 Kilometer. Die Flieger überrumpelten die Besatzung der „Kitty Hawk”. „Ein drittes Mal zu fliegen, wäre schon frech von unsgewesen. Wir durchbrachen alles – Flugabwehr, Wache, erfuhren etwas über die Ausrüstung, die Zeit des Reagierens. Diese Operation war auch von großer politischer Bedeutung. Es sind schon 19 Jahre vergangen, und die Amerikaner lassen im Japanischen Meer kein Säbelrasseln mehr hören. Sie dachten doch, dass die Fliegerkräfte bei uns gar nicht fliegen.“

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    Nach dem Vorfall wurde die komplette Spitze der Flugabwehr der Flugzeugträgergruppe sowie der Kommandant der Fliegergruppe entlassen. Die US-Presse übte scharfe Kritik an der Marine, auch die Matrosen selbst sprachen abfällig über das Vorgehen der Besatzung der „Kitty Hawk”. Das wird unter anderem durch eine E-Mail bestätigt, die vom Flugzeugträger von einem Besatzungsmitglied verschickt und durch russische Militärs abgefangen wurde. Der Text war voller Kraftausdrücke.

    „40 Minuten nach der Alarmmeldung flogen die russischen Su-27 und Su-24 mit einer Geschwindigkeit von 500 Knoten über den Turm der „Kitty Hawk“, wie bei „Top Gun“ verschütteten die Offiziere auf der Brücke den Kaffee. Ich sah den Kapitän an – sein Gesicht war blaurot.“

    Laut Renew war es zuvor nur einmal geschafft worden, einen US-Flugzeugträger aus solch geringer Höhe zu fotografieren. Mitte der 1970er Jahre wurde von der Besatzung des sowjetischen Langstreckenbombers Tu-16R eine ähnliche Operation absolviert. Auf die Frage, ob die Amerikaner gegen die Flieger das Feuer hätten eröffnen können, sagte er: „Sie hätten das machen können, sie hätten es geschafft.“

    Dabei kritisierte Renew das Vorgehen der russischen Militärs, die per E-Mail die Aufnahmen an den Kommandanten der Fliegergruppe der „Kitty Hawk” schickte: „Die Aufnahmen wurden von Offizieren unserer Aufklärungsabteilung verschickt, das war eine große Dummheit. Man darf das auf keinen Fall machen, nur um ein bisschen prahlen zu können.“

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    Tags:
    Zusammenstoß, Atom-U-Boot, Nuklearwaffen, Kollision, Flugzeugträger, Atomwaffen, Kalter Krieg, U.S. Navy, Sowjetunion, Südkorea, UdSSR, USA