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04:36 17 Juli 2019
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    Einfahrt zu einer Autobahn in der Volksrepublik Donezk (Archivbild)

    Donbass-Tour: Tripadvisor bietet Reisen an die Front an

    © Sputnik / Sergej Awerin
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    Oxana Bobrowitsch
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    Auf der Touristik-Webseite Tripadvisor ist ein Angebot zu finden, von Kiew aus ins „Gebiet der russischen Aggression gegen die Ukraine“ im Donezbecken zu reisen.

    Der Kundendienst der Reiseplattform bestätigte gegenüber Sputnik, dass es tatsächlich ein solches Angebot gibt. Am selben Tag wurde aber die Reservierung von Fahrkarten gestoppt, ohne die Gründe dafür zu erläutern.

    Sputnik verfügt über Screenshots mit der Beschreibung des Angebots und mit den Kommentaren des Kundendienstes.

    NB: Später löschte Tripadvisor das umstrittene Angebot, jedenfalls von der englischen und französischen Seite*.

    In der Tourismusbranche werden Reisen in Konfliktgebiete schon seit Jahren angeboten. Und es gibt sehr viele Menschen, die eine Extradosis Adrenalin einem langweiligen Strandurlaub vorziehen. Sie können gerne in die Zentralafrikanische Republik, nach Syrien, Afghanistan oder in den Irak reisen. Jetzt wurde auch die Ukraine auf diese Liste gesetzt. Während Touristen schon seit vielen Jahren in die Umgebung des AKW Tschernobyl gefahren werden, ist das Angebot, den Konfliktraum in der Ostukraine zu besuchen, ganz neu** auf dem Markt.

    Auf der Website des französischen Außenministeriums steht beispielsweise mit großen Buchstaben schwarz auf weiß geschrieben, dass die Situation im Osten der Ukraine „an der ganzen Frontlinie von Mariupol bis Lugansk angespannt bleibt“ und dass „einige Kontrollstellen und Infrastrukturobjekte Angriffen ausgesetzt werden“. Dennoch hindert dies Tripadvisor nicht daran, Reisen in die Donbass-Region zu verkaufen.

    Für eine eher bescheidene Summe von 357,05 Euro kann jeder „Tourist“ mit seinen eigenen Augen „die Frontzone sehen, wo Russland die Ukraine während des Krieges (2014 bis 2019) angriff, unweit von Slawjansk und Kramatorsk“.

    Screenshot der Website Tripadvisor mit dem Angebot der „Donbass-Tour“
    © Foto : Screenshot
    Screenshot der Website Tripadvisor mit dem Angebot der „Donbass-Tour“

    Tripadvisor schreibt gerade vor unseren Augen ein neues Kapitel der Geschichte, indem die Website vom „Krieg 14-18“  schreibt, der angeblich aus einer „russischen Aggression“ resultiert. Es ist unwahrscheinlich, dass adrenalinsüchtige Reisende, die „die neueste europäische Geschichte miterleben wollen“ (so die Werbung für die „Donbass-Tour“), ihre Zeit für die Überprüfung von Fakten vergeuden werden, um selbst zu entscheiden, ob diese Behauptung stimmt oder nicht. Es könnte aber dazu kommen, dass ihre Namen nach dieser „Tour“ weltbekannt werden – in der Rubrik „Internationale Zwischenfälle“.

    Ein Sputnik-Reporter hat den Kundendienst von Tripadvisor angerufen und ausführlichere Informationen über das „Produkt 66123P22“ angefordert.

    „Außer der Erwähnung der Panzerweste und des Helms sehe ich keine besonderen Anforderungen aus Sicht der Sicherheit“, sagte eine Mitarbeiterin des Kundendienstes. „Einen Moment, ich überprüfe, was der Anbieter dieser touristischen Dienstleistung dazu schreibt.“

    Dieser hinterließ aber leider keine speziellen Hinweise. Große Reisebüros, die Reisen in gefährliche Gebiete anbieten, orientieren sich normalerweise an einem weltweit anerkannten ethischen Kodex der Tourismusbranche, dem zufolge jegliche Reisen in Konflikträume verboten sind. Es scheint, dass die Reisen in den ukrainischen Konfliktraum eine kleine ukrainische Firma anbietet, deren Kontaktdaten Tripadvisor Sputnik zur Verfügung gestellt hat. Diese Firma macht sich offenbar keine Sorgen über die Sicherheit ihrer Kunden.

    >>>„Nicht russische“ Schreibweise: Klimkin freut sich über Duden-Eintrag zu Kiew<<<

    Das sei ein neues Produkt, dass es „erst seit Februar gibt“, präzisierte die Tripadvisor-Mitarbeiterin. Bislang sei noch keine einzige Reise gebucht worden.

    Eine besondere Frage bezieht sich auf die Teilnahme von Minderjährigen an der Donbass-Reise. Tripadvisor bemerkt dazu: „Kleine Kinder müssen auf dem Schoß von erwachsenen Personen sitzen.“

    „Kinder ab zwei Jahren dürfen an dieser Rundfahrt teilnehmen“, sagte die Tripadvisor-Kundenberaterin. „Jedenfalls werden Sie alle Informationen zum Alter der Kinder auf ihrer Reservierungsseite sehen.“

    Leider ist dabei nicht angegeben, bis zu welchem Alter Kinder auf dem Schoß von Erwachsenen sitzen müssen. Es gibt auch keine Angaben dazu, ob es für Kinder besondere Schutzmittel gibt, wenn jedem Teilnehmer „ein Foto in Panzerweste und Helm“ garantiert wird.

    Es wird häufig über den „Kriegstourismus“ als Tourismus für Menschen gesprochen, die auf ungesunde Art neugierig*** sind. Im ersten Halbjahr 2018 ist die Touristenzahl in der Ukraine um 1,7 Prozent auf 6,22 Millionen zurückgegangen. Es stellt sich die Frage: Geht es dem ukrainischen Tourismus dermaßen schlecht, dass Reisebüros vom Leid der eigenen Bürger profitieren wollen?!

    Der Anbieter der „Donbass-Tour“ hat keine Antwort auf die Sputnik-Anfrage gegeben.

    * Dieses Produkt wird vorerst nicht mehr angeboten. Mögliche Gründe: die Saison ist vorbei, alle Tickets sind verkauft, das Produkt ist nicht mehr aktuell“, heißt es auf der Website von Tripadvisor.

    ** Das Angebot hat für Entsetzen von Facebook-Nutzern in den Kommentaren zum Beitrag auf der Seite des ukrainischen Journalisten und Bloggers Jewgeni Spirin gesorgt:

    https://www.facebook.com/mark.spirin.3/posts/2469917133043119

    Im Juni hatte die ukrainische Föderale Nachrichtenagentur über die Initiative der Generalstaatsanwaltschaft zur „Unterbindung von Kriegstourismus im Donezbecken“ berichtet.

    *** Frankreichs Außenministerium bietet die Internetplattform Ariane an, wo man sich als Tourist registrieren lassen kann, wenn man in einen Konfliktraum reisen will.

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    Tags:
    Reise, Krieg, Skandal, Tourismus, Tripadvisor, Ostukraine, Volksrepublik Lugansk, Volksrepublik Donezk, Frankreich, Ukraine