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05:37 18 Oktober 2019
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    Passagiere in dem Flughafen Tegel (Archiv)

    Flughafenbau in Berlin als Beschäftigungstherapie? – Nach-Nutzung von Tegel unklar

    © AFP 2019 / JOHN MACDOUGALL
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    Der Berliner Senat diskutierte erneut die Nachnutzung des Flughafen Tegels. Ohne die Eröffnung des neuen Flughafens BER fehlt dafür allerdings die Grundvoraussetzung. Auch wichtige andere Bedingungen sind unklar. Zusätzlich wurde das Gebäude des Flughafen Tegels pünktlich zur Senatssitzung unter Denkmalschutz gestellt.

    Die Dauerposse um die Öffnung des Großflughafens Berlin Brandenburg International, eigentlich kurz BBI, allgemein als BER bekannt, hat mittlerweile ein Stadium ständiger Langeweile statt erneuter Aufregung erreicht. Das ist nicht risikolos, weil in einer solchen Atmosphäre erneut Schlamperei oder Wahnwitz auf der Baustelle und im Gesamtprojekt die Oberhand gewinnen könnten, wenn die Öffentlichkeit nicht genau genug hinsieht.

    In der Politik des Landes Berlin scheint es hingegen eine Sehnsucht zu geben, einer Absurdität immer noch eine weitere hinzufügen zu wollen. Die Nachnutzung des Geländes des Flughafens Tegel gestaltet sich ähnlich fragwürdig, wie der Bau des BER, an dem das Land Berlin mit nur 37 Prozent beteiligt ist. Für die Planungen nach Zeit, wenn in Tegel der letzte Passagier und das letzte Gepäckstück abgefertigt sind, hat hingegen Berlin das Zepter in der Hand, selbst wenn Bundesrecht natürlich mit zu beachten ist.

    Planungsfirma seit 2011 – Nachnutzungspläne trotzdem noch nicht fertig

    Dass der BER weiterhin unfertig ist, kann kaum als Entschuldigung dafür herhalten, dass die Planungen für die Nachnutzung von Tegel immer noch nicht abgeschlossen sind. Immerhin hat Berlin wegen der Endlospannenserie auf der BER-Baustelle inzwischen schon acht Jahre zusätzliche Planungszeit geschenkt bekommen. Es geht eigentlich „nur“ um Planungen, um grundsätzliche Dinge zu klären, sodass am Tag 1 nach Tegel-Schließung sozusagen der erste Spatenstich für die Bau- und Umbauarbeiten vorgenommen werden kann.

    Seit 2011 existiert die privatrechtlich organisierte landeseigene „Projekt Tegel GmbH“, die auf ihrer Internetseite grafisch ziemlich effektvoll ein Bild von der Zukunft des Noch-Flughafenareals Tegel malt. Das ist aber mit der Realität so gar nicht in Einklang zu bringen. Auf der Sitzung des Berliner Senats, am 02. April 2019, zeigte sich, dass derzeit im Grunde genommen nur klar ist, dass noch gar nichts klar ist. Die „Besprechungsunterlage“ von Stadtentwicklungs- und Bausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) ging von einem Baubeginn im April 2021 aus. Das setze allerdings voraus, dass der BER tatsächlich im Oktober 2020 seinen Betrieb aufnimmt.

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    Größtes Hindernis für Nachnutzung ist Tegel selbst – Der Flughafen wird immer noch gebraucht

    Doch bei der Sitzung des BER-Untersuchungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, am 29. März 2019 offenbarte die Befragung eines Regionalbereichsleiters des Technischen Überwachungsvereins (TÜV) ganz erhebliche Zweifel, ob der Eröffnungstermin 2020 wirklich zu halten ist. Inzwischen werden ganz offen sogar schon Supergauszenarien zumindest „gedacht“. Demnach könnten Teile der bereits vorhandenen Bausubstanz in Schönefeld wieder abgerissen und von Grund auf neu gebaut werden, weil sich offenbar nur so wirklich zuverlässig der Brandschutz sicherstellen lässt. Der führt bis heute nur konsequent die Mängelliste an.

    Sollte Berlin wider Erwarten doch mal „planmäßig“ seinen „Willy Brandt“-Flughafen bekommen, ist nicht sichergestellt, dass sofort der Komplex in Tegel im Sinne des „Masterplanes“ vom März 2013 neu- und umgebaut wird.
    Es scheinen nicht mal Vorplanungen in einem Stadium der Genehmigungsfähigkeit zu sein. Von den bislang nicht abgeschlossenen Prüf- und Genehmigungsverfahren für neue oder anzupassende Infrastruktur, wie etwa neue Straßen für Wohn- und Gewerbegebiete, U-Bahn-Anbindung, Rückbau der Autobahnzubringer usw. ganz zu schweigen.

    Liste der Unklarheiten für Tegel-Nachnutzung ist lang

    Probleme gibt es nach wie vor im Zusammenhang mit der Tatsache, dass der westliche Teil des Flughafengeländes Trinkwasserschutzgebiet ist. Die so genannte Rollwegbrücke, auf der nach wie vor Flugzeuge zwischen Rollfeld und Start- und Landebahn pendeln können, soll eigentlich abgerissen werden. Hier soll ein Kreisverkehr entstehen. Die Ausschreibungen dafür sind im Februar 2017 veröffentlicht worden. Solange aber Tegel benötigt wird, kann die Brücke selbstredend nicht abgerissen werden. Und möglicherweise wird eine neue Ausschreibung für die Abrissplanungen nötig, wenn noch mehr Zeit ins Land geht. Berlin hat sich ausdrücklich ein Sonderkündigungsrecht vor der Auftragsvergabe ausbedungen, um auf die Unwägbarkeiten im „BER-mudadreieck“ reagieren zu können. Und dass die Berliner FDP nach wie vor darauf pocht, dass nach dem erfolgreichen Volksentscheid für ein Offenhalten von Tegel die Rollwegbrücke nicht abgerissen wird, sei hier nur am Rande erwähnt.

    Typisch Berlin – Flughafenumbau planen, ihn aber vorher zum Denkmal erheben

    Ganz andere Fragen stellen sich jetzt im Zusammenhang mit dem eigentlich bislang von niemandem in Frage gestellten Umbau des heutigen Terminal A für die Beuth Hochschule für Technik. Das ist im Moment noch für März 2022 in den Planungsunterlagen der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung festgeschrieben. Aber erstens hängt auch das davon ab, ob der BER 2020 tatsächlich eröffnet wird. Und zweitens ist noch unklar, ob die geplanten Umbauten tatsächlich so stattfinden können, wie bislang erträumt. Denn, irgendwie typisch für Berlin, ob Zufall oder nicht, pünktlich zur Senatssitzung wurde ausgerechnet am 1. April der Flughafen Tegel unter Denkmalschutz gestellt. Nicht nur der markante, achteckige Gerkan/Marg-Bau aus dem Jahr 1979, sondern auch der vielen gar nicht bekannte nördliche, militärische Teil.

    Der Denkmalschutzstatus hat zwar keine Auswirkung auf den (noch) laufenden Flughafenbetrieb, betonte die Denkmalschutzbehörde. Aber ob das auch für die Planungen der Nachnutzung gilt, kann oder will im Moment niemand sagen. Allerdings hat Berlin in den zurückliegenden Jahren oft bewiesen, dass Denkmalschutz im Zweifel gar nichts bedeutet, wenn andere Interessen der Berliner Politik erstrangiger erscheinen. Das skandalöse Desaster der Beinahe-Ruinierung der unersetzlichen Friedrichwerderschen Kirche von Karl Friedrich Schinkel durch rücksichtslose Bauarbeiten der Bauwert Gruppe für Luxuswohnungen, ist nur eines von vielen Beispielen.

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    Tags:
    Planung, Untersuchung, Bau, Eröffnung, Flughafen, Flughafen Tegel, Deutschland