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04:18 15 Oktober 2019
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    Der beim Nato-Luftschlag zerbombte Passagierzug in Grdelica (Archivbild)

    Wie Nato-Jets einen Passagierzug in Jugoslawien „versehentlich” vernichteten

    © AP Photo / Darko Vojinovic
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    Zerrissene Passagierwaggons, Leichname, verstreut umherliegende Körperteile und Wrackteile des Zuges, die zwei Kilometer entfernt vom Ort des blutigen Dramas entdeckt wurden – Einwohner eines kleinen serbischen Dorfes erinnern sich noch heute mit Entsetzen an das blutige Trümmerfeld, was die Nato einen „Kollateralschaden“ nennt.

    Vor 20 Jahren, am 12. April, dem zweiten Tag des orthodoxen Osterfestes, fuhr ein Personenzug von Nis nach Vranje und Ristovac. Seine Route verlief durch die südserbische Ortschaft Grdelica. Um 11.40 Uhr wurden die Häuser der Einwohner von Grdelica von einer starken Explosion erschüttert, bei der Fenster und Türen zerbarsten. Die Einwohner dieser Häuser wussten in dem Moment sofort, dass die Nato-Fliegerkräfte die nahegelegene Sarajewo-Brücke über den Fluss Südliche Morava (Juzna Morava) bombardiert hatten.

    Ljubomir Nikolic, der von seinem Haus in Grdelica direkt auf die Brücke schauen kann, erinnert sich daran, wie er damals nach Hause eilte, um zu schauen, ob die Fensterläden geschlossen sind. Die Ereignisse des damaligen Tages prägten sich in sein Gedächtnis ein. Ihm zufolge war die Explosion so stark, dass er durch die Druckwelle im eigenen Haus auf den Boden geworfen wurde.

    Seine Nachbarin Gordana Stamenkovic erzählt, dass sie während der Explosion auf der Terrasse war. „Der Zug fuhr vorbei und explodierte plötzlich – der Zug geriet in Flammen, Menschen begannen zu weinen und zu schreien, einige sprangen in den Fluss Morava, um sich zu retten“, erinnert sie sich mit Tränen in den Augen.

    Vladimir Golubovic hatte Glück. Als das zweite Geschoss den Zug traf, war er nur wenige Meter von dem in viele Stücke zerfetzten Waggon entfernt.

    „Zuerst traf ein Geschoss den Zug, der zweite Waggon wurde in zwei Teile zerrissen. Wir liefen zu viert zum unversehrt gebliebenen dritten Waggon, um den Menschen dort zu helfen, herauszukommen. Da hörten wir die dritte Rakete heranfliegen. Wir liefen schnell zurück zum Auto. Als wir am Auto waren, verstanden wir, dass die zweite Rakete auch den dritten Waggon in zwei Teile zerfetzt hatte. Wir hätten noch dort sein können. Nur fünf Minuten – und wir wären dort gewesen“, erzählt Golubovic.

    Zoran Jovic, der 1999 erst 14 Jahre alt war, erzählt, dass er damals nur 150 Meter vom Explosionsort war. „Im Gedächtnis blieb vor allem haften, was alles in der Morava herumschwimmt. Da gab es Leichname, Körperteile, persönliche Sachen der Passagiere, Brückenteile. Das war tatsächlich sehr schwer, sehr schmerzhaft“, erinnert er sich an die Bilder, die bei ihm selbst nach 20 Jahren noch vor den Augen entstehen.

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    Ähnliche schreckliche Erinnerungen teilt auch Vladimir Golubovic: „Man kann das nicht vergessen – Teile der Leichname klebten buchstäblich an angrenzenden Häusern.“

    Beschäftigte einer Tagesklinik waren schnell vor Ort. Der damalige Klinikleiter Ceda Jovic erinnert sich daran, wie die Einheimischen in voller Einsatzbereitschaft begannen, den Ärzten zu helfen.

    „Die Menschen, die in der Nähe wohnten, schlugen vor, zu helfen und die Verletzten zu holen. Wir bildeten drei mobile Gruppen, baten das nahegelegene Krankenhaus um Hilfe – das Medizinische Zentrum in Leskovac, so dass die Operation zur Rettung der Überlebenden und Verletzten maximal schnell abgeschlossen wurde.“

    Grausame Bilder vom Trümmerfeld  in Grdelica gingen um die Welt. Die Nato-Führung bezeichnete den Mord an unschuldigen Menschen als Kollateralschaden, indem behauptet wurde, dass das Ziel des Angriffs die Brücke war. Nato-Kommandeur Wesley Kanne Clark stellte zynisch fest, dass der Zug zu schnell gefahren und die Rakete schon zu nahe am Ziel gewesen sei, um sie umzulenken. Erst nach einem Jahr schrieb die „Frankfurter Rundschau“, dass die Nato um das 4,7-fache zu schnell laufende Videos benutzte, um zu beweisen, dass die Bombardierung des Zuges wegen dessen schnellen Auftauchens ein unvermeidbarer Unfall war. Ähnlicher Meinung sind serbische Experten.

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    Der Militärexperte und Oberst Rajica Boskovic behauptet, dass besondere Aufmerksamkeit auf das zweite Geschoss, das von der Allianz auf den Zug abgefeuert wurde, gerichtet werden müsse.

    „Angesichts der Tatsache, zu welchem Zeitpunkt das Geschoss den Zug traf, bewegte sich die Lokomotive schon 100 Meter auf der Brücke und der Zug fuhr mit einer Geschwindigkeit von 18 m/s. Sie hatten genug Zeit, um zu verstehen, dass auf der Brücke ein Zug war. Wenn man Parallelen zwischen dem Bombenangriff auf Grdelica und den Kriegen im Irak und Libyen zieht, wird klar, dass dort genau dasselbe geschah, und keine Zweifel bestehen, dass die Nato-Verbrechen vorwiegend böswillig waren“, so Boskovic.

    Die Einwohner von Grdelica können bis heute nicht verstehen, warum niemand bis heute für dieses Verbrechen zur Verantwortung gezogen wurde. „Ich war sehr böse, also nicht erschrocken, sondern richtig böse. Das war ein Passagierzug, er brachte Menschen an diesem Ostertag zu ihren Verwandten und Angehörigen. Hier gab es kein Militärobjekt. Wenn das Ziel darin bestand, die Brücke zu zerstören, so blieb sie letztendlich stehen“, erinnert sich der ehemalige Leiter der Tagesklinik.

    Am Denkmal vor der Eisenbahnbrücke in Grdelica sind 14 Namen der identifizierten Opfer eingraviert. Einige Leichname wurden nicht identifiziert. Nach Angaben der Schaffners gab es rund 50 Passagiere im Zug. Die Aufschrift auf der Gedenktafel  „Nicht Menschen, sondern die Unmenschlichkeit der Menschen machen Angst“ sagt vieles über dieses schreckliche Verbrechen.

    Die Einheimische Slavica Valcic, die damals 20 Jahre alt war, sah diese Tragödie mit eigenen Augen. Sie kann sich nicht vorstellen, wie ein Mensch mit Gewissen so etwas anderen Menschen antun kann. „Was soll ich noch sagen. Nur dass Grdelica und seine Einwohner das nie vergessen werden. Wir sind alle böse auf die USA und die Nato“, sagte sie.

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    Tags:
    Passagierzug, Luftschlag, Zivilopfer, Luftangriff, Jugoslawienkrieg, NATO, Westen, Balkan, Europa, Jugoslawien, Albanien, Kosovo, USA, Serbien