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06:30 18 Juli 2019
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    Zeitreisende aus der DDR: Mit Digedags und Abrafaxen durch die Weltgeschichte

    Zeitreisende aus der DDR: Mit Digedags und Abrafaxe durch die Weltgeschichte

    © Foto : MOSAIK – Die Abrafaxe 2019
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    Alexander Boos
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    Im Dezember 1955 erscheint in Ost-Berlin das erste „Mosaik“-Heft, damals noch mit den „Digedags“. Seit 1976 erleben die DDR-Comic-Helden „Abrafaxe“ Abenteuer in Serie. Per Zeitsprung bereisen sie frühere Epochen, auch das zaristische Russland. Am Mittwoch erscheint das 750. Heft der Comic-Reihe. Sputnik war bei den Machern in Berlin vor Ort.

    Im brandneuen Heft (Nr. 521, Mai 2019), das am Mittwoch erscheint, befinden sich die Abrafaxe in Russland. „Aktuell sind sie gerade in der Zeit der Hanse unterwegs, in der Zeit um 1430“, erklärte Robert Löffler vor Ort gegenüber Sputnik. Er ist Pressesprecher beim „Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag“ in der „Abrafaxe“-Villa in Berlin-Westend.

    „Die Abrafaxe sind durch einen Zufall Teil eines Schatzerben-Kollektivs geworden. Die Suche nach dem letzten Erben hat sie nach Nowgorod geführt, wo die Hanse damals ein wichtiges Zentrum hatte und die Hanse-Kaufleute aus Deutschland hingefahren sind, um Pelze, Wachs, Honig und alles, was die russischen Wälder hergeben, einzukaufen. In Nowgorod sind die Abrafaxe angekommen. Jetzt fahren sie aber erst einmal zurück nach Lübeck über Pskow (in Nordwestrussland – Anm. d. Red.). Mit einer Troika durch den Schnee im Winter, durch die russischen Wälder, wo sie Abenteuer bestehen müssen.“

    © Foto : MOSAIK – Die Abrafaxe 2019

    Die Abrafaxe: Das sind die drei Comic-Helden Abrax, Brabax und Califax. Sie reisen quer durch die Zeit und erleben immer wieder neue spannende Abenteuer in den unterschiedlichsten historischen Epochen. Der Mosaik-Comic erschien erstmals in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 1955 in Ost-Berlin und ist damit die langlebigste deutsche Comic-Zeitschrift. Seit 1976 stehen die drei Abrafaxe im Mittelpunkt der Geschichten, zuvor waren es die Digedags. Die Comic-Reihe wird im besagten Verlag „Mosaik Steinchen für Steinchen“ verlegt. Comic-Zeichnerin Lona Rietschel und Abrafaxe-Autor Lothar Dräger schufen die drei Figuren. Dräger verstarb im Juli 2016 in Potsdam im Alter von 89 Jahren.

    Der Zauber der „Abrafaxe“

    Der Mosaik-Pressesprecher nannte das Erfolgsrezept der Reihe: „Man merkt, dass die Abrafaxe zutiefst humanistische Figuren sind. Sie sind menschenfreundlich. Califax hat immer seinen Rosmarin-Extrakt dabei. Wenn er auf seinen Abenteuern einen Kranken trifft, dann versucht er ihm, damit zu helfen. Da die Abrafaxe selbst ziemlich kleine Jungs sind, ist es logisch, dass sie auf der Seite der kleinen Leute stehen.“

    „Mosaik“-Pressesprecher Robert Löffler
    © Sputnik / Alexander Boos
    „Mosaik“-Pressesprecher Robert Löffler

    Diese Haltung der drei Comic-Figuren sei von Anfang an so angelegt und werde bei allen Geschichten und Abenteuern immer wieder klar deutlich. Nicht nur deshalb erfreute sich das Mosaik in seinem Entstehungsland, der DDR, großer Beliebtheit. Bis heute kommt der überwiegende Teil der Leser aus Ostdeutschland, aber es gibt auch etliche Mosaik-Fans in Westdeutschland, sogar einige in Österreich und der Schweiz. Darunter natürlich sehr viele junge Leserinnen und Leser.

    „Man kann sich selbst noch daran erinnern, an die Zeiten, als man klein war und die Mosaik-Geschichten in- und auswendig kannte. Genauso können die Kinder heute die Geschichten lebendiger erzählen als wir, die das Heft gemacht haben. Da merkt man auch, dass es bei unseren jungen Lesern angekommen ist.“ Der Erfolg der Mosaik-Hefte erkläre sich ebenso damit, „dass wir seit über 40 Jahren jeden Monat ein neues Heft herausbringen. Dass wir immer am Ball bleiben und uns jeden Monat Gedanken machen für eine neue Story. Die muss ja auch gezeichnet werden. Wir setzen uns da selber unter Druck. Wir haben eine Verpflichtung unseren Lesern gegenüber nach so vielen Jahren, dass das Heft fertig wird und pünktlich da ist.“

    Wende gut überstanden

    Das aktuelle Jubiläums-Heft der „Mosaik“-Reihe fällt mit dem Datum 30 Jahre Mauerfall zusammen. Ein Blick auf die Historie der Heftreihe verrät: Der Zentralrat der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) war in der DDR der Herausgeber der Hefte. Die Auflage betrug mehr als eine halbe Million Hefte. Sie erhöhte sich in den 1980er Jahren durch technische Umstellungen in der Produktionsweise auf knapp eine Million Exemplare pro Ausgabe. Das Mosaik war am Kiosk meist schon kurz nach Erscheinen vergriffen. Dies lag nicht zuletzt auch am sehr niedrigen Heftpreis von 60 Pfennig. Doch dann musste das Heft plötzlich den Mauerfall überstehen.

    Die Wende sei eine schwierige Zeit gewesen, erinnerte sich Löffler. „Lona Rietschel, die die Figuren der Abrafaxe entwickelt hatte, hat in der damaligen Zeit auch mitgezeichnet. Sie hat immer gesagt: Man wusste manchmal nicht, ob das Heft noch im nächsten Monat erscheint. Die Zeichner haben einfach weitergezeichnet. Im Laufe des Jahres 1991 war dann klar, dass der Verlag ‚Junge Welt‘, der zur FDJ gehört hatte, liquidiert wird. Mosaik hatte immer schwarze Zahlen geschrieben, daran lag es nicht.“

    Der heutige Geschäftsführer, Klaus D. Schleiter, habe kurz darauf „das Mosaik kennen-, lieben und schätzen gelernt. Er hat den Verlag dann 1991 mit allen Mitarbeitern übernommen, und seitdem gibt er das Mosaik heraus.“ Danach folgte der Umzug der Zeichner- und Redaktions-Räume in den Westen Berlins.

    Vom DDR-Produkt zum gesamtdeutschen Comic-Erfolg

    Auch nach der Wende riss die Erfolgsserie der Heftreihe nicht ab. Das Mosaik gilt gegenwärtig als ältestes, auflagenstärkstes und damit erfolgreichstes Comic-Heft deutscher Produktion. Die Abrafaxe stehen als längster Fortsetzungscomic der Welt sogar im Guinness-Buch der Rekorde. Der Verlag zählt laut Eigenaussage über 40.000 Abonnenten. Mittlerweile erfährt jede Ausgabe eine Auflage von ca. 100.000 Heften. Bisher wurden weit über 200 Millionen Hefte der Reihe verkauft. Fans haben das Internet-Portal „Mosapedia“ (in Anlehnung an die Online-Enzyklopädie „Wikipedia“) geschaffen. Im Juli 2018 wurde der „Mosaik“-Redaktion beim „Sechsten Internationalen Massenmedienwettbewerb: Die Hanse – Verbindung der Zeiten“ in Pskow der zweite Platz verliehen. „Für die erkenntnisreiche Arbeit für Kinder“, hieß es in der Begründung.

    Die „echten“ Abrafaxe begrüßten Sputnik herzlich auf dem „Mosaik“-Anwesen.
    © Sputnik / Alexander Boos
    Die „echten“ Abrafaxe begrüßten Sputnik herzlich auf dem „Mosaik“-Anwesen.

    Immer wieder werde der Verlag gefragt, ob es denn nun – 30 Jahre nach der Einheit – mal ein Abenteuer der drei Comic-Helden per Zeitreise in der DDR geben werde. „Mosaik ist ein Comic, der sich eher um weiter zurückliegende Geschichte kümmert. Die DDR-Zeit ist doch ein relativ kontroverses Thema, solange noch Zeitzeugen leben. Wir wollen eigentlich nicht so sehr in das 20. Jahrhundert reingehen. Wir waren einmal mit den Abrafaxen in Amerika zur Prohibitionszeit 1929. Ich glaube, viel weiter in die Zukunft werden die Abrafaxe nicht kommen.“

    Es sei ein Alleinstellungsmerkmal des Mosaik-Hefts, dass es seinen Lesern stets historisches Wissen über die jeweilige Zeitepoche näherbringe, in dem sich die Abrafaxe im jeweiligen Heft befinden. Wie eben aktuell im Russland des 15. Jahrhunderts.

    Russische Ausgabe und Weltreise zum Kreml

    Russland war einige Male das Ziel der Abrafaxe. In den Heftreihen 344 bis 357 (erscheinen von August 2004 bis September 2005) startete das Trio sein Abenteuer im Jahr 1894 im zaristischen Russland. „Die Abrafaxe hatten einen Zeitsprung gemacht und sind in Sankt Petersburg rausgekommen. Dort haben sie auch Zar Alexander III. und weitere Abenteurer getroffen.“ Es entstand eine Wette, wer als schnellster einmal um die Welt reisen würde. „Ausgangspunkt der Reise war St. Petersburg und Ziel der Weltreise war der Kreml. Da ging es rund um die Erde, da war Russland nur ein kleiner Teil des Abenteuers.“

    © Foto : MOSAIK – Die Abrafaxe 2019

    1992 erschienen im russischen Verlag „Ogonjok“ mehrere russischsprachige Ausgaben der Abrafaxe. „Unser Herausgeber, Klaus D. Schleiter, hatte damals zur Premiere des ersten Hefts den damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin getroffen.“ Die Reihe musste jedoch später aus finanziellen Gründen eingestellt werden. Die hohe Inflation beim Rubel-Kurs machte dem Projekt einen Strich durch die Rechnung.

    Sich treu geblieben: Der „Mosaik“-Stil

    Ein Team aus 20 Leuten kreiert monatlich in Berlin-Westend die beliebte Comic-Reihe, so Löffler. Dabei habe sich der beinahe manufakturartige Produktionsprozess seit den ersten Heften fast nicht verändert.

    „Die eigentlichen Grundlagen sind immer noch genauso wie vor 40 oder 50 Jahren“, nannte er ein weiteres Erfolgsgeheimnis der Reihe. Jedes Mosaik-Heft werde „mit Herz und Hand“ produziert. Davon konnte sich Sputnik vor Ort hautnah überzeugen. „Das Mosaik wird immer noch wie in der Anfangszeit gemacht. Der Autor denkt sich eine Geschichte aus, und dann setzen sich die Zeichner hin und illustrieren diese. Mit Bleistift setzen sie die Figuren in Szene.“ Danach werde mit Pinsel und Tuschfarbe nachgezeichnet. „Damit die Umrisse auch gestochen scharf sind.“ Der letzte Schritt ist das Färben und Colorieren. „Das wird heutzutage, schon seit 20 Jahren, mit Hilfe des Computers gemacht, weil man da einfach mehr Möglichkeiten hat.“

    © Foto : MOSAIK – Die Abrafaxe 2019

    Das 750. Mosaik-Heft „Der letzte Erbe“ erscheint am 24. April und ist überall am Kiosk oder im Fachhandel erhältlich. Als Besonderheit liegt allen Heften ein riesengroßes Poster im Format 64 x 90 cm bei, auf dem alle bisherigen 750 Titelbilder zu bestaunen sind. Im Dezember 1955 erschien das erste Heft mit den Digedags. Seit Januar 1976 erleben die Abrafaxe Monat für Monat unglaubliche Abenteuer im Mosaik. 229 Digedags-Hefte plus 521 Abrafaxe-Hefte ergibt insgesamt 750 Mosaik-Hefte.

    Das Radio-Interview mit Robert Löffler zum Nachhören:

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