04:34 21 November 2019
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    Proteste gegen hohe Mietpreise in Berlin

    50 Euro pro Quadratmeter? Absurde und dreiste Mietangebote in deutschen Großstädten

    © REUTERS / Fabrizio Bensch
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    „Gewöhnliche Wohnungen“ für 40 Euro pro Quadratmeter - In Berlin, Hamburg und anderen gefragten deutschen Städten erlebt man bei der Wohnungssuche Wunder. Eigentlich ist so etwas verboten – und dennoch ist dieser Wucher legal.

    Berlin-Charlottenburg — Ein berühmter Stadtteil. Und ein begehrter Stadtteil, wo es sich aber nicht jeder leisten kann, zu wohnen. Die Quadratmeterpreise bewegen sich hier zwischen 13 und 17 Euro – sagt der aktuelle Mietspiegel. Darauf müsste man sich bei der Wohnungssuche einstellen. Worauf sich die meisten Sucher allerdings wohl nicht einstellen, ist das:

    Eine voll möblierte Wohnung, Strom und Wasser inklusive. Bei 27 Quadratmetern Fläche eher für eine Person angelegt. Klingt ganz nett, hat aber einen entscheidenden Knackpunkt: Die 1150 Euro Miete. Umgerechnet sind das 42,59 Euro pro Quadratmeter.
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    Eine voll möblierte Wohnung, Strom und Wasser inklusive. Bei 27 Quadratmetern Fläche eher für eine Person angelegt. Klingt ganz nett, hat aber einen entscheidenden Knackpunkt: Die 1150 Euro Miete. Umgerechnet sind das 42,59 Euro pro Quadratmeter.

    Das ist nur eines von vielen Angeboten der Madrider Wohnungsplattform „Spotahome“, auf der alle Wohnungen mit englischsprachigen Begleittexten zu versehen sein scheinen. Man könnte einwenden, dass sich diese Angebote nicht nur an Berliner sondern auch an Nichtdeutsche auf Wohnungssuche richtet. Und an Menschen auf Durchreise, die diese Angebote von der Ferienwohnungsbörse Airbnb“ gewohnt sind.

    Von ähnlichen Phänomenen wird auch aus anderen Städten berichtet. In Hamburg etwa vermiete eine gewisse „Aukando GmbH“ aus Stade Altbauwohnungen weiter, die sie mit Rigipswänden in Kleinstwohnungen unterteilt habe — zu sagenhaften 56 Euro je Quadratmeter, wie die Hamburger „Morgenpost“ berichtete.

    Nun könnte man fragen: Gab es da nicht die Mietpreisbremse für Mietwohnungen, die nicht zehn Prozent über dem Mietspiegel liegen dürfen? Und wie war das mit der Zweckentfremdungsverbotsverordnung, die es verbietet, Mietwohnungen in Ferienwohnungen mit wechselnden Gästen umzuwandeln?

    „Hier nutzen Vermieter ein kleines Schlupfloch in der Anwendungspraxis“, teilt Wibke Werner, Stellvertretende Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins gegenüber Sputnik mit. Zwar gelte in Berlin die Mietpreisbremse – sogar für möblierte Wohnungen – aber: „Das Problem ist, dass es bei den möblierten Wohnungen unglaublich schwer ist, die zulässige Miete zu ermitteln, weil man den Möblierungszuschlag ausrechnen müsste. Damit wird die Mietpreisbremse umgangen und der Mieter, der diese Wohnung anmietet, wird ganz große Schwierigkeiten haben, die Mietpreisbremse durchzusetzen.“

    Zwischenrechnung: 17 Euro beträgt der höchste Quadratmeterpreis derzeit. Mit den zehn Prozent zusätzlich, die die Mietpreisbremse erlaubt, wäre der maximale Preis pro Quadratmeter 18,70 Euro. Bei 27 Quadratmetern ergibt sich: 18,70*27 = 504,90 Euro Kosten für die Wohnung. Wenn man diese 504,90 Euro von den 1150 Euro abzieht, die die Wohnung tatsächlich kostet, bleibt ein Restbetrag von 645,10 Euro. Diesen Betrag zahlt der Mieter monatlich also für Strom, Wasser und Möbel drauf.

    Wie hoch ist denn der maximale Möblierungszuschlag? „Das ist umstritten“, bemerkt Werner. „Momentan sagt das Landgericht Berlin, der sei höchstens zwei Prozent des Zeitwerts der Möbel, mit denen die Wohnung eingerichtet ist. Aber auch da geht es schon los, dass ich erstmal vom Vermieter Auskunft darüber einfordern muss, wie der Zeitwert der Möbel ist, wann die angeschafft worden sind. Es wird dem Mieter sehr schwer gemacht, da eine genaue Zahl, eine genaue Miethöhe zu ermitteln.“

    Es müsse geprüft werden, ob hier ein Verstoß gegen die Zweckentfremdungsverbotsverordnung vorliegt, findet Werner. Hier wäre das Problem aber wahrscheinlich, dass die Mietverträge über einen längeren Zeitraum abgeschlossen werden, als es bei Ferienwohnungen üblich ist und damit nicht mehr so eingestuft werden.

    Umfrage

    Bleibt immer noch die Frage: Warum sind angesichts der Wohnungsnot solche Wohnungen möglich?
    • Die Gesetze sind zu lasch!
      41.7% (138)
    • Verbrecher finden immer einen Trick...
      39.0% (129)
    • Das sind doch eh nur Ausnahmefälle.
      2.7% (9)
    • Wo ist das Problem? Meine Immobilie, mein Preis.
      11.5% (38)
    • Das ist noch viel zu wenig Miete.
      5.1% (17)
    abgestimmt: 331

    Prüfen ließe sich auch, ob eine Nutzung von Mietwohnungen zu gewerblichen Zwecken vorliegt. „Das wäre der Fall, wenn der Anbieter dieser möblierten Apartments die Wohnungen seinerseits angemietet hat und weitervermietet“, erklärt Werner. Das ist der Fall beim Hamburger Beispiel. Erschwerend käme schließlich noch hinzu, dass der Anbieter nicht in Deutschland sitzt und es deswegen „schwer ist, an ihn heranzukommen“.

    Eine Ähnlichkeit zu „Airbnb“ sieht auch Werner: „Es scheint sich hier um mit Airbnb vergleichbare Angebote zu handeln“, bestätigt sie und fügt hinzu: „Wir empfehlen die Finger davon zu lassen, weil es einfach eine Abzocke ist.“ Um gegen solche Abzocken aber erfolgreich vorzugehen, fehlt noch jeder Ansatz. Es gebe keine Übersicht über die Zahl solcher Wohnungen. „Es ist die Frage, wie man die Mietpreisbremse auf die möblierten Apartments besser anwendet“, fährt Werner fort. Es müssten Regelungen zum Möblierungszuschlag geschaffen und Verschärfungen der Mietpreisbremse und der Zweckentfremdungsverbotsverordnung vorgenommen werden. Aber das sei ein langwieriger Prozess.

    Das Interview mit Wibke Werner in voller Länge:

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    Tags:
    Mietpreisbremse, Miete, Wohnung, Schutz, Immobilien, Hamburg, Berlin