19:05 15 Dezember 2019
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    Pädagogikprofessor: „Am besten lernt man Schreiben mit Schiefertafel und Griffel“

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    Experten warnen, dass Schüler immer schlechter schreiben können. Manche fordern die Rückkehr zur DDR-Schulausgangsschrift. Pädagogikprofessor Michael Ritter ist selbst in der DDR aufgewachsen und hält das für übertrieben. Trotzdem sei Schreiben unersetzlich. Und am besten lerne man es mit Schiefertafel und Griffel.

    Herr Ritter, Experten fordern, wieder stärker die Handschrift, das Schönschreiben zu fördern. Wozu? Die Zukunft liegt doch im Digitalen? 

    Die Forderung nach intensiverem Handschriftunterricht ist so alt wie die Schule. Es ist auch tatsächlich nach wie vor wichtig, das Schreiben mit der Hand zu erlernen. Es reicht nicht aus, das über die Tastatur zu erwerben. Es geht hierbei weniger um Schönschrift, als mehr darum, dass Kinder eine funktionale, also eine für sie gut nutzbare Handschrift erwerben.

    Man kann tatsächlich rein an der Tastatur kein Schreiben lernen?

    Das könnte man schon - als reines Schreiben an der Tastatur. Aber es geht auch darum, Buchstaben aus der Bewegung heraus zu erkennen. Ein "A" fühlt sich anders an als ein "B", wenn man es mit der Hand schreibt. Nur so kann das Gehirn verarbeiten, was die Hand macht. Auf einer Tastatur fühlt sich das "A" dagegen genauso an wie das "B". Damit verliere ich eine Sinnesebene und das erschwert das tatsächliche Verstehen. Was allerdings natürlich nicht heißt, dass Kinder nicht auch auf der Tastatur schreiben lernen sollten.

    Was sagen Sie dazu, dass Pisa-Sieger Finnland sich von der Schreibschrift in der Schule verabschiedet hat?

    In Finnland schreiben Kinder nach wie vor mit der Hand. Finnland hat sich lediglich von der verbundenen Ausgangsschrift verabschiedet. Das ist durchaus zeitgemäß, denn das kommt noch aus einer Zeit, als mit einer Breitfeder und einem Tintenfass geschrieben wurde. Doch schon mit dem Aufkommen des Kugelschreibers war das nicht mehr funktional. Heute brauchen Kinder eine flüssige, formklare und in der Bewegung verbundene Handschrift.

    Wie wird denn aktuell in Deutschland Schreiben gelehrt an der Schule?

    Es gibt die lateinische Ausgangsschrift, die Schulausgangsschrift, die in den neuen Bundesländern viel geschrieben wird, die vereinfachte Ausgangsschrift und seit einigen Jahren die Grundschrift. Die Grundschrift ist die erste Schrift, die sich von der Idee der verbundenen Ausgangsschrift verabschiedet. Es ist eine Art verbundene Druckschrift. Es ist tatsächlich so, dass die verbundenen Ausgangsschriften kein Erwachsener mehr schreibt. Sie scheinen mehr einen didaktischen Wert zu haben. Trotzdem greift der Unterricht in Deutschland noch zu vielleicht 90 Prozent auf diese drei erstgenannten verbundenen Schreibschriften zurück. Wenn wir also heute tatsächlich eine schlechtere Handschrift hätten - was ich bezweifle - dann wäre das in erster Linie ein Scheitern des traditionellen Schreibunterrichts.

    Welche Schrift favorisieren Sie?

    Ich habe keine eindeutige Favoritenschrift. Ich bin aber der Meinung, dass Kinder nicht der Schönschrift willen schreiben lernen sollten, sondern es sollte ausschließlich dem Schreiben und Lernen dienen. Dahin gibt es viele Wege. Viele junge Kinder haben motorische Probleme. Da bietet es sich an, mit einer Druckschrift zu beginnen. Alles Weitere liegt dann in der Hand der Pädagogen.

    Also spielen Aspekte wie "Schönheit" und "Ästhetik" für Sie keine Rolle? Ich erinnere mich noch lebendig an die Schönschreibhefte in der DDR. Oder die Kinder in der Sowjetunion, die schreiben konnten "wie gedruckt".

    Ich bin auch in der DDR aufgewachsen und habe noch den traditionellen Schreibschriftunterricht genossen. Das hat aber nicht dazu geführt, dass ich eine schöne Handschrift entwickelt habe. Ich bin also eher ein Beispiel dafür, dass dieser Unterricht nicht funktionierte. Und trotzdem war ich in der Schule sehr erfolgreich. Es war in der DDR und in der Sowjetunion, aber auch im Westen früher, sicher auch ein Akt der rhythmisierten Disziplinierung, eine Bindung zum Lernen, wie sie heute nicht mehr favorisiert wird.

    Üben, üben, üben.

    Richtig. Das ist auch einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir haben heute ganz andere Anforderungen: interkulturelle Bildung, Mehrsprachigkeit, Kreativität, selbstständiges Denken, Lesedidaktik. Und da belegen Studien eben auch von den Kollegen, die jetzt den mangelnden Schreibunterricht kritisieren, wie Wolfgang Steinig mit der vielzitierten "Siegener Erklärung zur Schrift in der Schule", dass Kinder heute sehr viel souveräner sind im Umgang mit Schrift als noch vor vierzig Jahren. Das führt allerdings tatsächlich dazu, dass Bereiche, die früher einen großen Stellenwert hatten, wie eben das Schönschreiben, an den Rand gedrängt werden. Die Schwerpunkte an Schulen haben sich also verlagert. Darüber kann man wiederum tatsächlich diskutieren.

    Gibt es eine Verbindung zwischen Handschrift und Persönlichkeitsentwicklung?

    Es gibt da viele Theorien und wenig Belege. Den Zusammenhang zwischen Handschrift und Persönlichkeit sehe ich eher kritisch. Aber sicher ist eine funktionierende Handschrift eine wichtige Grundlage dafür, dass ich im Unterricht, aber auch im späteren Leben in diversen schriftsprachlichen Handlungssituationen erfolgreich sein kann. Eine gut entwickelte Handschrift ist sehr, sehr wichtig.

    Da könnte man doch das Alte mit dem Neuen verbinden und auf dem Tablet schreiben mit einem Stift, der das Geschriebene in Digitalschrift umwandelt?

    Solche Programme gibt es bereits. Aber es geht ja vielmehr darum, Bewegungsroutinen zu entwickeln. Das Ziel ist es, dass dies automatisiert, "blind" vom Gehirn abrufbar ist, dass man uns die Augen verbinden kann und wir trotzdem schreiben können. Und diese Bewegungsroutinen müssen, damit sie im Gehirn abgespeichert werden können, vom Finger mit einer intensiven Erfahrung versehen werden. Je rauer das Papier, umso stärker der Widerstand.  Es ist also für Kinder ein viel intensiveres Erlebnis, mit einem Bleistift auf rauem Papier zu schreiben, als mit einem Kugelschreiber auf einem glatten Papier oder gar mit einem Finger oder Stift auf einem Tablet.  Am allerbesten zum Schreiben lernen ist tatsächlich Schiefertafel und Griffel.

    Im Ernst?

    Ja, ich würde allen Lehrern empfehlen, im Klassenraum mehrere Schiefertafeln und Griffel zu haben – besonders Kindern mit motorischen Problemen hilft dies ungemein.

    Das Interview mit Prof. Dr. Ritter zum Nachhören:

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    Tags:
    Entwicklung, Gehirn, Handschrift, Griffel, Schiefertafel, Schüler, Professor, Schreiben