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19:59 15 Juli 2019
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    Fans und Spieler des 1. FC Union Berlin feiern nach dem 0:0 gegen den VfB Stuttgart den Aufstieg in die 1. Bundesliga (Archiv)

    Die, die sich nicht vom Westen kaufen lassen, schreiben ihr eigenes Märchen

    © REUTERS / HANNIBAL HANSCHKE
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    Matthias Witte
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    Der 1. FC Union Berlin ist das, was jeder Fußballfan gerne über seinen Verein sagen würde: authentisch. Dazu sind die Berliner arm, aber laut und seit Dienstagabend erstklassig. Der Verein aus dem Stadtteil Köpenick steigt nach einem 0:0 gegen den VfB Stuttgart in die Bundesliga auf.

    Dass Union Berlin kein normaler Verein ist, merkt man im Stadion an der Alten Försterei aller spätestens bei der Vorstellung der Heimmannschaft. Stadionsprecher Christian Arbeit (was für ein Name) ruft Vor- und Nachnamen der Spieler in sein Mikrophon, von den Tribünen kommt es laut zurück: „Fußballgott!“ Das zieht sich bis zum letzten Ersatzspieler durch. Bei Union gibt es keine Stars, der Star ist die Mannschaft. Ob Toptorjäger oder Ersatztorwart – jeder im Team ist ein Fußballgott. Das hat seinen Grund.

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    Eine Erklärung, warum der Name „Arbeit“ für den Stadionsprecher so gut passt, als hätten sie ihn erfunden: Als der Verein vor etwa elf Jahren kein Geld für eine nötige Renovierung des Stadions von 1920 hatte, packten über 2.000 Fans an. Sie setzten mit den Händen Stein auf Stein und brachten die Spielstätte auf Vordermann.

    Vier Jahre später gab der Verein Stadion-Aktien aus. Über 5000 Anhänger kauften sich ihren persönlichen Teil an ihrem Stadion. So sicherten sich die Fans knapp die Hälfte der Anteile an der Spielstätte. Damit ist so gut wie ausgeschlossen, dass ein Sponsor – egal wieviel Geld er hat – seinen Namen über die Spielstätte hängt.

    Als Berliner Arbeiterklub gegründet, harte Zeiten folgten

    Union ist ein vergleichsweise neuer Klub. 1966 ging er aus dem Ostberliner Verein FC Olympia Oberschöneweide hervor. Hans Modrow, der letzte Regierungschef der DDR sagte, er habe sich in den 60er Jahren als damaliger SED-Jugendsekretär gemeinsam mit Herbert Warnke, dem Vorsitzenden des Bundesverbands des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), dafür eingesetzt, dass Ostberlin neben den Polizeiklubs BFC Dynamo und FC Vorwärts einen zivilen Fußballverein, einen Arbeiterklub, bekommt. Das war die Geburtsstunde des 1. FC Union Berlin. 

    Nachdem Vorwärts von Berlin nach Frankfurt/Oder umgesiedelt wurde, begannen harte Zeiten für den Union. Die Trainingszentren in Berlin und Brandenburg wurden neu sortiert und zwar zu Gunsten der Polizeivereine und zu Ungunsten der Köpenicker. Während Union nur sechs dieser Zentren zugesprochen wurde, besaß der BFC Dynamo 38. Auch durch diesen Nachteil beim Nachschub an Talenten stieg Union Berlin aus der DDR-Oberliga ab.

    Danach entwickelte sich der Verein zur Fahrstuhlmannschaft, nach Aufstieg folgte Abstieg. Diese harten Zeiten, in denen die Politik den Köpenickern immer wieder Steine in den Weg legte, indem zum Beispiel die besten Spieler zu anderen Vereinen wechseln mussten, schweißten Anhänger und Team zu einer Einheit. Nicht von ungefähr nennen sich die Unioner die „Eisernen“.  

    Wende, finanzielle Abgründe, 2. Liga, Aufstieg

    Nach der Wende folgten noch härtere Zeiten und mehreren Fast-Pleiten. Der Verein drohte in den Niederungen des Amateurfußballs zu verschwinden. Doch 2009 stieg der Verein wieder in die 2. Bundesliga auf. Bis heute unvergessen bleibt dabei ein Sieg beim größeren Hauptstadtverein, Hertha BSC, im Jahr 2011. Das Tor zum 2:1 im Berliner Olympiastadion erzielte Torsten Mattuschka. Derselbe Spieler vergab im nächsten Heimspiel in der letzten Minute einen Elfmeter zum Sieg gegen den VfL Osnabrück. Trotzdem wurde er von den Unionern nach Schlusspfiff für sein Siegtor gegen Hertha mit minutenlangen Ovationen gefeiert.

    Mehr als Ovationen gab es am Dienstagabend. Durch das 0:0 gegen den VfB Stuttgart steigt Union Berlin jetzt zum ersten Mal in die Bundesliga auf. Der Jubel kannte keine Grenzen und ist auch noch nicht verstummt, am Mittwoch geht die Sause mit einer Schifffahrt von Mitte bis nach Köpenick weiter.

    Zu den ersten Aufstiegsgratulanten gehörten die Hauptstadt-Rivalen. Hertha-Manager Michael Preetz freute sich für die „Eisernen“, schickte allerdings auch eine Kampfansage von Charlottenburg nach Köpenick:

    ​Mit Hertha BSC wird es Union in der kommenden Saison wieder zu tun bekommen – dann zum ersten Mal in der 1. Bundesliga.

    Wie immer seit 1998 wird auch in der Bundesliga die Stadionhymne in der Alten Försterei ertönen. Nina Hagen wird singend fragen: „Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?“ Die Tribüne wird antworten: „Eisern Union, Eisern Union“. Stadionsprecher Christian Arbeit wird bei der Mannschaftsvorstellung die vollen Namen der Spieler rufen und die Tribüne wird „Fußballgott“ antworten. Alles wie gehabt. Nur eine Sache ist neu: Die Frisur des Stadionsprechers. Im Aufstiegsjubel ließ sich Arbeit die lange Matte abrasieren.

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