15:35 17 November 2019
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    Kirchenvertreter gegen „Judensau“: Proteste wegen Verbleib des Schmähreliefs an Lutherkirche

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    Geht es nach dem Willen von Justiz und Kommunalpolitik, darf ein als „Judensau“ bekanntes antisemitisches Sandsteinrelief an der Wittenberger Stadtkirche hängen bleiben. Das schmeckt Vertretern der evangelischen Kirche nicht: „Das ist eklig, das will ich nicht haben, das muss weg“.

    Eine als "Judensau" benannte mittelalterliche Schmähskulptur an der Mauer der St. Marien-Kirche in Wittenberg stelle keine Beleidigung dar und müsse nicht abgehängt werden, urteilte jüngst das Landgericht Dessau-Roßlau.

    Das etwa 700 Jahre altes Sandsteinrelief an der Stadtkirche zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut, und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. In einer Inschrift, die 1570 an die Skulptur angebracht wurde, steht „Schem hamphoras“ - eine Gottes-Bezeichnung im Judentum. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein. Die Stadtkirche ist das Gotteshaus, in dem auch der Reformator Martin Luther predigte. Es gehört zum UNESCO-Welterbe. Das Lutherhaus selbst steht nur wenige Hundert Meter entfernt. Luther verfasst dort auch seine antisemitischen Schriften.

    Die Tafel sei Teil des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, erklärte das Gericht. Zudem wies es darauf hin, dass sich am Fuße der Kirche ein Mahnmal und eine Gedenktafel befänden, die als Bestandteil einer "Gedenkkultur" zu sehen seien.

    Die Abgeordneten des Wittenberger Stadtrates hatten in der Vergangenheit bereits für den Verbleib des Reliefs gestimmt: Die Figur zeige zwar ein Motiv zur Verunglimpfung von Juden, doch sei es gleichzeitig ein Zeitzeugnis, das es zu bewahren gelte.

    Oberbürgermeister habe das neue Urteil mit „Ich bin gegen Bilderstürmerei, aber für Bildung“ kommentiert. Doch nun regt sich unter Kirchenvertretern Protest gegen die Entscheidung des Gerichts, berichtet die Zeitung Die Welt: Eine Reihe hochgestellter evangelischer Funktionäre wie Würdenträger hätten sich dafür ausgesprochen, die Tafel abzunehmen. Und zwar dringend.

    Mit: „Das ist eklig, das will ich nicht haben, das muss weg“, habe etwa Klaus Holz, Generalsekretär der evangelischen Akademien in Deutschland, laut dem Bericht seinen Gefühlen Ausdruck verliehen.  Auch Irmgard Schwaetzer, Präsidin der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, habe den antisemitischen Gehalt der Steinskulptur als so stark bezeichnet, dass sie nicht länger an der Kirche hängen bleiben könne. Bischof Friedrich Kramer habe sich ebenfalls für ein Abhängen ausgesprochen.

    Allerdings hätten sich die Kirchenleute ausdrücklich gegen die Zerstörung des Schandbildes, etwa in einem symbolischen Akt, ausgesprochen. Selbst der Kläger, der vor Gericht unterlegen war, habe sich für deren Erhalt und kontextgerechte Ausstellung ausgesprochen. Über den rechten Ort für den Verbleib der „Judensau“ solle allerdings die Stadtgemeinde selbst entscheiden.

    Doch die wisse nicht viel von der antisemitischen Kraft oder den theologischen Selbstbeschmutzungen Luthers, meint die Zeitung „Die Welt“, da Wittenberg zu 80 Prozent aus Atheisten bestünde und der AfD bei der Kommunalwahl von einem Sitz im Stadtradt zu sieben verholfen hätte.

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    Tags:
    Diskussion, Kulturdenkmal, Denkmal, Architektur, Kirche, Restaurierungsarbeiten, Antisemitismus, Martin Luther, Sachsen, Deutschland