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    „Bild“ kassiert Rüge des Presserats wegen Christchurch-Videos: „Zum Werkzeug des Täters gemacht“

    CC BY-SA 3.0 / Graf Foto / Wikimedia Commons
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    Ilona Pfeffer
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    Zwei von acht öffentlichen Rügen gingen nach der Juni-Sitzung des Presserats an die „Bild“. Mit der Veröffentlichung eines Videos vom Christchurch-Attentäter habe die Zeitung Sensationsinteressen bedient und sich zum „Werkzeug des Täters“ gemacht, heißt es in der Begründung.

    Sieht man sich die letzten Jahre an, so könnte man glauben, es gehöre bei der “Bild” zum guten Ton, mit ihrer Berichterstattung für Empörung zu sorgen, Beschwerden zu sammeln und Rügen des Presserates zu kassieren. Auch in der Entscheidung vom Juni ist der unangefochtene Spitzenreiter in Sachen Verstöße gegen den Pressekodex wieder mit dabei: „Bild“ erhält zwei der insgesamt acht vom Presserat erteilten Rügen.

    Von „Sensationsinteressen“ geleitet, habe sich Bild.de mit der Veröffentlichung von Video-Sequenzen des Christchurch-Attentäters nach Ansicht des Presserates zum „Werkzeug des Täters“ gemacht und damit gegen die Richtlinie 11.2 des Pressekodex verstoßen. Das Video mit dem Titel „17 Minuten Mordfeldzug“ zeige zwar nicht die grausamen Taten selbst, bei denen über 50 Menschen getötet wurden, sondern „nur“ den Täter auf dem Weg zu den Moscheen und beim Laden seiner Waffen.

    „Diese Bilder reichten jedoch, um Assoziationen zu erzeugen, die weit über das berechtigte öffentliche Interesse an dem Geschehen hinausgingen. Auch die detaillierte, dramatisierende Schilderung und drastische Bebilderung im Begleittext zum Video bedienten nach Ansicht des Beschwerdeausschusses überwiegend Sensationsinteressen“, heißt es in der Begründung des Presserats. 

    In einem Kommentar vom 15. März hatte „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt die Veröffentlichung des Videos verteidigt. Trauer um die Opfer sei keine journalistische Disziplin, Journalismus müsse vielmehr zeigen, was geschehen sei.

    „Durch Journalismus wird aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist: kein Kämpfer, kein Soldat. Sondern bloß ein niederträchtiger, feiger Mörder, der unschuldige, wehrlose Menschen massakriert hat. So und nicht anders, nicht in der Version seines Videos, sollten wir an ihn denken. Wir trauern um seine Opfer”, so Reichelt.

    Die zweite Rüge des Presserats galt der „Bild“-Berichterstattung zu einem Verkehrsunfall, bei dem ein junges Paar ums Leben kam. Bild.de machte den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen, das Alter sowie ein Foto des männlichen Opfers publik. Nach Ansicht des Presserates wurde damit der Persönlichkeitsschutz nach Ziffer 8 des Pressekodex verletzt, da kein öffentliches Interesse an der identifizierenden Darstellung bestanden habe und die Hinterbliebenen des Opfers der Veröffentlichung der Angaben nicht zugestimmt hätten.

    Weniger um die Verletzung der Rechte Einzelner als um die unangemessene Vermarktung von Produkten ging es bei den meisten übrigen Rügen. So urteilte der Presserat auf Schleichwerbung im Fall von „Bravo Sport“, wo ein neuer Fußballschuh als „Legenden-Boot“ angepriesen wurde, der für „Zauberfüße“ gemacht sei. Dieser sei „Innovation pur“, mit „bestem Ballgefühl“, „geiler Passform“ und „perfekter Sohle“. So viel Lobhudelei ist nicht von öffentlichem Interesse gedeckt und verstößt damit gegen Ziffer 7 des Pressekodex, befand der Presserat und erteilte eine Rüge wegen Schleichwerbung.

    Ähnlich gelagert waren die Rügen gegen die Online-Ausgabe des „Merkur“, in der sehr ausführlich und positiv gefärbt über eine Oster-Rabatt-Aktion der Fast-Food-Kette McDonald’s berichtet wurde, und gegen die Frauenzeitschrift „Brigitte“, wo eine bekannte Fernsehmoderatorin in einem Interview ein Schönheitspräparat bewarb.

    In den Sitzungen vom Juni 2019 hat der Presserat insgesamt acht öffentliche Rügen, 25 Missbilligungen und 32 Hinweise ausgesprochen.

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    Tags:
    Sensation, Video, Gewalt, Attentat, Christchurch, Rügen, Deutscher Presserat, Axel-Springer-Verlag, Bild-Zeitung