07:21 07 Dezember 2019
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    Angela Merkel (i.d.Mitte) in der Schule 1971 (Archivbild)

    FAZ fragt: Was ist dran an „IM Erika“? – Wir fragen: Ist das Rache eines Geschassten?

    © AFP 2019 / Eric Feferberg
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    Der frühere Gedenkstättenleiter der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, betätigt sich neuerdings als Gastautor für verschiedene Periodika. Jetzt ist er überraschend für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ der Frage nachgegangen, was dran sei an der Sage über „IM Erika“.

    Noch hält die FAZ den Gastbeitrag von Hubertus Knabe hinter ihrer Bezahlschranke verborgen. Das dürfte Herrn Knabe nicht gefallen. Denn er hat den Artikel, der immerhin mehr als viereinhalb DIN-A4-Seiten umfasst, sicherlich nicht nur für einen ausgesuchten Leserkreis geschrieben. Mehr noch als diese Frage, beschäftigt den Autor dieses Artikels allerdings das Motiv, das hinter jener Veröffentlichung steht. Sowohl den Autoren als auch die Redaktion betreffend, die ihn gewähren ließ. Warum jetzt? Warum zu diesem Thema? Warum in dieser Ausführlichkeit?

    Der Artikel von Hubertus Knabe „Was ist dran an „IM Erika“?“, veröffentlicht in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) am 11. Juni 2019, erweckt im ersten Moment den Eindruck, dass Knabe sich aufrichtig und redlich bemüht, den bis heute unbewiesenen Unterstellungen und Behauptungen mit einem Faktencheck entgegenzutreten, Angela Merkel sei der DDR-Staatssicherheit als Informelle Mitarbeiterin (IM) zu Diensten gewesen.

    Gibt Knabe nur vor, sachlich über die Stasi-Vorwürfe gegen Merkel zu schreiben?

    Recht schnell beschleicht den Leser jedoch das unbestimmte Gefühl, dass der Text durchsetzt ist mit kleinen Gehässigkeiten und nicht eindeutigen Formulierungen. Denn Knabe hätte es kurz und bündig machen können. Er hätte erwähnen können, dass man sich zwar vieles vorstellen könne, dass die DDR-Biographie von Angela Merkel keineswegs DDR-typisch gewesen ist, ganz im Gegenteil. Er hätte es aber relativ schnell damit bewenden lassen können, dass es bis heute kein einziges Dokument gibt, das auch nur einen der im Internet kursierenden Vorwürfe belegen könnte, keine Akte, keine Registriernummer, keinen IM-Vorlauf, nichts. Doch damit ließe sich wohl kaum ein Artikel mit mehr als 17.000 Zeichen füllen. Stattdessen liest man in Knabes Artikel schon im vierten Absatz den Satz „Wenn es keine IM-Akte Merkel gibt, so heißt das nicht, dass es nie eine gegeben hat.“

    In diesem Tonfall und in diesem Rhythmus geht es den gesamten Artikel über weiter. Knabe listet auf, welche unzweifelhaften biographischen Fakten aus dem Leben von Angela Merkel immer wieder Anlass sind für Spekulationen, sie hätte entweder eine zu große Systemnähe in der DDR gezeigt oder aber sie sei sogar noch weiter gegangen und hätte mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zusammengearbeitet. Knabe räumt ein, dass es dafür keine Belege gibt. Was aber nur daran liege, weil die Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) bis heute keine Akten zu Angela Merkel an Journalisten und Wissenschaftler herausgegeben habe. Er suggeriert auch, möglicherweise seien solche Beweise in den rund 15.000 Säcken mit Aktenschnipseln zu finden, deren Rekonstruktion seit Jahren nicht vorankommt.

    Hat Knabe noch offene Rechnungen zu begleichen?

    An diesem Punkt kann man als Leser hellhörig werden. Denn Hubertus Knabe hat nachgewiesener Maßen in den zurückliegenden Jahren immer wieder kritisiert, dass sowohl die Stasi-Unterlagen-Behörde als auch die für sie jeweils verantwortlichen Bundesregierungen die Rekonstruktion der geschredderten und von Hand zerrissenen Stasi-Akten einfach nicht forcieren, um es sehr höflich zu umschreiben. Knabe äußerte auch den Verdacht, dass dies kein Zufall sei, sondern aus Angst vor Enthüllungen über westliche Kollaborateure des MfS, die mit diesen Aktenschnipseln überführt werden könnten, alle raschen Rekonstruktionsbemühungen sabotiert wurden und werden.

    Es ist also nicht auszuschließen, dass Hubertus Knabe mit diesem für die FAZ geschriebenen Artikel vielleicht eine kleine Vendetta zelebriert. Bekanntlich war er im Unfrieden mit der Stasi-Unterlagen-Behörde aus selbiger ausgeschieden und hatte sich in eine Art Exil gerettet, als Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Von dort aus ärgerte und nervte er regelmäßig und mit einer scheinbar diabolischen Freude sowohl die Unterlagen-Behörde als auch die Linkspartei bzw. jeden, der es wagte, mit dieser Partei in irgendeiner Weise zusammenzuarbeiten.

    Vorwürfe gegen Knabe

    Die Konfrontation, vor allem mit der BStU, war irgendwann so offenkundig, dass im August 2018 der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, Projektleiter der Abteilung Bildung und Forschung der BStU, in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ erklärte: „Die wichtigste Berliner Gedenkstätte für die Verbrechen des Kommunismus wird seit Jahr und Tag wie ein Privatverein von Knabe geführt. Alle wissen das, und keiner schreitet ein.“ Das muss Knabe sehr verletzt haben, denn aus der Abteilung Bildung und Forschung war er 2000 gekündigt worden.

    Knabe war danach Leiter der Gedenkstätte im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen geworden. Aber schon kurz nach seiner Einsetzung in dieses Amt, im Dezember 2000, äußerte er im Juni 2001 in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ den Verdacht, „dass es politische Tendenzen gibt, mich aus diesem sensiblen Bereich zu entfernen. Offenbar setze ich mich zu sehr für die Opfer des DDR-Geheimdienstes und die Aufklärung des Stasi-Einflusses auf den Westen ein.“

    Diese Paranoia sollte sich in den darauf folgenden Jahren noch verstärken. Mit dazu beigetragen hat sicherlich der wiederholte Vorwurf an den promovierten Historiker, er arbeite nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch. Die Kulturwissenschaftlerin Carola Rudnik brachte diese Kritik 2011 in ihrer Dissertation „Die andere Hälfte der Erinnerung – Die DDR in der deutschen Geschichtspolitik nach 1989“ mit den Worten zum Ausdruck: „Bis heute dominieren in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Opfernarrative und betreibt die Gedenkstätte pro-aktiv eine antikommunistisch gefärbte Geschichtspolitik.“

    Knabe vermutet linke Verschwörung gegen ihn

    Seit Hubertus Knabe im September 2018 sein Amt in der Gedenkstätte verloren hat, befeuern er und seine Anhänger und Unterstützer eine Legende, wonach vor allem die Linkspartei seinen Sturz betrieben habe. Dieser Vorwurf verkennt, dass die Abberufung von Knabe auch von ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern mitgetragen wird, denen man alles, nur keine Sympathie für die Linkspartei unterstellen kann. Doch der interessanteste Aspekt, und damit kehren wir wieder zurück zum FAZ-Artikel von Hubertus Knabe zurück, die wohl aufschlussreichste Reaktion in dieser Hinsicht war ein Artikel im „Spiegel“ vom 4. Oktober 2018. In dieser Ausgabe, wenige Tage nach der Beurlaubung von Knabe konnte man dort lesen: „Rot-schwarzes Bündnis. Wie man sich eines Feindes entledigt. Kaum jemand ist bei der Linkspartei so verhasst wie der Berliner Historiker Hubertus Knabe. Jetzt wurde er seines Amtes enthoben - mit freundlicher Hilfe aus dem Kanzleramt. So gehen Intrigen heute.“

    Hat Bundeskanzleramt die Entlassung von Knabe mit abgesegnet?

    Gemeint war die Tatsache, dass die Entscheidung des Stiftungsrates zur Beurlaubung und späteren Entlassung von Knabe auch von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters mitverantwortet wurde. Man darf davon ausgehen, dass diese im Kanzleramt angesiedelte Ministerin, die überdies als Vertraute von Angela Merkel gilt, ihre Chefin von den Vorgängen in der Gedenkstätte laufend unterrichtet hatte. Und dementsprechend kann man davon ausgehen, dass Hubertus Knabe alles andere als nette Gefühle und Gedanken für die Hausherrin im Bundeskanzleramt hegt.

    Die Annahme, dass Hubertus Knabe derzeit öffentlich gegen diejenigen stänkert, die er für seinen Sturz verantwortlich macht, wird auch durch die Tatsache gestützt, dass Knabe zwei Tage vor seinem FAZ-Artikel im Edelkampfblatt des Axel-Springer-Konzerns, der „Welt am Sonntag“, einen Artikel veröffentlichte, in dem er unter der Überschrift „Linke Doppelmoral“ gegen vier prominente Politiker dieser Partei austeilte. Darunter sein Lieblings-“Feind“, der frühere Vorsitzende der Partei und Bundestagsfraktion Gregor Gysi. Ihm widmete Knabe auch einen Tag nach seinem FAZ-Artikel einen Kommentar, ebenfalls in Springers „Welt“ unter dem Titel „Bei der Linke gilt: Dreistigkeit gewinnt“.

    Dass Hubertus Knabe möglicherweise mit seinem FAZ-Artikel über Angela Merkel und ihre immer wieder vermutete Stasi-Tätigkeit noch eine offene Rechnung begleichen will, dass Knabe aber jedenfalls nichts drängt, sich schützend vor die Bundeskanzlerin zu stellen, wie sein Artikel vermuten lassen könnte, das wurde am 15. Mai 2019 deutlich.

    Fragwürdige Teilnahme Knabes an Konferenz in Budapest mit Merkel-kritischer Tonart

    An jenem Tag nahm Knabe in Budapest an einer Konferenz eines „Instituts des 21. Jahrhunderts“ statt. Zusammen mit dem Korrespondenten der „Welt“ übrigens. Thema der Tagung: „Hassliebe“ - Ist Deutschland zu stark oder zu schwach?“ Knabe wurde als „wissenschaftlicher Mitarbeiter“ dieses Institutes angekündigt. Es gehört zum Museum „Haus des Terrors“ in Budapest. Das wurde in einem Stadtpalais der ungarischen Hauptstadt eingerichtet, weil dort sowohl die faschistischen Pfeilkreuzler als auch später die ungarischen Kommunisten Menschen wegen ihrer politischen Überzeugungen foltern ließen.

    Das Museum stand von Anfang an in der Kritik von internationalen Historikern, die bemängelten, dass der Fokus der Ausstellung unzulässiger Weise vor allem auf der „kommunistischen Gewaltherrschaft“ liege, während die faschistischen Pfeilkreuzler und das Horthy-Regime, das mit Hitlerdeutschland bei der Judenverfolgung kollaborierte, mehr oder weniger am Rande thematisiert werde. Auch und vor allem der Versuch einer pauschalen Gleichsetzung des Horthy-Regimes mit dem späteren Regime unter der Kommunistischen Partei Ungarns stieß vielen Historikern unangenehm auf. Diese Sichtweise aber ähnelt auffällig den Sichtweisen von Hubertus Knabe.

    Es verwundert daher auch nicht, dass er auf der Budapester Konferenz auch widerspruchslos dabei saß, als die Chefin des Museums, Mária Schmidt den Satz von sich gab: „Merkel hat aus Deutschland eine neue, große DDR gemacht.“ Vor diesem Hintergrund liest sich der nunmehrige FAZ-Artikel schon sehr viel einleuchtender.

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