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09:13 17 Juli 2019
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    Ukrainische Neonazis bei einem Fackelmarsch in Kiew (Archiv)Ukrainische Neonazis in Kiew (Archiv)

    Neonazi-Rocker treffen sich in Kiew – ausgerechnet am 22. Juni

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    Am 22. Juni 1941 überfiel Hitlerdeutschland die Sowjetunion. 78 Jahre später findet in der ukrainischen Hauptstadt am selben Tag eines der größten Konzerte von radikalen Rechtsrock-Bands aus aller Welt statt. Während solche Festivals in Westeuropa im Verborgenen ablaufen, können sich die Neonazis in Kiew unbehelligt und öffentlich versammeln.

    Die neonazistische Veranstaltung unter dem Namen „Fortress Europe“ (zu Deutsch „Festung Europa“) soll kommenden Samstag in einem der größeren Klubs Kiews, dem „Bingo Club“, stattfinden, wie die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet. Es werden bis zu 1500 Besucher und internationale Neonazi-Bands, sogar aus den USA, erwartet.

    Spiritueller Führer der ukrainischen Rechtsextremen

    Organisator vor Ort ist die Szenegröße Arsenii Bilodub, Besitzer einer bei Rechten beliebten Modemarke und Kopf einer der auftretenden Bands. Der in Wien lebende Forscher Pawel Klimenko, der extremistische Tendenzen in der Ukraine beobachtet, nennt Bilodub gegenüber „Haaretz“ „den spirituellen Führer der ukrainischen Rechtsextremen“. Er fügte hinzu, dass Bilodub schon seit zwei Jahrzehnten neonazistische Veranstaltungen im Land organisiere und die Modemarke „Swastone“, die er vertreibt, offen mit Nazi-Symbolik wie Hakenkreuzen oder -Sprüchen spiele.

    Screenshot des Flyers von „FORTRESS EUROPE 2019“
    Screenshot des Flyers von „FORTRESS EUROPE 2019“

    Auch bei seiner Musik macht Bilodub keinen Hehl aus seinen Ansichten: Seit Mitte der 1990er Jahre als Frontmann von „Sokira Peruna“ (zu Dt. „Peruns Axt“) aktiv, hat er in seinen Texten den Holocaust geleugnet oder eine jüdische Unterwanderung der Ukraine angeprangert.

    Bilodub kandidiert außerdem bei den anstehenden Parlamentswahlen in der Ukraine am 21. Juli für die rechtsradikale Partei „Swoboda“ für den Einzug in die Rada, das ukrainische Parlament.

    Der kommende Samstag wäre nicht das erste Konzert der Gruppe des bekannten Neonazis als Hauptband im „Bingo Club“. Letztes Jahr haben Journalisten der ukrainischen Webseite „Saborona“, die sich auf eher unbeachtete Themen in der dortigen Medienlandschaft konzentrieren, bei einer Veranstaltung über Hitlergrüße, Nazi-Utensilien und Hakenkreuz-Tattoos berichtet.

    Der Club wird immer wieder als Veranstaltungsort für rechtsextreme Konzerte genutzt, auch mit Beteiligung aus dem Umfeld des neofaschistischen Asow-Regiments, eines inzwischen in die ukrainische Nationalgarde integrierten Militärverbandes, der im Krieg im Donbass aufgrund seiner Grausamkeit Berühmtheit erlangte.

    Reunion von US-Naziband extra für Kiew

    In Kiew tritt am Samstag auch die finnische Band „Mistreat“ auf, die seit Jahrzehnten eine Instanz in Europas Neonazi-Musikszene ist. In ihren Liedern verkünden sie die Wiederkehr des Hakenkreuzes, preisen die Ermordung Martin Luther Kings und rufen zum Mord an nicht-weißen Menschen auf. Auch dabei ist die Musikgruppe „Evil Barber“ – eine Art Supergroup früherer Veteranen ukrainischer Neonazi-Bands. Aus Polen reist die Rechtsrock-Band Obled an.

    Headliner des „Fortress Europe“-Festivals ist jedoch die US-amerikanische Gruppe „Blue Eyed Devils“ (zu Dt. „Blauäugige Teufel“), die sich extra für diesen Auftritt wieder zusammengetan hat. Bis zu ihrer Auflösung in den 2000er Jahren galt die Band als äußerst gewaltverherrlichend; sie verehrte den Holocaust-Chefarchitekten Adolf Eichmann und rief zum Massenmord an Juden und Afroamerikanern auf. In der Szene ist die Gruppe auch berühmt-berüchtigt wegen ihres früheren Gitarristen Wade Page. Der hatte 2012 in Wisconsin, USA, einen hinduistischen Tempel angegriffen und sechs Menschen getötet, bevor er sich selbst richtete.

    Erstaunlich offene Werbung

    Gegenüber „Haaretz“ betonte Bethan Johnson, eine Rechtsextremismus-Forscherin mit Fokus auf die rechte Musikszene, dass dieses Konzert sinnbildlich für den Unterschied zwischen der ukrainischen und der europäischen Neonazi-Szene stehe. Obwohl es auch in Deutschland regelmäßig große Veranstaltungen dieser Art gäbe, finden diese nicht in der Öffentlichkeit und mit solch eindeutigen Aussagen statt wie das jetzige „Fortress Europe“-Festival. Die deutschen Behörden hätten des Öfteren ihre rechtlichen Möglichkeiten genutzt, diese Veranstaltungen einzuschränken oder gar zu verbieten, was die Szene weiter in den Untergrund getrieben hätte.

    Die Offenheit, mit der hingegen die Veranstalter des Kiewer Festivals auftreten, findet die angehende Cambridge-Doktorandin mehr als bedenklich: Seit Monaten wird die Veranstaltung öffentlich beworben, ohne dass die Regierung oder die örtlichen Medien reagieren würden. Allein der Fakt, dass private Telefonnummern auf der Webseite der Veranstaltung angegeben werden, sei äußerst ungewöhnlich für die Szene. Offenbar wissen die Betreiber, dass sie nichts zu befürchten haben. Auf der Webseite des Festivals heißt es auch ganz offen: „Legenden der rechten Szene werden für euch spielen.“

    Die Ukraine scheint sich immer mehr zum Pilgerland für Neonazis zu entwickeln. So soll im Dezember wieder das „Asgardsrei-Festival” stattfinden, hinter dem ebenfalls Mitglieder des Asow-Regiments stehen sollen. Auf der Webseite des Festivals heißt es: „Fangt an, eure Reise zu planen. Das Line-Up wird legendär dieses Jahr!“

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    Musikfestival, Musik, Hitler, Hitlergruß, Neonazis, Rechtsextremismus, Rechtsextremisten, Ukrainer, Ukraine, Ukraine