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18:39 16 Juli 2019
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    Opioide

    Das ist Europas geheime Sucht – Opioide

    © AFP 2019 / Eva Hambach
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    Loïc Ramirez
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    Vollkommen legale Opioide, die schnell süchtig machen: Schmerzmittel wie Tramadol, Fentanyl oder Methadon, die zwar der Apothekenpflicht unterliegen, doch oft verschrieben werden. Sputnik hat mit Chris Pollard aus der Fitness-Industrie gesprochen, dem seine Sucht die Familie, die Gesundheit und beinahe sein Leben kostete.

    „In Deutschland droht eine Opioid-Epidemie wie in den USA“, warnte der Leiter der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin an der Berliner Charité, Prof. Dr. Christoph Stein, in einem Interview Anfang 2018 für „Die Welt“. Mehr noch: Der Pro-Kopf-Verbrauch weise kaum noch Unterschiede zu den USA auf, wo 2016 mehr als 42.000 Menschen an den Folgen von Opioiden starben, betonte Stein. „Die Welt“ verweist dabei auf Zahlen des International Narcotics Control Board, wonach die Verschreibung von Opioiden in Deutschland nach Jahren relativ niedrigen Verbrauchs zuletzt stark angestiegen sei.

    Sputnik hat sich mit Chris Pollard unterhalten, der schon seit 20 Jahren in der Fitness-Industrie tätig ist. In London war er Coach in mehreren Fitnessstudios. 2006 zog er nach Paris um, wo er bis heute lebt. Wie viele Sportler, hatte er Verletzungen und nahm schmerzlindernde Mittel ein. Zudem litt er an der Lyme-Krankheit.

    Ärzte verordneten ihm eine Tramadol-Behandlung.

    „Tramadol ist eine verbreitete Methode zur Behandlung von Rückenschmerzen. Sie gaben mir es wieder, um mir bei der Entzündung der Fersenflechse zu helfen, weil ich eine Allergie gegen Entzündungsmittel habe, und auch wieder gegen Schmerzen, als ich an der Lyme-Krankheit litt“, erzählt der Sportler. „Im Laufe von mehreren Jahren nahm ich mehrere Male pro Woche eine ziemlich unbedeutende Dosierung ein, aber nicht regelmäßig. Als ich an der Lyme-Krankheit litt, wurde mir Tramadol in maximaler Dosierung verordnet, also je 400 mg pro Tag.“

    Niemand hat ihn damals vor der möglichen Abhängigkeit gewarnt. Nach einiger Zeit wirkte Tramadol immer schwächer, Chris begann, die Dosierung zu erhöhen. Es entwickelte sich schnell eine Abhängigkeit. Der Vater von zwei Kindern verlor seine Familie wegen der Sucht. Seine Frau konnte nicht mehr mit dem Drogensüchtigen zusammenleben.

    Die Symptome des Tramadol-Therapieabbruchs können wie beim Absetzen von Heroin aussehen – Depression, Unruhe, Schwitzen, Erbrechen, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, grelle Träume, Tremor, Gefühlsschwankungen… Chris schrieb aus der Rehabilitation:

    „Die letzte Woche war die Hölle des französischen medizinischen Systems. Ich bin in Ordnung. Ich verlasse bald das Krankenhaus. Der erste Teil der Behandlung – das Absetzen von Tramadol – verlief sehr gut, der zweite Teil leider nicht so gut, weil die Kombination aus Antidepressiva und anderen Medikamenten, die mir gegeben wurden, mich wütend machten; ich verlor komplett die Vorstellung davon, wer ich bin bzw. wo ich mich befinde – ich lief nackt auf der Straße herum.“

    In den vergangenen Jahren ist in Frankreich der Anstieg des Verbrauchs von Opioid-Analgetika zu erkennen, so die Autoren eines neuen Berichts der Nationalen Agentur für die Sicherheit von Arzneimitteln und Gesundheitsprodukten (ANSM). Zu den meistgebrauchten Mitteln gehört Tramadol – ein Opioid-Analgetikum mittlerer Stärke. 2006 bis 2017 stieg der Tramadol-Verbrauch um 68 Prozent.

    Entwicklung der Sterberate wegen Einnahme von Opioiden
    © Foto : ANSM
    Entwicklung der Sterberate wegen Einnahme von Opioiden

    Chris hatte Glück. Jene, die ihre Angehörigen wegen dieser rezeptpflichtigen Arzneimittel verloren, versuchten in der französischen Gesellschaft Alarm zu schlagen, doch mit jedem Jahr ereignen sich immer mehr Todesfälle wegen Opioiden.

    Psychiater (Schwerpunkt Adiktologie) Nicolas Authier warnt:

    „Zum jetzigen Zeitpunkt besteht in Frankreich das große Risiko einer Opioid-Krise. Es zeichnet sich das Wachstum der Zahl an Menschen ab, die wegen Überdosierung von starken Opioiden hospitalisiert werden und die aus diesem Grund sterben. An Beispielen der USA und Kanadas haben wir verstanden, dass es sehr schwer ist, eine solche Krise zu bekämpfen“, sagte der Professor. „In Frankreich wird Tramadol am meisten verordnet. Jedes Jahr nehmen bis 5,8 Millionen Menschen diese Arzneimittel ein. Die meisten Fälle von Überdosierung und Tod hängen natürlich mit Tramadol zusammen.“

    Dieses Schmerzlinderungsmittel hat einen sehr guten Effekt bei Schmerztherapien. Doch Patienten können mit einer Abhängigkeit konfrontiert werden. ANSM-Experten zufolge entstehen mehr als 50 Prozent der Symptome der Tramadol-Absetzung nach therapeutischen Dosierungen, manchmal sogar innerhalb sehr kurzer Zeit. Den Patienten wird das bei der Verordnung dieses Mittels nicht gesagt.

    „Ich begann, Tabletten vor dem Training einzunehmen, weil ich dadurch fit wurde und mir das bei der Arbeit half. Gerade damals begriff ich, dass ich eine Art psychologische Abhängigkeit von diesem Arzneimittel habe. Ich musste es bereits jeden Tag einnehmen. Ich hatte Panikattacken, wenn ls ich nicht die notwendige Dosis mithatte. Das hatte mit dem Schmerz nichts mehr zu tun“, so Chris.

    Vier Jahre lang litt er an der Sucht. Er teilte das dem Arzt mit und wurde in die Abteilung für Suchtbehandlung geschickt. „Ich wurde in einer Abteilung mit Heroin-Süchtigen behandelt. Ich war der einzige Patient, der wegen Tramadol-Sucht behandelt wurde. Damals war das etwas Neues, heute verbreitet es sich zunehmend. Ich litt genauso, wie Morphin- bzw. Heroin-Süchtige leiden.“

    Laut Barbara Szelesky, Ärztin am Zentrum für die Beurteilung und Behandlung von Schmerzen (CETD) im Krankenhaus Foch in Suresnes, hat Tramadol „leider ein sehr großes suchterregendes Potential“, was von Anfang an von den Ärzten „nicht richtig begriffen wurde“. Eine hohe Häufigkeit des Tramadol-Gebrauchs ist mit der Rücknahme von Di-Antalvic vom europäischen Markt verbunden. Der Stoff wurde 2011 auf Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) verboten. Experten der Französischen Agentur für die Sicherheit von Gesundheitsprodukten (Afssaps) (seit 2012 ANSM) drückten Erstaunen bei diesem Beschluss aus. Der Chef der Agentur teilte damals seine Befürchtungen wegen des Risikos eines „großangelegten Ersatzes der rezeptpflichtigen Arzneimittel durch Tramadol“ aus, was „negative Folgen für das öffentliche Gesundheitswesen nach sich ziehen wird“.

    Chris Pollard
    © Sputnik /
    Chris Pollard

    Ein weiteres Opioid-Analgetikum ist Oxycodone, das zur Gruppe der stark wirkenden Opioide gehört. Nach ANSM-Angaben stieg der Verbrauch dieses Arzneimittels 2006 bis 2017 in Frankreich um 738 Prozent. Da Oxycodone einen starken schmerzlindernden Effekt hat, wird seine Anwendung strikter als bei anderen Medikamenten kontrolliert. „Ich persönlich verordne Oxycodone nur bei chronischen Schmerzen bei Krebserkrankungen“, so Szelesky.

    Der globale Opiod-Markt wurde laut dem neuen Bericht von Grand View Research, Inc, 2018 auf 25,4 Milliarden US-Dollar geschätzt.

    Nordamerika ist der Spitzenreiter bezüglich des Erlöses mit einem Anteil von 55,5 Prozent. Europa ist der zweitgrößte regionale Akteur. Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien verzeichnen den größten Opioid-Umsatz in der Region. Dieselben Länder liegen auf dem ersten Platz unter Opioid-Verbrauchern auf dem Kontinent.

    EMA und Pharmaindustrie

    Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) wurde 1995 gegründet. Ihre Hauptaufgabe ist der Schutz der Gesundheit der Menschen und Tiere.

    Die Pharmabranche ist eine der wichtigsten interessierten Seiten der EMA.

    Auf der Internetseite der Agentur ist eine Tabelle mit Gebühren für Genehmigung von Werbung und Verkauf der Arzneimittel zu finden. Die kleinste Gebühr für den Erhalt einer solchen Bescheinigung beläuft sich auf 291.800 Euro. Angeboten werden auch zusätzliche bezahlbare Dienstleistungen wie Verlängerung dieser Genehmigungen.

    Da die EMA bezahlbare Dienstleistungen erweist, kann es zu einem Konflikt der Interessen zwischen der Agentur und den Pharma-Herstellern kommen? In einem offenen Brief vom Juni 2010 äußerten Mitglieder von International Society of Drugs Bulletin (ISDB) Kritik wegen „des Scheiterns der Anwendung einfacher Lösungen, um Interessenkonflikte auf der Ebene des EMA-Exekutivrats zu vermeiden“. In diesem Zusammenhang zeichnen die Verfasser eines Berichts des EU-Rechnungshofs 2012 ein erschreckendes Bild. Bezüglich EMA wird betont: „Über Finanzaktiva und Patente zu verfügen, ist Agenten, jedoch nicht deren Familienmitgliedern, verboten.“

    2011 wurde ein Gesetzentwurf über die Stärkung der Kontrolle im Bereich sanitäre Sicherheit medizinischer Erzeugnisse verabschiedet. Das Gesetz sieht die Veröffentlichung einer Liste der Menschen bzw. Organisationen vor, mit denen die Hersteller Abkommen unterzeichneten bzw. denen ein Entgelt gezahlt wurde. 2014 wurde eine Webseite für transparentes Gesundheitswesen (Transparence-sante) gegründet, um Informationen online zu stellen, die Angaben über „jeden Zusammenhang von Interessen“ bereitstellen können.

    In dem mehr als zwei Millionen Zeilen zählenden Dokument über finanzielle Zuwendungen wird Sanofi (einer der Tramadol-Hersteller) 33.665 Mal erwähnt. Dieses französische internationale Pharmaunternehmen rangiert auf dem fünften Platz nach dem Verkauf rezeptpflichtiger Arzneimittel seit 2013.

    Es stellten sich viele Fragen bezüglich der Zuverlässigkeit dieser Ressource. Es wurden Fehler, mangelnde Details festgestellt (…). Es wurde die Übergabe von mehreren Millionen Euro erwähnt, es wird aber nicht angegeben, auf welcher Grundlage sie erhalten wurden.

    Der Verband „Regards citoyens“ (Bürgerliche Aussichten) ermittelte die Überweisungen von Finanzmitteln von Pharma-Herstellern an Ärzte bzw. Krankenhäuser. 2015 wurde eine Liste der „großzügigsten Mäzene“ veröffentlicht. Unter den Top 15 befindet sich auch Sanofi.

    Professor Authier zufolge ist es „selbstverständlich“, dass pharmazeutische Unternehmen „das Ziel verfolgen, Ärzten Arzneimittel zu verkaufen. Aber das ist problematisch, wenn es sich um Mittel handelt, die eine relativ starke Abhängigkeit hervorrufen.“ Nach seiner Auffassung sollten die Unternehmen „mehr Verantwortung zeigen und mit mehr Ethik vorgehen. Sie sollten die Verantwortung für die Rolle übernehmen, die sie in der Opium-Krise spielen.“

    Alle Opium enthaltenden Medikamente kann man natürlich nur kaufen, wenn man ein entsprechendes Rezept hat. In den letzten Jahren wurden große Fortschritte bei der Verwendung von starken Opioiden gemacht, mit denen krebskranke Patienten behandelt werden.

    Ärzte dürfen Tramadol für höchstens ein Jahr verschreiben, Pharmazeuten dürfen dieses Medikament Patienten höchstens für 28 Tage ausstellen. Die Behandlung mit Oxycodone darf maximal 28 Tage dauern, und das Rezept darf nicht verlängert werden.

    ASNM-Experten betonen, dass Frankreich nur dank dieser strengen Regeln eine dermaßen umfassende Krise vermeiden konnte, die die USA gerade erleben. In Übersee sind zwischen 1999 und 2017 nahezu 218.000 Menschen an Überdosis von Opioiden gestorben, die sie mit Rezept erhalten hatten. Die Sterblichkeit übertraf 2017 die von 1999 um das Fünffache. Im Oktober 2017 wurde deswegen sogar der Ausnahmezustand auf dem Gebiet Gesundheitswesen ausgerufen.

    Dennoch geht aus dem ANSM-Bericht hervor, dass die Zahl des Missbrauchs von opiumhaltigen Schmerzmitteln in Frankreich von 2006 bis 2015 sich mehr als verdoppelt habe.

    Chris glaubt, dass man in Frankreich Tramadol ganz leicht bekommen könne:

    „Als ich beim Arzt war, fragte er mich, wieviel Stoff ich schon eingenommen hätte. Als ich sagte, ich hätte 400 Milligramm eingenommen, verschrieb er mir 400 Milligramm. Er dachte nie daran, ob es vielleicht richtig wäre, die Arznei nicht mehr einzunehmen. In England könnte ich den Stoff nicht so leicht bekommen. Da bekommt man den Stoff für eine Woche und muss eine Woche später zurückkommen, damit man ihn wieder überprüft. Und hier bekam ich Rezepte gleich für drei Monate.“

    Marion Bobillot, Studentin des Institut de formation en soins infirmiers (IFSI) beim Pariser Krankenhaus Saint Louis, erläuterte uns, was Studenten beigebracht wird und in welchen Situationen Opioide verordnet werden: „Schmerzmittel werden Schritt für Schritt verschrieben, abhängig von der Schmerzintensität nach der Skala von 0 bis 10. 1 bis 4 ist die erste Stufe, 4 bis 6 bzw. 7 die zweite, 7 bis 10 die dritte Stufe (große Schmerzen). Tramadol wird verschrieben, wenn der Patient Schmerzen der Stärke 2 empfindet.“

    Wie Tramadol wirkt, kennt die Studentin nach ihren Worten aus eigenen Erfahrungen: „Einmal hat mir mein Zahnarzt Tramadol verschrieben. Ich weiß noch, dass die Arznei sehr stark wirkte – ich war wie berauscht.“

    Die Erfahrungen der USA zeigen, dass Opioide in vielen Fällen zu Heroinabhängigkeit führen: 80 Prozent der Heroinkonsumenten gaben an, am Anfang Opioide konsumiert zu haben, die sie von ihrem Arzt verschrieben bekommen hatten. Das ist das Rauschgift, der der Hauptgrund für die Überdosis-Sterblichkeit in Europa ist.

    © Foto : EUROPEAN MONITORING CENTER FOR DRUGS AND DRUG ADDICTION

    Als Beweis für die Zuspitzung der Situation in Frankreich dienen auch Informationen über immer häufigere Todesfälle wegen Gebrauchs von Opioiden. Laut ANSM handelt es sich „um mindestens vier Fälle pro Woche“. 2015 wurden fast zehn Millionen Patienten (17 Prozent der Einwohner) opiumhaltige Schmerzmittel verschrieben. Mehr als 85 Prozent der Opioide wurden von Hausärzten verordnet, dann von Zahnärzten, Rheumatologen und Orthopäden.

    „Der verordnete Konsum von opiumhaltigen Analgetika ruft unbedingt Abhängigkeit hervor“, betonte der ehemalige Hausarzt Patrick Bartel. Wer aber abhängig von diesen Arzneien wird, bekommt nach seinen Worten kaum Unterstützung vom Gesundheitswesen. „Das ist ein Teufelskreis“, stellte Chris fest. „Selbst wenn man da reingeraten ist, bekommt man die Mittel weiterhin von ihrem Arzt verschrieben. Ich musste selbst zugeben, dass ich abhängig geworden bin, was mir aber sehr schwer fiel. Die Abhängigkeit hat nicht mein Arzt diagnostiziert, sondern ich selbst!“

    Professor Benjamina, Facharzt für Psychiatrie und Suchtmedizin und Präsident des Französischen Verbandes für Suchtmedizin, findet, dass Patienten über das Risiko der Abhängigkeit von Schmerzmitteln mangelhaft informiert werden. „Vor allem müssten die Arzneimittel, die jetzt verschrieben werden, neu bewertet werden“, stellte er fest. „Auch sollten Ärzte über alternative Behandlungsmethoden informiert werden.“ In vielen Fällen wären statt Schmerzmitteln Massage, Psychotherapie und Sport geeignet.

    „Wir beobachten schon seit zwei Jahren, dass in Frankreich im Grunde genommen das Gleiche wie in den USA passiert“, stellte Professor Authier fest. „Wir reden darüber immer mehr und mehr. Aber die Situation ist nach wie vor lange nicht optimal.“

    Chris besteht darauf, dass immer mehr Menschen in absehbarer Zeit abhängig von Tramadol werden, wenn sich die Situation nicht verändert. „Tramadol ist eine völlig neue Gefahr. Übliche Hausärzte wissen gar nicht, dass diese Arznei zur Abhängigkeit führt. Da dies ein synthetisches Opioid ist, dachte man, es würde keinen Effekt wie natürliche Opioide haben – und das war völlig falsch. Dieses Mittel aufzuschreiben, ist genauso schlimm wie noch populärere Arzneien.“

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    Tags:
    USA, Deutschland, Drogensucht, Europa, Opioid-Sucht, Opioide