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09:03 17 Juli 2019
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    Messung der Radioaktivität nach der Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl

    Britin empört: Keine Schwarzen in „Chernobyl“-Serie! Sputnik interviewt afro-russischen Liquidator

    © Sputnik / Igor Kostin
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    Flora Moussa
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    Ein Tweet einer britischen Drehbuchautorin über das Fehlen von dunkelhäutigen Schauspielern in der TV-Serie „Chernobyl“ hat eine neue Figur in den Mittelpunkt der Ereignisse von 1986 gerückt – den Liquidator Igor Chirjak aus der russischen Kleinstadt Tscherepowez.

    Aufräumarbeiten in der Todeszone des in Trümmern liegenden Reaktors, Pflichterfüllung und der Verzicht, sich als Held zu bezeichnen – im Interview mit Sputnik spricht er über seine Erinnerungen an den gefährlichen Rettungseinsatz in der Sperrzone.

    Igor Chirjak arbeitet seit etwa 35 Jahren im Hüttenwerk Sewerstal. In seiner Freizeit interessiert er sich für Reenactments. Bei den Nachstellungen geschichtlicher Ereignisse tritt er als persönlicher Leibwächter Napoleons auf. Der 53-Jährige spielte auch einen Soldaten der Grande Armée in einem Film über die russische „Jeanne d’Arc“ des Krieges 1812. Doch der Grund, warum er seit Juni im Fokus der Medien steht, ist ein anderer – das ist seine persönliche Geschichte, die mit der Geschichte von Millionen von uns verflochten ist. Igor Chirjak beteiligte sich an der Beseitigung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe.

    „Zufälliger“ Ruhm

    Die Ausstrahlung der amerikanischen TV-Serie „Chernobyl“ sorgte weltweit für riesiges Interesse an der Tragödie vom 26. April 1986. Sie überbot sogar nach den Popularitätswerten die Serie „Game of Thrones“, wobei den Zuschauern nicht nur die schrecklichen Ereignisse vor 30 Jahren, sondern auch das Schicksal jener näher gebracht wurden, die um den Preis ihrer Leben die Verbreitung der Strahlung verhinderten – ob Wissenschaftler oder Beamter, einfacher Feuerwehrmann oder Liquidator.

    Igor Chirjak (Archivbild)
    © Foto : privat
    Igor Chirjak (Archivbild)

    Das große Interesse an diesem Thema sowie ein Tweet der britischen Drehbuchautorin Karla Marie Sweet, die sich über das Fehlen von schwarzhäutigen Schauspielern in der Serie empört hatte, warfen ein Schlaglicht auf die Tschernobyl-Vergangenheit von Igor Chirjak. Während die Internetnutzer die Absurdität der Vorwürfe der Britin verspotteten, stellte ein Bekannter Chirjaks ein Foto seines Kameraden während dessen Dienstes in Tschernobyl ins Internet. Es folgten Dutzende Anrufe von Journalisten.

    Allerdings konnte Igor Chirjak das Interesse der Journalisten an seinen Wurzeln nicht befriedigen – er wurde in einer russisch-ukrainischen Familie geboren und hat einfach ferne schwarzhäutige Vorfahren. Der frühere Liquidator sprach offen über seine Erinnerungen an die zweieinhalb Monate in der Sperrzone und gewann die Herzen vieler Internetnutzer.

    „Hatte keine Angst“

    „Ich wurde in Tscherepowez im Herbst 1985 in den Dienst gestellt, dann kam ich nach Kiew. Das Regiment wurde alarmiert, ich war damals 19“, erzählt Igor Chirjak, der im Bereich der Katastrophe am zweiten Tag nach der Explosion des Reaktors eingesetzt wurde.

    Katastrophenhelfer im Atomkraftwerk Tschernobyl, 1986
    © Sputnik / Igor Kostin
    Katastrophenhelfer im Atomkraftwerk Tschernobyl, 1986

    Nach Verlassen seines ständigen Stützpunktes konnten weder er noch seine Kameraden ahnen, wohin sie geschickt werden. Die offizielle Version lautete „Übungen“.

    Alles wurde am darauffolgenden Tag mitgeteilt: „Vollständige Informationen, über die damals unser Kommando verfügte, es gab sie bereits am nächsten Tag nach der ersten Nacht im Einsatz.“

    Zu diesem Zeitpunkt war das Feuer im vierten Energieblock schon gelöscht, doch in den Himmel stieg weiter eine Säule dunklen radioaktiven Rauchs auf.

    Wie Igor heute erzählt, begriff er mit 19 Jahren bereits die ganze Gefahr der Situation: „Ich studierte ziemlich gut, ich interessierte mich für Militärausbildung – die Gefahr des friedlichen Atoms wurde mit Militärhandlungen verglichen. Es war also klar. Vielleicht gab es irgendeine innere Unruhe, jedoch keine Angst. Man musste einfach die Arbeit erledigen, alle taten das.“

    Die erste Aufgabe Igors und seiner Kameraden war es, eine Behelfsbrücke über den Fluss Pripjat zur Evakuierung der nahegelegenen Dörfer nach Weißrussland zu errichten – denn die Grenze verlief fast durch den Fluss. Die zweite Aufgabe war, eine Brücke am Umlaufkanal zu bauen.

    Man musste sich auch dem Reaktor annähern. Wie Igor erzählt, kam er persönlich bis auf eine Entfernung von 100 Meter dem Reaktor nahe, drei Meter große Betonplatten mussten geladen werden, um die Brücke zu befestigen.

    „Bis 25 Röntgen“ ist man tauglich

    In den ersten Tagen erfolgte die Arbeit in Schutzanzügen und Atemschutzgeräten, doch anschließend wurde nach Absprache mit dem Kommando den einfachen Soldaten erlaubt, in einfacher Uniform mit Schutzmasken zu arbeiten.

    „Denn in Schutzanzügen ist es bei 25 Grad sehr heiß, alles ist feucht, man schwitzt, im Anzug und Atemschutzgerät sammelt sich das Wasser, man kann kaum atmen, wenn man den ganzen Tag arbeitet“, so Igor.

    Liquidatoren bei der Beseitigung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe
    © Sputnik / Witalij Ankow
    Liquidatoren bei der Beseitigung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe

    Was die Zeit betrifft, als er am Reaktor selbst arbeitete, sagt Igor, dass alle Soldaten weiße Anzüge bekamen, die denen der Mitarbeiter ähnlich war. „Sie wurden in riesigen Packungen gebracht. Benutzte Kleidung gaben wir vor der Dusche zur Verwertung ab, wuschen uns, und bekamen die neue Kleidung.“

    Ob dieser Schutz ausreichte? Igor ist sich sicher, dass dem so war. Er beruft sich auf die Wissenschaftler, mit denen er bei der Vorbereitung einer Sendung über die Ereignisse von 1986 sprach.

    „Am wichtigsten ist, dass in die Atemwege keine Teilchen des Kraftstoffs gelangen, der im Reaktor in staubfeine Teilchen zerfällt. Jene, die sie jedoch auf die Haut, in die Atemwege bekamen, kamen fast gleich ums Leben. Ansonsten überlebt der Körper bei der Anhäufung der Strahlungsdosis. Den meisten Liquidatoren haben diese Sicherheitsmaßnahmen geholfen – sie sind bis heute am Leben“, sagte Igor, der während seines Einsatzes in Tschernobyl eine Brandwunde am Hals bekam.

    Die Gesundheit der Einheit wurde von einem Hilfsarzt überwacht. Jenen, bei denen Krankheiten wegen Strahlung vermutet wurden, wurden Jodtabletten gegeben. Die Dosismesser funktionierten jedoch nicht, erinnert sich Igor. Ohne genaue Angaben zu haben, wurden in die Karten „jeweils 0,1 bzw. 0,2 Röntgen pro Tag“ reingeschrieben. Beim Erreichen von 25 Röntgen musste man die Zone verlassen.

    Jugend lebt weiter

    In Pripjat in der 30 km großen Sperrzone war Igor zum ersten Mal erst einen Monat nach Beginn des Rettungseinsatzes. In der Stadt lebten vor der Katastrophe mehr als 49.000 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren, nun ist sie eine Geisterstadt.

    „Von solchen Bildern bekommt man Gänsehaut“, erzählt Igor.

    Liquidatoren in Tschernobyl, 1986
    © Sputnik / Witalij Ankow
    Liquidatoren in Tschernobyl, 1986

    Die Frage, ob er nach Tschernobyl erwachsener wurde und ob es sein weiteres Leben beeinflusste, konnte Igor nicht antworten. Ihm zufolge hat er nichts, womit er es vergleichen kann, und es hat jedenfalls keinen Sinn, das zu bedauern.

    Doch selbst in der Sperrzone blieben die Wehrdienst-Soldaten in der Freizeit weiterhin junge Leute mit eigenen Interessen und Hobbys.

    „Es änderte sich nichts. Alles war wie bei den Feldübungen. Wir scherzten, organisierten irgendwelche Beschäftigungen in der freien Zeit. Am Wochenende sahen sich die Jungs irgendwelche TV-Sendungen an, am Abend sah man sich heimlich die Fußball-Meisterschaft an“, so Igor.

    Es gab allerdings keinen Alkohol. Während in der TV-Serie gezeigt wird, wie vor den Soldaten Kästen mit Wodkaflaschen ausgeladen wurden, war es in der Tat anders.

    „Das war überhaupt inakzeptabel. Wir hätten gleich eine Strafe bekommen, wäre jemand dabei erwischt worden. Es gab nur Einzelfälle, und da folgte gleich eine Strafe. Alles war sehr ernst“, so Igor.

    „Man muss verstehen, dass es ein Film ist“

    Trotz vieler Ungereimtheiten hat die TV-Serie „Chernobyl“ Igor gefallen. Ihm zufolge haben die Autoren ihre Aufgabe erfüllt. Jenen, denen die Unglaubwürdigkeit des Filmes nicht gefiel, sagt er, dass es sich um einen Film handele. Dabei schätzte er die Glaubwürdigkeit auf sechs von zehn Punkten.

    „Vor der Sendung (vor wenigen Tagen nahm Igor an einer Talk-Show über Tschernobyl teil) hätte ich sie auf acht Punkte geschätzt, doch nachdem sich die Fakten und Ungereimtheiten zeigten, musste ich ein paar Punkte abziehen“, sagt Igor.

    Denkmal für die Feuerwehrmänner von Tschernobyl
    © Sputnik / Grogorij Wasilenko
    Denkmal für die Feuerwehrmänner von Tschernobyl

    Auf die Bitte, eine Szene zu kommentieren, wo der Wissenschaftler Legassow nach einem gescheiterten Einsatz des deutschen Mondrover vorschlug, „Bioroboter“ einzusetzen, wobei Menschen gemeint wurden, sagt Igor, dass die Liquidatoren nicht als Material behandelt worden seien.

    „Unser Kommandeur, der bei uns blieb, machte auch alles mit uns mit. Es entstand nicht der Eindruck, dass man arbeitet, damit da jemand ruhig sitzen kann“, so Igor.

    Die Taucher, die in den ersten Tagen nach der Explosion nach unten gingen, um das Wasser aus dem glühenden Reaktor abzupumpen, um eine neue Explosion zu verhindern, sieht er als „Legenden“. „Neben ihnen stockt der Atem“, erinnert er sich an ein jüngstes Treffen mit jenen, die er früher nur im Fernsehen und Zeitungen gesehen hat. Dabei weigert er sich, sich zu ihnen zu zählen, und sagt, dass es an seiner Mission nichts Besonderes gegeben habe.

    An der Beseitigung der Folgen der Katastrophe von Tschernobyl nahmen mehr als 600.000 Menschen aus der gesamten Sowjetunion teil. Obwohl nur Dutzende Namen bekannt sind, leistete jeder von ihnen seinen Beitrag zu dieser heldenhaften Arbeit.

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    Katastrophe, Unfall, Atomreaktor, UdSSR, Feuerwehrleute, Feuerwehr, Dunkelhäutige, Katastrophenhelfer, TV-Serie, Serie, Tschernobyl-Katastrophe, Tschernobyl