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21:14 19 September 2019
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    Polizeiabsperrung vor dem Haus von Walter Lübcke in Kassel

    „Märchen im Mordfall Lübcke“: Wie ein „Einzeltäter“ gefunden wird

    © AFP 2019 / DPA / SWEN PFORTNER
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    Nach dem Geständnis von Stephan E., den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke begangen zu haben, überstürzen sich die Ereignisse. Obwohl zwei weitere Männer festgenommen werden, bleiben die Behörden bei der Einzeltäter-Theorie. „Ich vermute eine Vertuschung“, so Wolf Wetzel, investigativer Journalist, gegenüber Sputnik.

    Am Mittwoch gestand Stephan E. überraschend den Mord an Walter Lübcke (CDU). Er habe laut eigener Aussage als „Einzeltäter ohne Mitwisser“ gehandelt. Am Donnerstagvormittag gibt die Bundesanwaltschaft bekannt, es wurden in der Nacht mehrere Objekte durchsucht und Waffen gefunden. Die Aktionen der Ermittler richteten sich nach Medieninformationen gegen zwei Männer, die dem geständigen Täter E. Waffen vermittelt und verkauft haben sollen. E. hatte in seinem Geständnis offengelegt, dass er über zahlreiche Waffen verfüge. Es kam zu zwei weiteren Festnahmen.

    „Stephan E. will alleine gehandelt haben“, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank im Innenausschuss des Bundestages. Er fügte hinzu, E. habe keine Mitwisser und Mittäter gehabt. Die Bundesanwaltschaft ermittele trotzdem weiter. Nicht ausgeschlossen sei, dass E. Komplizen decke: „Es ist jedenfalls viel zu früh, um sich hier festzulegen.“

    Der investigative Journalist und NSU-Experte Wolf Wetzel kommentiert die neuesten Erkenntnisse zum Fall in einem aktuellen Beitrag mit dem Titel „Mordfall Lübcke: Einzeltäter gesucht … und gefunden“, der Sputnik vorliegt. Darin beschreibt der Autor die zahlreichen Wandlungen im Leben des Stephan E.

    „2009 reiste E. mit Kameraden nach Dortmund und beteiligte sich an Angriffen auf eine DGB-Demonstration. Danach wurde er Familienvater und lebte ein unauffälliges Leben. 2015 besuchte er als besorgter Bürger und Familienvater eine Veranstaltung, auf der unter anderem der CDU-Regierungspräsident Walter Lübcke den BesucherInnen erklärte, warum man Flüchtlinge aufnehme und warum dies mit christlichen Werten vereinbar sei. Da wurde der Familienvater E. ganz spontan wieder Neonazi. Als er wieder zuhause war, war er wieder ein unauffälliger Familienvater. Das blieb er die folgenden Jahre. Vier Jahre später, um genau zu sein, in der Nacht zum 2. Juni 2019 erinnerte er sich an diese Veranstaltung mit besagtem Regierungspräsidenten.“

    Es sei kurz vor dem Lübcke-Mord „zu einer extrem spontanen Radikalisierung“ gekommen, so der Investigativ-Journalist. „Spontan fand er eine Waffe, fuhr los, wusste genau, wo der Regierungspräsident wohnt. So gegen 0.30 Uhr erschoss er den Regierungsdirektor auf seiner Terrasse. Das ist der Stand dieser märchenhaften Entwicklung im Mordfall Lübcke. Man hat nach einem Einzeltäter gesucht, man hat ihn buchstäblich ausgelobt und nun hat man ihn mit vereinten Kräften gefunden.“

    In der Nacht auf Donnerstag fanden Ermittler Schusswaffen von E. „in einem Erddepot auf dem Gelände seines Arbeitgebers“, so die „Süddeutsche Zeitung“. Insgesamt handle es sich um fünf Waffen. „Nach Angaben von Stephan E. erwarb er Teile des Arsenals bereits 2014, die Tatwaffe im Jahr 2016. Bei dem mutmaßlichen Vermittler handelt es sich um einen Mann aus Kassel, der mutmaßliche Verkäufer stammt aus Nordrhein-Westfalen. Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen beide im Zusammenhang mit der Tatwaffe wegen Beihilfe zum Mord. Ob sie über einschlägige Verbindungen in die rechtsextremistische Szene verfügen, ist bisher nicht bekannt. Zumindest bei dem Vermittler gibt es Hinweise darauf. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden NS-Devotionalien sichergestellt.“

    Laut Wetzel gibt es nachgewiesene Kontakte von Stephan E. zu militanten, rechtsextremen Gruppierungen wie „Combat18“. So sei E. im März 2019 von Mitgliedern der Antifa bei einem „konspirativen Treffen“ von Neonazis in Sachsen fotografiert worden. Doch Medien und Ermittlungsbehörden legen ihm zufolge viel zu wenig Aufmerksamkeit auf diesen Fakt.

    Es falle „doch die ungeheure Anstrengung auf, alle Verbindungen hinter ihm zu kappen, alle Fäden zu durchtrennen, die zu ‚Dritten‘ führen könnten. Kann es sein, dass diese zu V-Leuten führen, die man um jeden Preis aus der Sache raushalten möchte? Das wäre nicht besonders neu und schon gar nicht einzigartig, aber im Mordfall Lübcke nicht ganz so leicht abzutun.“

    Der NSU-Experte Wetzel hat zahlreiche Publikationen zum NSU-Komplex verfasst, darunter „Der Rechtsstaat im Untergrund“ im PapyRossa-Verlag. Er vermutet, Sicherheitsbehörden könnten E. bei dessen Gefängnisaufenthalten angeworben haben. Dies solle nun vertuscht werden. „Kann es ein, dass auch dies ein Grund dafür ist, dass man die Akten von Stephan E. erst vernichtet haben will (selbstverständlich aus Datenschutzgründen)? Warum bestehen nicht alle darauf, die es mit einer lückenlosen Aufklärung ernst meinen, dass diese Akten vollständig zur Verfügung gestellt werden? Wenn alle Akten vorliegen, dann ließe sich gegebenenfalls auch klären, welche Bedeutung ‚ein geheim eingestuftes Dokument mit relevanten Informationen‘ (Junge Welt vom 20.6.2019) hat, an das sich der Landtagsabgeordnete Hermann Schaus (Die Linke) erinnerte, als dem hessischen NSU-Untersuchungsausschuss im Jahr 2015 Akten vorgelegt wurden, die den Neonazi Stephan E. betrafen.“

    Wetzel rechnet übrigens nicht damit, dass es zeitnahe Antworten auf diese Fragen im Interesse der Allgemeinheit geben wird.

    „Doch selbst wenn Stephan E. tatsächlich jahrelang keinen Kontakt mehr mit anderen Rechtsradikalen gehabt hätte – beruhigen darf das niemanden“, so die „Süddeutsche Zeitung“ in einem aktuellen Kommentar.

    Unterdessen hat die rechtsradikale Gruppe "Combat18" Morddrohungen gegen Journalisten ausgeprochen, die Hintergründe im Fall Lübcke an die Öffentlichkeit bringen wollen. Das hat "Exif", ein Aufklärungs-Netzwerk gegen Rechtsextremismus am Donnerstag öffentlich gemacht.

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    Tags:
    Kassel, Mord, Rechtsextremisten, CDU, Walter Lübcke