00:32 23 November 2019
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    Flagge der europäischen Polizeibehörde Europol beim Hauptstandort

    „Operation Viribus“ – Größte Anti-Doping-Razzia der Geschichte deckt riesiges Netzwerk auf

    © REUTERS / Europol/Handout
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    Ein durchschlagender Erfolg ist der europäischen Polizeibehörde Europol im Kampf gegen Doping geglückt: Unter Federführung Italiens und Griechenlands wurden in einer Großrazzia in 33 Ländern fast vier Millionen Präparate sichergestellt und 234 Verdächtige festgenommen.

    Im Zuge der Operation wurden außerdem neun Geheimlabore ausgehoben und knapp 24 Tonnen Steroidpulver beschlagnahmt. 17 kriminelle Gruppen wurden identifiziert, 839 Ermittlungsverfahren eröffnet. 

    An der „Operation Viribus“ nahmen 23 EU-Mitgliedsstaaten teil: Österreich, Belgien, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Tschechien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Deutschland, Ungarn, Irland, Lettland, Litauen, Malta, Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Slowenien, Spanien und Großbritannien. Außerdem dabei: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kolumbien, Island, Nord-Mazedonien, Moldawien, Montenegro, die Schweiz, die Ukraine und die USA. Unterstützt wurde Europol unter anderem von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA).

    Als „beispiellos“ bezeichnete ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt die Größenordnung der Aktion gegenüber dem Deutschlandfunk. Wegen der mehr als 1300 Urin- und Bluttests, die im Zuge der Aktion bei Sportveranstaltungen durchgeführt worden sind, äußerte Seppelt zudem den Verdacht, auch der Spitzensport könnte betroffen sein. „Wenn am Ende nur zwei oder drei den Hochleistungssport betreffen, könnte das brisant sein. Denn am Ende stellt sich die Frage: Wer sind die Athleten?“

    Konkrete Namen finden sich in der offiziellen Mitteilung von Europol nicht. Stattdessen führt die europäische Polizeibehörde neben den oben genannten Zahlen Entwicklungen auf, die sie während der Operation festgestellt hat. So würden Großhändler riesige Mengen an Steroiden importieren, um den illegalen Markt zu versorgen.  Amateursportler, Radsportler und Bodybuilder würden wiederum kleinere Mengen der hauptsächlich aus Asien und Osteuropa importierten Steroide abnehmen, um sie an Fitnessstudios weiterzuverkaufen. Anabolika würden verstärkt in sozialen Netzwerken beworben und vertrieben werden. Kleine kriminelle Gruppierungen würden illegale Labore betreiben und Dopingmittel verkaufen. Auch die kontinuierliche Zunahme des Vertriebs über nicht autorisierte Online-Apotheken, auch im Darknet, sei festzustellen. Bei der Bezahlung spielten Kryptowährungen eine immer größere Rolle.

    Insgesamt sei der weltweite Handel mit Anabolika in den letzten zwanzig Jahren signifikant angewachsen. Die illegalen Substanzen würden jedoch nicht nur von Sportlern zur Leistungssteigerung verwendet werden. Hormonpräparate fänden auch in der Tierhaltung Anwendung, etwa zum Mästen von Nutztieren oder für die Leistungssteigerung bei Rennpferden.

    WADA-Chefermittler Günter Younger gratulierte den beteiligten Staaten und Organisationen in einer Pressemitteilung vom Montag. „Wie gratulieren allen Mitgliedsstaaten und anderen Organisationen, die zu dieser erfolgreichen Operation beigetragen haben. Das ist die Art von Kollaboration vieler Parteien, die zu echten Ergebnissen führt und etwas an der Verfügbarkeit von gefälschten und illegalen Präparaten, die von Athleten weltweit genutzt werden, ändern kann.“ Die WADA sei bereit, mit der Durchführung solcher Operationen fortzufahren und werde weitere Kooperationen mit Strafverfolgungsbehörden weltweit anstreben.

    In einem Tweet lobte das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Erfolg der Razzia. „Wir begrüßen die Nachricht über die erfolgreiche Operation sehr. Es ist entscheidend, Dealer, Lieferanten und Produzenten, die Doping im Sport möglich machen und die kriminellen Machenschaften vorantreiben, ins Visier zu nehmen. Wir gratulieren Europol und der WADA zu ihrer Zusammenarbeit“, heißt es in dem Tweet.

     

    Auch die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) zeigte sich erfreut und betonte die Bedeutung internationaler Kooperation. „Die bisherigen Ermittlungsergebnisse von Europol zeigen, wie wichtig es ist, über Landesgrenzen hinweg zu ermitteln, um Doping-Netzwerke aufzudecken“, hieß es in einer Mitteilung der NADA am Dienstag. Die Agentur sei in die „Operation Viribus“ zwar nicht involviert gewesen, stehe jedoch bereit, sofern sie Maßnahmen unterstützen könne.

    An der „Operation Viribus“ nicht beteiligt: Der ewige Dopingverdächtige Russland. Die Ergebnisse der Anti-Doping-Razzia legen zum einen nahe, dass europäische Länder und die USA nicht so sauber sind, wie man aus der Berichterstattung der letzten Jahre glauben könnte. Zum anderen stellt sich die Frage, was die Ermittlungen der WADA denn inzwischen bezüglich des angeblich systematischen Dopings russischer Sportler ergeben haben.

    WADA-Chefermittler Günter Younger äußerte sich zum aktuellen Stand der Ermittlungen in einem Interview mit dem “Spiegel”. Die WADA habe 298 russische Sportler im Verdacht, Doping betrieben zu haben, und 43 sogenannte Indizienpakete seien an die internationalen Verbände weitergeleitet worden. Aber: „Das Problem ist: Wir haben keine positiven Dopingproben“, so Younger. Sollten die Indizien für die Verbände nicht ausreichen, um Doping festzustellen, bliebe für die WADA noch der Weg vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS. „Wenn das Gericht aber beispielsweise nach dem 20. Fall sagt, ab sofort reichen die Indizien nicht mehr aus, um einen positiven Fall zu haben, müssen wir die anderen gar nicht mehr weiterbearbeiten. Es ist ein sehr schwieriger Prozess”, gibt Chefermittler Younger zu.

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    Tags:
    Doping, Welt-Antidoping-Agentur (WADA), Anti-Doping-Organisationen, Europol, Europa