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16:33 19 September 2019
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    Sicherheitskontrolle vor einem Bundesliga-Spiel (Archivbild)

    Wenn Islamisten für „Sicherheit“ sorgen: Wird Security-Bereich radikalisiert?

    © AFP 2019 / PATRIK STOLLARZ
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    Die Bundesliga-Vereine Werder Bremen und SC Paderborn räumen ein, Personen mit „Kontakten zu gewaltbereiten Islamisten“ als Sicherheitsordner bei Fußballspielen eingesetzt zu haben. Der Staatsschutz ermittelt, wie es dazu kommen kann. „Diese Wachleute verkehren seit Jahren in der Islamismus-Szene“, so Expertin Birgit Ebel gegenüber Sputnik.

    „Zwei Sicherheitskräfte, die für den SC Paderborn und Werder Bremen tätig waren, sollen Kontakte zu gewaltbereiten Islamisten gehabt haben“, berichtete vor wenigen Tagen der „WDR“. Nach Recherchen des Senders „waren sie noch vor kurzem für eine Paderborner Sicherheitsfirma in Bundesliga-Stadien tätig“. Zwei Männer „offenbar mit Sympathien für die islamistische Szene arbeiten als Ordner für Werder im Weserstadion: Wie kann das passieren?“, fragt der Fußball-Blog „Deichstube“.

    Dabei handelt es sich um die beiden tschetschenischen Brüder Islam M. und Schamil M. aus Paderborn. Das Brüder-Duo ist aufmerksamen Behörden und Sicherheits- wie Islamismus-Experten seit langem bekannt, darunter Birgit Ebel. Sie ist Pädagogin und Lehrerin an einer Herforder Gesamtschule sowie Mitbegründerin der Präventionsinitiative „extremdagegen!“. Diese 2014 gegründete unabhängige Initiative betreibt Aufklärungsarbeit hinsichtlich verschiedener Formen der Radikalisierung von jungen Leuten und versucht ein Abdriften in den Extremismus zu verhindern. In der Initiative sind einige Erwachsene und viele junge Menschen aktiv, die in ihrem Umfeld darauf achten, ob Radikalisierungsprozesse stattfinden. Die Initiative sensibilisiert für diese Thematik und regt mit einigen Projektbeispielen und viel Öffentlichkeitsarbeit dazu an, dass die Zivilgesellschaft hier handeln und sich für demokratische Werte, Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit einsetzen muss. Sie befasst sich neben Rechtsextremismus auch speziell mit der Problematik der islamistischen Radikalisierung. In diesem Zusammenhang sind der Initiative viele Fälle von abgedrifteten Menschen in das radikal-islamistische Spektrum aufgefallen, wobei es hier insbesondere um Jugendliche und junge Männer zwischen Schule und Beruf geht, die meist auch sehr aktiv im Bereich des Sports, speziell in der MMA-Boxszene, sind. Genau dazu gehören u.a. auch diese beide tschetschenischen Brüder, die mit vielen anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Verbindung stehen. Die Initiative bekam von vielen Seiten Hinweise, dass Angehörige dieser Szene in der Security-Branche unterkommen. So eben auch Islam M. und Schamil M.

    Die Expertin hatte bereits in einem Sputnik-Interview im Februar 2019 über die Aktivitäten der radikalisierten Brüder berichtet.

    Sicherheit beim Fußball?

    Dass mutmaßliche Islamisten als Sicherheitsbedienstete bei Spielen von zuschauerträchtigen Fußball-Klubs in NRW eingesetzt werden, „führt in die Salafismus- und Islamisten-Szene von OWL“, sagte Islamismus-Expertin Ebel im aktuellen Sputnik-Interview.

    „Die Islamisten sind dort untereinander vernetzt. Deutschlandweit und sogar international vernetzt. Bei einem Spiel des SC Paderborn im März wurden auch wieder offenkundig Islamisten als Sicherheitskräfte eingesetzt, die ansonsten im Netz fleißig ihre Symbole und ihre islamistischen Inhalte posten. Die keinen Hehl daraus machen, dass sie die Scharia gut finden und dass sie der ganz reaktionären Auslegung des Islams anhängen. Das ist gefährlich und offenkundig ein Sumpf. Dann ist da nachgefasst worden. Mittlerweile sind Staatsschutz und Verfassungsschutz an dieser Angelegenheit dran. Das Sicherheitsunternehmen hat reagiert, und es stellte sich heraus, dass da vielfach Sub-Unternehmen eingesetzt werden.“ Dadurch fehle eine direkte Zuständigkeit und Verantwortlichkeit, kritisiert Pädagogin Ebel.

    Schon lange auf dem Schirm

    „Das tschetschenische Brüderpaar soll bereits seit seiner Jugend Kontakte in die salafistische Szene gehabt haben“, berichtete vor wenigen Tagen die Zeitung „Neue Westfälische“, die ebenfalls die Islamismus-Expertin dazu interviewte. „Zusammen mit ihrem Vater waren sie, laut der Herforder Initiative ‚extremdagegen!‘, bereits vor Jahren bei Koran-Verteil-Aktionen aktiv. (…) Der andere Bruder, Islam M., wurde wegen eines positiven Postings über den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift ‚Charlie Hebdo‘ zu einer Arreststrafe verurteilt.“

    Die Brüder Islam und Schamil M. waren laut Ebel noch minderjährige Jugendliche, als sie 2012 in Detmold an einer Koran-Aktion der mittlerweile verbotenen Organisation „Millatu Ibrahim“ beteiligt waren. Dabei trafen sie der Islamismus-Kritikerin zufolge auch Michael N. aus Gladbeck, der sich später als Konvertit der Terror-Gruppe „Islamischer Staat“ (IS*) anschloss und wohl bei Kämpfen in Syrien den Tod fand.

    Islamisten als Ordner

    „Mittlerweile sind diese Brüder Erwachsene – und sie arbeiten jetzt bei der Security“, kommentiert Ebel aktuell gegenüber Medien wie „RTL“ oder „WDR“ den Fall. Bei der Sicherheitsfirma, für die die beiden Brüder gearbeitet haben sollen, soll es sich um das Unternehmen „Kone Sicherheit“ in Paderborn handeln. Die Firma äußert sich nicht. Inzwischen sollen die Islamisten jedoch nicht mehr bei dem Security-Unternehmen angestellt sein.

    Der Fußballverein SC Paderborn wolle den „Sachverhalt eingehend überprüfen“, wie Sprecher des Bundesliga-Aufsteigers gegenüber Medien mitteilten. Werder Bremens Sicherheitsdienst habe in einer aktuellen Stellungnahme bereits reagiert. Der Verein wolle die Brüder als Ordner „nicht mehr einsetzen“. 

    Während die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW nun scharfe Kritik an der Personalpolitik der Sicherheitsfirmen übt, würden bereits Staatsschutz und Polizei ermitteln. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärte gegenüber Medien, er wolle in Zusammenarbeit mit den zuständigen Fußball-Verbänden und Klubs „die Sicherheit in Fußball-Stadien angehen“. Dabei gehe es auch um die „Auswahl des Ordner-Personals“.

    Radikale im Security-Bereich

    Dass darüber hinaus noch weitere mutmaßliche Islamisten, Salafisten und IS-Sympathisanten für Sicherheitsfirmen in Nordrhein-Westfalen arbeiten, kann Aktivistin Ebel mit eigenen Augen bezeugen. Anfang Juni sicherten Wachleute eines privaten Sicherheitsdienstes den Bielefelder Leinewebermarkt ab. Darunter gab es vermutlich jemanden, der schon in jungen Jahren in salafistischen Kreisen in Herford verkehrte.

    Den mutmaßlichen Islamisten „habe ich jetzt kürzlich auf dem Leineweber-Fest in Bielefeld bei einem Open-Air-Konzert im Sicherheitsbereich gesehen“, berichtete sie gegenüber Sputnik. „In der Sicherheitsweste seiner Sicherheitsfirma. Da habe ich gedacht: Das kann doch gar nicht sein.“ Dies sei nicht der einzige Fall, wie sie durch Recherchen aufdecken konnte. „Ich habe noch weitere solcher mutmaßlichen Islamisten im Security-Bereich entdeckt. Diese gesamte Szene müsste ganz stark kontrolliert werden, da muss mal aufgeräumt werden.“

    Strukturelle Probleme bei Sicherheitsdiensten

    „Bekannt geworden ist, dass häufig Menschen mit geringen Qualifikationen bei diesen privaten Wachschutz- und Security-Unternehmen arbeiten, die dann Flughäfen, Konzerte, Public Viewing Veranstaltungen, Volksfeste usw. bewachen. Diese schießen wie die Pilze aus dem Boden. Es ist schon bekannt, dass da vielfach eher rechts orientierte Menschen in diese Bereiche drängen.“ Der Sicherheitsbereich „boomt“ aktuell laut der Islamismus-Expertin. Der Bereich suche händeringend neue Fachkräfte und prüfe dabei nicht immer die neu eingestellten Personen. „Das ist wie bei den Leiharbeitern. Man weiß letztendlich gar nicht mehr, wen man da angestellt hat und ob überhaupt ein sauberes Polizeiliches Führungszeugnis vorliegt. Vielfach wird das nicht kontrolliert, da der Sicherheitsbereich unheimlich boomt und man nach Mitarbeitern sucht.“

    Jetzt sei ihr aufgefallen, „dass mittlerweile nicht nur Rechtsextreme bei diesen Wachdiensten sind, sondern offenkundig auch Islamisten. Da wird einem doch mulmig zumute, wie es denn sein kann, wenn Menschen für Sicherheit sorgen sollen, die selber zu denjenigen gehören, vor denen man Angst haben muss.“

    Es gebe zudem „überhaupt kein klares Konzept in Deutschland, wie man mit rückkehrenden Dschihadisten und IS-Frauen umgehen sollte“, kritisierte sie abschließend die zuständigen Bundesbehörden. „Die Öffentlichkeit erfährt das gar nicht und wiegt sich in einer falschen Sicherheit. Das ist offensichtlich ein Problem, wenn bei Sicherheitsfirmen Salafisten und Nazis arbeiten können und selbst die Polizei da große Zweifel hat. Das sind Sicherheitsdienste, die nicht für Sicherheit stehen, wenn dort solche mutmaßlichen Islamisten arbeiten.“

    * — Terrororganisation, in Russland verboten

    Das Radio-Interview mit Birgit Ebel („extremdagegen!“) zum Nachhören:

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    Tags:
    Sicherheitsdienst, Fußball, Islamisten, Deutschland