12:28 19 November 2019
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    Sportschuhe (Symbolbild)

    Mensch trickst Robot aus – Onlineshop wehrt sich auf originelle Art gegen Manipulationen

    CC0 / Wokandapix / Pixabay
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    Ein Online-Shop in Frankfurt am Main hat sich gewitzt gegen Manipulationen durch so genannte Bots gewehrt. Die Programme hatten automatisiert begehrte Sportschuhe aufgekauft, um sie teurer weiterzuverkaufen. Der Shop-Betreiber sprach sich mit Herstellern ab und trickste die hinter den Bots stehenden Aufkäufer elegant aus.

    Der Laden „Bonkers“ in der beschaulichen Klappergasse in Frankfurt am Main ist klein, aber fein. Er bietet hochwertige Mode und Accessoires rund ums Skateboarding an, vor allem von in der Szene bekannten und begehrten Marken. Auch ein solcher Laden muss mit der Zeit gehen und einen Onlineshop bereithalten, denn die Kundschaft ist vorwiegend jung und das Einkaufen im Internet gewohnt. Außerdem können gerade kleine Läden auf Online-Umsätze nicht mehr verzichten.

    Ladenbesitzer Martin Schreiber hat festgestellt, dass seine Kundschaft im Laden oft gar nicht auf einem Skateboard stehen kann, sondern angesagte Sneaker nur des Hypes wegen kaufen, wie er dem Skate-Magazin „Solo“ erzählte:

    „Ein Skateshop lebt ja eh nicht von Skatern. Jetzt mal ganz im Ernst. Die geben ihr Geld lieber für Weed aus. Und an Hardware verdiene ich einen Scheißdreck. Von einem Board bleiben mir, nach Steuer und free Grip, am Ende vielleicht acht Euro. Ein Skateshop hat schon immer auch von den Leuten gelebt, die sich dort den Lifestyle mit gekauft haben.“

    Möglicherweise steckt genau diese Sorte Kundschaft hinter jenen Problemen, denen Martin Schreiber den Kampf angesagt hat, ohne wirklich zu kämpfen, sondern einfach nur subversiv zu sein. Immer wieder stellten er und sein Team nämlich fest, dass Kunden mit Hilfe so genannter Bots begehrte, weil limitierte Sneaker aufkauften, um sie postwendend, mit saftigem Profit, an echte Fans dieser Schuhe weiterzuverkaufen. Diese Pest des professionellen „Reselling“ ist vor allem auch bei Tickets für Konzerte und Sportveranstaltungen bekannt, aber die modernen Wucherer machen mittlerweile mit allem ihr Geschäft, was rar und hip ist.

    Computerprogramme kaufen begehrte Ware auf, um sie teurer weiterzuverkaufen

    Martin Schreiber schilderte dem Magazin „Solo“, dass es Momente gab, wo wegen eines streng limitierten Schuhs die Seite seines Online-Shops innerhalb einer Minute mehrere zehntausend Aufrufe verzeichnete. „Welcher Server soll damit klarkommen? (…) Das ist als wäre ganz Frankfurt am Laptop und drückt die ganze Zeit refresh.“

    Experten ist ein solches Phänomen als DDoS-Angriff bekannt, was für „Distributed-Denial-of-Service-Attack“ steht und wörtlich ins Deutsche übersetzt etwas albern klingt. Entscheidend ist der Effekt: eine Internetseite ist wegen der enormen Menge von gleichzeitigen Anfragen nicht mehr erreichbar, weil der Server die Anfragen einfach nicht mehr verarbeiten kann. Für ein kleines Geschäft wie das Frankfurter „Bonkers“, die nur geringe Stückzahlen handeln, ist das extrem ärgerlich, denn durch die Überflutung des Datenverkehrs kommt es zu Überbuchungen, so dass vielen Kunden ihr Geld erstattet werden muss, weil ihnen das System zwar meldete, sie hätten einen der begehrten Treter erworben, aber keine Ahnung hatten, dass automatisierte Kaufprogramme längst die wenigen Schuhpaare abgegrast hatten.

    Der erste Schritt der Gegenwehr von Schreiber bestand darin, die Schuhe nicht mehr online zu verkaufen, sondern Bestellungen über ein eigens dafür angeschafftes Mobiltelefon aufzunehmen. Dennoch legten die „Bots“ den Server des Ladens immer wieder für zwei, drei Tage lahm. Eine neue Idee musste her. Durch Zufall gerieten sie an Betrüger, die mit Hilfe von Bots preisgünstige E-Books ohne Rückgaberecht anbieten, weil sie de facto nur eine E-Mail verkaufen.

    „Also haben wir gesagt, dass wir jetzt auch mal den Mittelfinger zeigen“

    Das war die zündende Idee: „Also haben wir gesagt, dass wir jetzt auch mal den Mittelfinger zeigen“, teilte Schreiber dem Magazin „Solo“ mit. Der besagte Mittelfinger bestand in tausenden Fotos von streng limitierten Sportschuhen. Von jeder Größe wurden 3.000 Fotos online gestellt, versehen mit der eindeutigen Auskunft, dass nur die Fotos zum Einzelpreis von 10 Euro verkauft werden. Das aber weiß das Computerprogramm nicht, weil es nur den Kaufauftrag kennt. Weil die Käufer überdies bestätigen mussten, dass sie wüssten, im Begriff zu sein, ein digitales Produkt zu kaufen, das sie nicht zurückgeben können, waren diesmal die Inhaber von „Bonkers“ diejenigen, die zuletzt lachten.

    Denn das Resultat war für jeden, der sich über das Reseller-Unwesen ärgert, ein einziger Triumph. Es gab einen Kunden, der hatte sage und schreibe 7.000 Euro für Schuhfotos ausgegeben. Die Beschwerden beim Bezahldienst PayPal wurden so zahlreich, dass der Dienst auf Antworten von Martin Schreiber verzichtete, weil sie den Sachverhalt bereits kannten und wohl auch eine wenig Schadenfreude mit ihm Spiel war. Den reklamierenden Kunden wurde kühl mitgeteilt, dass die Rechtslage eindeutig sei und sie ihr Geld nicht wiederbekämen. Die Firma „Nike“, um dessen Schuhe es sich handelte, war durch die „Bonkers“-Inhaber ebenfalls vorher eingeweiht worden und signalisierte Unterstützung.

    Der Foto-Trick brachte einige zum Nachdenken, aber wohl nicht alle

    Tatsächlich meldeten sich bei Martin Schreiber etliche reumütige Käufer von Schuhbildern und gaben zu, Bots eingesetzt zu haben. Mit einigen versöhnte sich Schreiber durch Ausgabe eines Gutscheines. Die nicht unerhebliche Summe, die der Skaterladen in Frankfurt, durch den Fototrick eingenommen hat, soll in die Szene investiert werden:

    „Wir können davon neue Shop-Klamotten machen oder mal ein Event hier in Frankfurt mehr pushen. Wir können unseren Teamfahrern vielleicht mal ein bisschen mehr geben. Nach dem Motto: <Danke Jungs!> Die Kohle geht halt in die Skateszene.“

    Ob der Lerneffekt in der Reseller-Szene bleibend beziehungsweise ansteckend ist, kann niemand sagen. Jedenfalls gab Martin Schreiber zu verstehen, dass er keine Gewissensbisse habe, wenn auch zukünftig Leute im Zweifel viel Geld für simple Schuh-Fotos bezahlen, weil sie mit Bots eingekauft haben. Er empfiehlt seine Methode sogar anderen von Bots genervten kleinen Läden wie seinem:

    „Dann lernen vielleicht auch mal die ganzen Bot-Spackos, dass die halt andere Wege finden müssen. Ich meine, klar wird das immer so sein, dass die dann was Neues finden werden und wir erfinden dann was Neues. Ich will das fair machen. Ich hab keinen Bock auf die ganzen Resell-Spasten. Klar, wenn jemand bei mir vor dem Laden campt, dann kann ich auch nicht kontrollieren, ob der Typ die Schuhe am Ende wirklich trägt. Aber immerhin hat er sich die Mühe gemacht und vor dem Laden gepennt.“

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    Tags:
    Online-Shop, Frankfurt am Main, Sportschuhe, Skateboard, Handel, DDoS-Attacke