03:06 15 November 2019
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    Büste von Napoleon Bonaparte

    Lovelace, PR-Experte und Euro-Vorreiter: 250 Jahre Napoleon Bonaparte

    © Sputnik / Ilya Pitalyow
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    Das Leben und Schicksal Napoleon Bonapartes könnte einen ganzen Abenteuerroman füllen. Er war ein genialer Militärtaktiker, Liebhaber der schönen Künste und Lovelace. Heute wird der 250. Jahrestag seiner Geburt gefeiert. Wie „Le Petit Corporal“ aus Korsika wirklich war – darüber wird seit mehr als 200 Jahren diskutiert.

    Hier versuchen wir zu klären, warum das Napoleon-Phänomen entstand.

    Ungreifbar

    Wie sah er aus? Die Gestalt Napoleons wurde aus Legenden und Erfindungen kreiert und mit Voreingenommenheit ergänzt. Das ist zum Teil damit verbunden, dass Bonaparte keine Zeit für Posen verschwenden wollte – zu ihm wurden selten Künstler zugelassen. Von ihren Arbeiten wurden anschließend Abbildungen Napoleons verbreitet – in Form von Kopien und Interpretationen.

    „Die Menschen, die Napoleon kannten, sagten, dass jedes seiner Porträts ein Zerrbild ist“, sagt der Sammler und Autor der Ausstellung „Napoleon. Leben und Schicksal“, Alexander Wichrow. „Seine Gestalt ist so unauffindbar, dass kein Künstler sie vollständig wiedergeben konnte.“

    Auf einem Bild, das auf der Ausstellung zu sehen ist, ist der Kaiser in Halb-Frontalansicht mit einem ungewöhnlich milden Blick, lockigem Haar und in einer entspannten Haltung dargestellt.

    Gar nicht klein

    Die Gerüchte über Bonapartes Körpergröße stimmen nicht ganz – die meisten Forscher sind der Ansicht, dass Napoleon 169 Zentimeter groß war – mehr als Durchschnitt nach den damaligen Maßen.

    Laut Wichrow entstand diese Voreingenommenheit wegen der sehr großen Gardesoldaten Bonapartes, die ihn Le Petit Corporal nannten.

    Schwieriger Charakter

    Napoleon hatte auch einen schwierigen Charakter. Er wurde in einer ziemlich armen kleinaristokratischen Familie auf Korsika geboren; er war also kein „echter“ Franzose. Die Muttersprache war ein korsischer Dialekt der italienischen Sprache, er sprach sein Leben lang mit starkem Akzent Französisch, schrieb mit Fehlern. Er war das zweite von 13 Kindern – verschlossen und nicht besonders umgänglich.

    Allerdings zeigten sich bereits in der Kindheit Führungseigenschaften – nicht umsonst übertrug sein Vater kurz vor seinem Tod gerade ihm die Verantwortung für die Familie.

    Genialer Feldherr

    In der Kadettenschule von Brienne wurde Bonaparte ein informeller Anführer unter Gleichaltrigen, leitete Spaß-Kämpfe unter Schülern. Die Schüler wurden im Winter in „Armeen“ aufgeteilt, errichteten Festungen aus Schnee und veranstalteten eine Schlacht. Napoleons Team ging dabei als Sieger hervor.

    1785 ging er als junger Artillerieleutnant zur Armee. Mit 24 Jahren wurde er General – eine beispiellose Errungenschaft selbst für die damalige Zeit.

    Erster PR-Experte in Europa

    Napoleon war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Dabei geht es nicht nur um Militärtaktik und Politik. „Er war ein Mensch, der sich selbst schuf, Meister der Gesten, er konnte Eindruck machen. Er wusste viel über PR-Methoden und wendete sie als erster an. Damals gab es zwar kein Internet bzw. Fernsehen, doch ganz Europa erfuhr schnell von ihm“, so Wachrow.

    Als in Tilsit ein Friedensabkommen geschlossen wurde, wurden die russischen und französischen Truppen besichtigt. Napoleon bat Zar Alexander I., den tapfersten russischen Gardesoldaten zu zeigen. Es wurde ein Soldat hergeholt. Bonaparte nahm seinen Ehrenlegion-Orden ab und gab ihn dem Soldaten. Zar Alexander konnte nicht mit Gleichem antworten – in Russland wurden Orden nach dem Stand verliehen, eine adelige Auszeichnung konnte einem einfachen Soldaten nicht verliehen werden.

    Es gibt viele britische Karikaturen, die sich über den Franzosen lustig machten. Wie soll man sich jedoch über jemanden lustig machen, den niemand kennt?

    Lovelace

    Wer weiß, wie sich die Weltgeschichte weiterentwickelt hätte, wenn sich Napoleon mit dem Romanow-Haus verschwägert hätte – Schritte in dieser Richtung wurden unternommen.

    Bonaparte dachte ständig über die Festigung seiner Position nach. Nach der Scheidung von Joséphine de Beauharnais 1809, die keine Thronfolger geboren hatte, suchte er nach einer passenden Ehefrau. Er wählte die Schwester von Alexander I., Jekaterina Pawlowna, wurde jedoch zurückgewiesen.

    „Ich werde eher den letzten russischen Schürer als diesen wurzellosen korsischen Tyrannen heiraten“, antwortete die Großfürstin auf das Angebot.

    Historiker sind der Ansicht, dass die Weltordnung ganz anders aussehen würde, wenn es zu dieser Heirat gekommen wäre.

    Alexander I. musste seine Schwester eilig mit Prinz Georg von Oldenburg vermählen. Als Bonaparte davon erfuhr und sich das Porträt des Prinzen ansah, sagte er: „Das geschieht ihr recht!“. Später annektierte er Georgs Fürstentum.

    Napoleon war bekannt dafür, nicht locker zu lassen. Er machte der anderen Schwester, Anna Pawlowna, einen Heiratsantrag. Die Romanows schlugen vor, ein paar Jahre zu warten, bis die Fürstin erwachsener wird. Doch Napoleon hatte keine Zeit und machte Prinzessin Marie-Louise von Österreich den Hof; aus dieser Ehe ging ein Thronfolger hervor.

    Sparsamer Millionär

    Napoleon wusste seit der Kindheit, was Armut bedeutet, und ging sehr behutsam mit Geld um.

    „Als er die höchsten Staatsposten bekleidete, führte er eine prall gefüllte Kasse, doch im Leben war er sehr sparsam“, so Wichrow. „Es blieb ein Brief erhalten, in dem Bonaparte, schon als Kaiser, befahl, 18 Hosen zu ändern und größer zu machen. Obwohl alle um ihn herum in Luxus badeten.“

    Dabei kümmerte sich der Kaiser um das Äußere seines Hofs – er musste glänzen. Er erteilte auch einen Erlass, laut dem alle Damen verpflichtet wurden, ausschließlich Kleider aus französischem Stoff zu tragen.

    Alle Kunstgegenstände aus der Kollektion Napoleons, die er für persönliches Geld kaufte, wollte er später dem Staat übergeben.

    Gründer des Euro-Prototyps

    Unter Napoleon tauchte in Europa der Prototyp des Euro auf – die Goldmünze Napoléon d'or bzw. „goldener Napoleon“.

    „Erstaunlich ist, dass diese Münzen in ganz Europa im Umlauf waren, sie wurden sogar in St. Petersburg gepresst“, so Wichrow.

    Nach den Napoleonischen Kriegen verwandelte sich Napoléon d'or in einen der am meisten verbreiteten Goldmünzenstandards in Europa.

    „Napoleon machte vieles – er führte Hausnummern ein, auf seinen Erlass wurde das Konservenfleisch erfunden, er entwickelte die Idee einer U-Bahn und wollte einen Tunnel unter La Manche graben. Auch den Napoleon-Kodex (Code Civil), der in Teilen auch in der russischen Gesetzgebung zu finden ist“, so Wichrow.

    Ausstellung „Napoleon. Leben und Schicksal“, Murawjow-Apostol-Residenz, Staraja Basmannaja-Str. 23/9, vom 22. Mai bis 29. September

    Ausstellung „Autogramme Napoleon Bonapartes aus der Sammlung des Historischen Museums. Zum 250. Jahrestag seiner Geburt“, Museum des Vaterländischen Krieges von 1812, Revolutions-Platz 2/3, vom 15. August bis 15. Oktober

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    Tags:
    Geburtstag, Frankreich, Napoleon Bonaparte