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    Mit Klopapier gegen „Vergewaltigungslyrik“ - #Metoo-Aktivisten schänden Goethehaus

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    „#MeToo“ hat nun auch Wolfgang Goethe ereilt. Stein des Anstoßes: Das Frauenbild des Dichters. Das Künstlerkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ hat das Gartenhaus von Deutschlands bedeutendstem Vertreter der Liga der „Dichter und Denker“ mit Toilettenpapier beworfen. Sie hinterfragen Goethes Werk als Unterrichtsstoff und stellen Forderungen.

    Aus Protest gegen „unbedarften und beschönigenden Umgang“ mit Goethe an deutschen Schulen, Universitäten, Theatern und Museen hat die Gruppe „Frankfurter Hauptschule“ am Dienstag Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm in Weimar geschändet: Das UNESCO-Weltkulturerbe wurde im Jubiläumsjahr des Nationaldichters mit Klopapier beworfen. Das ist eine aus dem Sport bekannte Praxis des Protests. Ein Video der Aktion wurde bei Youtube hochgeladen.

    Zu sehen sind 14 vermummte Männer und Frauen, die sich vor dem Gartenhaus des Dichters choreographisch ausgeklügelt formieren, um schließlich das Gebäude mit Klopapier-Rollen zu bewerfen. Musikalisch untermalt wird das Ganze durch eine Kinderchor-Vertonung von Goethes Gedicht „Heidenröslein“. Dem Dichter werden vom Künstlerkollektiv im Video der Klopapier-Aktion vermeintliche Aussagen wie „Nein heißt Ja“ und „Verweile doch, du bist so Scheiße“ zugeordnet, zudem wird er mit „Grab ´em by the pussy“ (zu Deutsch: „Greif ihnen in den Schritt“) “zitiert“ – entstammt allerdings dem Mund von US-Präsident Donald Trump.

    „Vergewaltigungslyrik eines lüsternen Dichtergreises“ verbannen

    Das Kollektiv wolle auf das Frauenbild Goethes aufmerksam machen: „Goethes Werk strotzt vor erotischen Hierarchien zu Ungunsten seiner Frauenfiguren, die von ihm oft als ‚naive Dummchen` gestaltet werden“, wobei das 14-jährige Gretchen in „Faust“  das prominenteste Beispiel dafür sei, heißt es von Seiten der Gruppe auf dem Portal „Frankfurter Info“.

    Das Kollektiv erklärt die Wahl des von Franz Schubert vertonten Gedichts für ihre Aktion: „In seinem Gedicht ‚Heidenröslein` verharmlost Goethe gar eine brutale Vergewaltigung in lieblichem Trällerton“.

    Es gäbe zwar schlimmere „Finger“ als Goethe in der Weltgeschichte, so die Stellungnahme. Aber er sei nun mal nicht irgendein alter, weißer Mann, sondern „der“ alte, weiße Mann.

    „Er ist der Säulenheilige der deutschen Kultur schlechthin... Goethe und sein 'Heidenröslein' sind heute immer noch unhinterfragter Unterichtsstoff. Kinder müssen das auswendig lernen. Einige von uns waren selber betroffen. Wir fordern, dieses Gedicht aus den Schulen zu verbannen, beziehungsweise wenn darüber gesprochen wird, es als das zu markieren was es ist: humoristische Vergewaltigungslyrik von einem lüsternen Dichtergreis. Wir sagen: Fuck you, Goethe!”

    Zeit seines Lebens habe Goethe Liebesbeziehungen zu wesentlich jüngeren Frauen gesucht, führt das Kollektiv „Frankfurter Hauptschule“ weiter aus. „Als 40-Jähriger verführte er die 23-jährige Christiane Vulpius und schwängerte sie. In der Folge hielt er sie von seinem Wohnhaus im Zentrum Weimars fern, da er sich für die nicht standesgemäße Verbindung mit einer Putzfrau schämte. Er schob sie in sein Gartenhaus ab. Noch mit weit über siebzig bedrängte Goethe die 17-jährige Ulrike von Levetzow. Immer wieder beutete Goethe Frauen emotional aus, ließ seine Partnerinnen sitzen und verschwand, mitunter ins Ausland. Als Jurist befürwortete er – gegen den Begnadigungswunsch Herzog Carl Augusts – vehement die Hinrichtung einer verwirrten, mittellosen Dienstmagd, die ihr Neugeborenes umbrachte.“

    Das Tatobjekt

    Das „geschändete“ Gartenhaus war 1776 Goethes erster eigener Wohnsitz in Weimar, im Alter war das Haus Rückzugsort. An der Weltkulturerbe-Stätte soll durch Aktion des Künstlerkollektivs kein materieller Schaden entstanden sein - die Weimarer Polizei prüft, ob eine Sachbeschädigung vorliegt, wie ein Behördensprecher mitteilte.

    Für die Reinigung habe die für das Haus zuständige „Klassik Stiftung Weimar“ mehrere Hundert Euro ausgegeben, so ein Stiftungssprecher: Gegen Satire sei nichts einzuwenden und die Kritik sei berechtigt, wenn die Gruppe sie auch extrem zugespitzt habe. „Wir sind eigentlich froh und glücklich, dass sich junge Menschen auf kreative Weise mit dem Werk Goethes auseinandersetzen, und hätten grundsätzlich sicher nichts gegen die Aktion gehabt – wäre danach aufgeräumt worden“.

    „LOLita“

    Das Künstlerkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ provozierte bereits in der Vergangenheit mit umstrittenen Aktionen, um Kunst- und Schmerzgrenzen im Stresstest des öffentlichen und medialen Raums zu erforschen: Mit gefälschten Tickets für die Bayreuther Festspiele im Wagner-Jahr 2013, einer „Heroin-Performance“ 2015 am Frankfurter Bahnhof, 2016 mit dem Aufruf, Liebesschlösser von Frankfurts Fußgängerbrücke abzuknacken und einzuschmelzen, 2018 inszenierte sie als „After Aua“ einen vermeintlichen rechtsextremen Übergriff auf der Wiesbaden-Biennale, hatten zuvor einen ausgebrannten Streifenwagen ins Frankfurter Bahnhofsviertel gestellt.

    Die „Frankfurter Hauptschule“ eröffnet am 28. August, pünktlich zum 270. Geburtstag Goethes, die Ausstellung „LOLita" in einem Kölner Projektraum. "LOLita" ist ebenfalls der Titel des Videos von der Klopapier-Aktion in Weimar.

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    Tags:
    Deutschland, MeToo, Johann Wolfgang von Goethe