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09:23 21 Oktober 2019
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    Zentralasiatische Architektur (Symbolbild)

    Deutsche Forscher auf der Suche nach zivilen Präventionsstrategien für religiöse Radikalisierung

    CC0 / Khusen Rustamov / Pixabay
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    In den Reihen des IS kämpfen in Syrien und dem Irak Islamisten aus 120 Ländern. Doch was bringt junge Menschen dazu, sich zu radikalisieren? Und welche Wege der Prävention gibt es, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Wissenschaftler des Zentrums für OSZE-Forschung haben sich in Zentralasien auf Spurensuche begeben.

    Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gilt als eine der größten Bedrohungen für den Frieden auf der Welt. Die Gründung der seit 2003 agierenden salafistischen Miliz geht auf den irakischen Widerstand zurück, ihre Kämpfer kommen jedoch längst aus allen Teilen der Welt, insgesamt aus 120 Ländern. Laut Erkenntnissen der Denkfabrik Soufan Group (Dezember 2015) kamen mit 6000 Menschen die meisten IS-Neuzugänge aus Tunesien, gefolgt von Saudi-Arabien (2500) und Russland (2400). Nicht wenige kamen auch aus Westeuropa (5000), davon 760 Personen aus Deutschland. Heute geht das Bundesamt für Verfassungsschutz von 1050 deutschen Islamisten aus, die nach Syrien oder in den Irak ausgereist sind, um sich dem IS oder al-Qaida anzuschließen (Stand: Juni 2019).

    Die Zahlen über die Gesamtstärke des IS und die einzelnen Nationalitäten der Kämpfer können von Jahr zu Jahr und je nach Quelle voneinander abweichen. Im Dezember 2018 gingen US-Regierungsquellen von einer Truppenstärke von etwa 30.000 Kämpfern im Irak und in Syrien aus.

    Ein Teil der IS-Terroristen rekrutiert sich auch aus den zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan, wo der Islam seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Renaissance erfährt. Insgesamt sollen etwa 2500 zentralasiatische Jihadisten zum IS gegangen sein. Im Vergleich zu den oben genannten Zahlen aus anderen Ländern mögen ein paar Hundert Kämpfer pro zentralasiatisches Land nicht viel sein, doch grenzt die Region an Afghanistan und gilt auch aufgrund innerer Instabilität als potenzielle Wiege des Islamismus. Europa ist jedoch an Stabilität und Frieden in der Region gelegen, nicht zuletzt wegen der von China gebauten sogenannten Neuen Seidenstraße, deren Route durch eben diese Gebiete führt.

    Der religiösen Radikalisierung auf der Spur

    2017 untersuchte eine Gruppe von Wissenschaftlern vom Zentrum für OSZE-Forschung am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg die Spezifik der Rahmenbedingungen für die Prävention religiöser Radikalisierung in Zentralasien. Zu diesem Zweck bereisten die Experten die Republiken Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan, wo sie sich mit zahlreichen lokalen Gesprächspartnern trafen, um die Situation in den jeweiligen Ländern kennen und einschätzen zu lernen. 
    Unter den Experten aus Deutschland war auch Dr. Dr. h. c. Arne C. Seifert, Botschafter a.D. und Senior Research Fellow des Instituts für Internationale Politik der Universität Potsdam. Seifert konnte sich auf langjährige Erfahrung stützen, war er doch von 1964 bis 1990 im Außenministerium der DDR tätig und nach 1990 als Political Officer für die OSZE in Tadschikistan.

    „Wir sind unter primär wissenschaftlichen Erkenntnisgesichtspunkten dort hingefahren, um der Frage nachzugehen: Gibt es in Zentralasien eine Radikalisierung auf religiöser Grundlage und wie muss man mit ihr umgehen“, erklärt Seifert die Zielsetzung der Mission. Es sei ihm und seinen Kollegen darum gegangen, zu beweisen, dass die jetzige Antiterrorstrategie mit ihrem militärischen und sicherheitspolitischen Primat kontraproduktiv ist und die Logik der Evolutionsprozesse der Radikalisierung zu verstehen.

    „Nicht, um ihnen zu sagen, wie sie es machen sollen. Sondern um auch uns darüber Klarheit zu verschaffen: Wie gehen wir mit solchen Radikalisierungsprozessen um? Denn wir haben ja auch in Deutschland keine kleine salafistische Schicht unter den Muslimen. Insofern gibt es bestimmte Dinge, die man miteinander vergleichen kann“, so Seifert im Sputnik-Interview.

    Man habe herausfinden wollen, wie Prävention betrieben werden könne, welche Methoden gut und welche nicht produktiv seien.

    Während islamistische Bewegungen in Europa als religiöse Minderheiten unter Bedingungen einer christlichen Bevölkerungsmehrheit tätig seien, wo sie zwar Schaden anrichten, aber keinen islamischen Staat errichten und keinen islamischen Regime Change durchführen könnten, wirkten sie in Zentralasien in einer islamischen Mehrheit. Einem nicht geringen Teil dieser islamischen Mehrheit gehe es sozial nicht gut.

    „Das heißt, es gibt eine gewisse Unzufriedenheit, und diese kann irgendwann zu Radikalisierung führen, wenn ihre Ursachen nicht beseitigt werden. Wenn dieser Radikalisierung nicht entsprochen wird, kann sich eine noch schlechtere Stimmung entwickeln, die den Nährboden für Extremismus und schlimmstenfalls für Terrorismus bildet“, so Seifert.

    Von außen gesteuert und finanziert – wer Kämpfer für den IS rekrutiert

    Doch wo kommen die Anstöße her, die die Unzufriedenen, teils Radikalisierten in Zentralasien auf den Weg des Islamismus bringen? Das angrenzende Afghanistan bleibe zwar ein Unruheherd, spiele in diesem Zusammenhang aber keine entscheidende Rolle, meint Arne Seifert. Auch die Türkei, die seit Jahren viel Geld in Zentralasien investiert und reihenweise Moscheen baut, wolle zwar grundsätzlich die Islamisierung in der Region befördern, könne aber, angesichts der eigenen Probleme mit religiösem Extremismus, kein Interesse daran haben, Islamismus in der Region zu unterstützen. Die entscheidenden Akteure seien religiöse Organisationen wie Hizb ut-Tahrir (HuT)oder Tablighi Jamaat. Gemeinsam sei ihnen, dass sie nicht zentralasiatischen Ursprungs sind und von außen finanziert und gesteuert werden.

    Hizb ut-Tahrir ist eine palästinensische, weltweit vernetzte Organisation. Als Ziel hat sie die Errichtung eines weltweiten Kalifats auf Grundlage der Scharia. Sie gilt in Kasachstan und Kirgistan als Nummer Eins unter den Organisationen, die für die Rekrutierung von IS-Kämpfern verantwortlich sind. Offiziell ist HuT in diesen Ländern verboten, genauso wie in vielen westlichen und den meisten arabischen Ländern. Das hindert sie aber nicht daran, aus dem Untergrund heraus aktiv zu sein. Hizb ut-Tahrir verbreite eine eigene Auslegung des Islam und seiner heiligen Schriften, erklärt Seifert. Unter den Angesprochenen sei aber längst nicht jeder des Arabischen mächtig. „Wenn man selbst kein Arabisch spricht und keine fundierten Kenntnisse der Schriften hat, dann hat man auch keine Möglichkeit, zu vergleichen, ob das, was einem erzählt wird, der ‚wahre Islam‘ ist.“

    In Deutschland ist die islamistische Organisation seit Januar 2003 wegen „Verstoß gegen den Gedanken der Völkerverständi­gung (finanzielle Unterstützung der HAMAS und ihrer sogenannten Sozial­vereine)“ verboten. Laut Zahlen des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist das Personenpotential von Hizb ut-Tahrir mit etwa 350 Mitgliedern (Stand 2018) jedoch relativ niedrig. Zum Vergleich: Die zahlenmäßige Stärke der „Millî Görüş“-Bewegung und zugeordneten Vereinigungen wird mit 10.000 Mitgliedern/Anhängern angegeben. Im April dieses Jahres machte die Organisation von sich reden, als bekannt wurde, dass sie mittels des Hamburger Fußball-Kreisligisten Adil e.V. versuchte, neue Mitglieder anzuwerben. „Aus Sicht des Landesamts für Verfassungsschutz wurde der Verein mit dem Zweck gegründet, unter der zunächst harmlosen Tarnung eines Fußballvereins neue Mitglieder für die verfassungsfeindliche Hizb ut-Tahrir zu gewinnen und die eigene Akzeptanz in der muslimischen Community in Wilhelmsburg zu erhöhen“, hieß es dazu im Lagebericht des Hamburger Verfassungsschutzes. 

    Wege der Prävention

    Dem wachsenden Islamismus entgegenwirken, aber wie? Das Vorgehen der OSZE hält Seifert nicht für die richtige Wahl der Mittel:

    „Eine Antiterrorstrategie, die mit primär militär- und sicherheitspolitischen Mitteln gegen Extremismus und Terrorismus vorgeht, der natürlich in diesem Fall islamistisch geprägt ist – ich bin der Überzeugung, dass dieser Ansatz die Ursachen für dieses Phänomen nicht aus der Welt schaffen wird.“

    Nach Ansicht des Experten gibt es verschiedene Möglichkeiten der Prävention von islamistischen und terroristischen Entwicklungen in Zentralasien. Eine davon sei, den Menschen eine gute religiöse Bildung angedeihen zu lassen, die sie in die Lage versetzen würde, Gebote des Islam und extremistische Auslegungen auseinander zu halten.

    „Dass man also Theologen mit fundierten Kenntnissen ausbildet, den Religionsunterricht in den Schulen verbessert, dass man Menschen zu theologisch fundierter Auseinandersetzung mit solchen schädlichen Argumentationen befähigt.“

    Eine wichtige Rolle könnten laut Seifert zudem Frauen und Mädchen spielen. Einerseits seien sie eine besonders gefährdete Bevölkerungsgruppe, wenn es um Islamismus gehe. Andererseits liege in ihrer gesellschaftlichen Stellung auch eine Stärke, die es zu nutzen gelte. Aus Gesprächen mit Frauen-NGOs habe er erfahren, wie diese ihre eigene Rolle beurteilen.

    „Wir wissen ja, dass wir es in Zentralasien mit im weitesten Sinne patriarchalischen Gesellschaften zu tun haben. Es hat den Gesprächspartnerinnen nicht gefallen, dass sie im Islam auf Plätze verwiesen werden, die eigentlich nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Sie haben keine Lust, nur am Herd zu stehen und Kinder auf die Welt zu bringen. Sie haben auch keine Lust, bloß auf dem Feld zu arbeiten. Sie legen Wert darauf, dass die emanzipatorischen Errungenschaften, was die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft, im Leben, im Staat angeht, nicht verlorengehen.“

    Manche Frauen hätten auch gesagt, sie wollten in ihren islamischen Gemeinden eine Rolle spielen, sie wollten eine Demokratisierung ihrer islamischen Hierarchien.

    Wenn die Frauen selbst den salafistischen Argumenten eine Absage erteilten, so könnten sie als Mütter auch dafür sorgen, dass ihre Kinder nicht darauf hereinfielen.

    „Es ist ganz wichtig, welche Art von Bildung sie diesen Kindern vermitteln, auch in religiöser Hinsicht. Die Frauen spielen in den Familien die allergrößte Rolle. Auch bei der Schlichtung von Streit in dörflichen Gemeinschaften sind es letztlich die Frauen, die in der Lage sind, die Dinge in Ordnung zu bringen. Insofern bin ich fest davon überzeugt, dass das ein Potenzial für zivile Prävention ist“, resümiert Seifert.

    „Es ist für uns auch kein Problem, dass diese Länder sich entsprechend ihrer historischen, religiösen Vergangenheit entwickeln. Wir würden es gut finden, wenn sich dort die Länder und die Gesellschaften in die Moderne hineinbewegen. Wenn dort möglichst viele emanzipative Ansätze für die Bevölkerung, für die Frauen entstehen. Ansätze, die auch in unserer eigenen Gesellschaft nicht immer gegeben sind. Infolgedessen sind wir nicht dorthin gegangen, um Dinge zu eskalieren oder um Islamophobie zu befördern, sondern, um die Dinge zu verstehen.“

    Das komplette Interview mit Dr. Arne Seifert zum Nachhören:

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    Tags:
    Prävention, IS, Islamisten, Syrien, Zentralasien