17:56 12 Dezember 2019
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    Klaas Heufer-Umlauf beim Rock am Ring Festival 2017

    Projekt Civilfleet: Wie ein Comedian Flüchtlinge in Seenot retten wollte – und scheiterte

    © CC BY-SA 4.0 / Sven Mandel
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    Eine medienwirksame Kampagne, Spendengelder in großem Umfang und ein Schiff, das niemals ausgelaufen ist, um Menschen in Seenot zu retten. So liest sich die Bilanz der Aktion Civilfleet um TV-Star Klaas Heufer-Umlauf. Die Plattform addendum.org zeichnet den Verlauf der missglückten Aktion nach und fragt: Warum wurden die Spender nicht informiert?

    Wenn Prominente sich für eine gute Sache engagieren und Spenden sammeln, so hilft das im besten Falle beiden Seiten: Ein unterstützungswürdiges Projekt bekommt Hilfe und der Prominente mediale Aufmerksamkeit und ein aufpoliertes Image. So weit, so klar. Was aber, wenn die Spenden, die der Prominente öffentlichkeitswirksam eingesammelt hatte, nie den Weg zu den Adressaten gefunden haben?

    Einen solchen Vorgang hat die Plattform addendum.org nun an die Öffentlichkeit gebracht. Im Fokus steht der Verein Civilfleet. Am 7. Juli 2018 hatte der Moderator und Comedian Klaas Heufer-Umlauf ein Video veröffentlicht, in dem er dazu aufrief, Geldmittel zu spenden, die dazu dienen sollten, Schiffe zu chartern, die im Mittelmeer zur Seenotrettung eingesetzt werden sollten. 

    „Es geht darum, Schiffe zu chartern und einfach auch, völlig egal mal, wie dieser Prozess jetzt gerade verläuft oder wie die Situation gerade ist, weiterzumachen und, inoffiziell von mir aus, wieder rauszufahren und weiterhin Menschen zu retten – weil was soll daran illegal sein“, so Heufer-Umlauf.

    Der TV-Star versprach, persönlich dafür Sorge zu tragen, „dass das Geld dort ankommt, wo es hinmuss“.

    Über 7400 Menschen sind dem Aufruf gefolgt und so kamen innerhalb kurzer Zeit fast 300.000 Euro zusammen. Viel Geld, mit dem viel Gutes bewirkt werden sollte.

    „In den Monaten darauf herrschte rege Betriebsamkeit. Ein Verein wurde gegründet, der sich um die Spendengelder kümmern sollte. Als Vorsitzender bot sich Erik Marquardt an, ein deutscher EU-Abgeordneter der Grünen und NGO-Aktivist. Zum Schatzmeister wurde Ruben Neugebauer ernannt, ein Fotojournalist, der schon die NGO Sea Watch mitaufgebaut hatte. Es war ein kleiner Zirkel von Aktivisten, die gemeinsam ein großes Projekt stemmen wollten – und damit scheitern würden“, schildert addendum.org das weitere Geschehen.

    Denn: Der Enthusiasmus der Beteiligten sei offenbar größer gewesen als ihr praktisches Geschick.

    Während es noch im August 2018 geheißen habe, ein Schiff sei in Aussicht, seien Vorboten des Scheiterns bagatellisiert und ignoriert, die Öffentlichkeit und die Spender über den Verlauf im Unklaren gelassen worden. Ein solches Warnsignal war der Flaggenentzug eines anderen Seenotrettungsschiffes, der „Aquaris“, durch Panama.

    Ende Januar 2019 habe Civilfleet vermeldet, ein Boot sei gechartert und für den Einsatz in der Seenotrettung umgerüstet worden. Auch das sich zuvor abzeichnende Problem des Flaggenstaats Panama sei gelöst worden und ein „langer, teurer Prozess der Umregistrierung“ hätte erfolgreich mit dem Inselstaat Vanuatu als neuem Flaggenstaat geendet, zeichnet addendum.org die Ereignisse nach. Es stehe nun ein einsatzfähiges Boot für die Unterstützung der zivilen Seenotrettung bereit und man befinde sich kurz vor Vertragsabschluss mit einer „allseits bekannten NGO“, habe Civilfleet in diesem Zusammenhang verkündet.

    In einem Kommentar auf der Vereinsseite geht Civilfleet auf die von addendum.org geschilderten Ereignisse und mögliche eigene Verfehlungen ein:

    „In der Tat kamen dann immer wieder Probleme dazwischen. Uns wurde vom Eigner vermittelt, dass der Flaggenprozess in wenigen Tagen abgeschlossen sei. Wahrscheinlich entsprach das zu dem Zeitpunkt auch den Tatsachen, aufgrund politischer Probleme mit dem Flaggenstaat kamen jedoch wohl weitere Probleme hinzu.“

    Insgesamt sei das Schiff „Golfo Azzurro“ aus Sicht des Vereins aber tatsächlich in einem rettungsfähigen Zustand gewesen:

    „Wir haben 600 Schwimmwesten und Crewausrüstung beschafft, eine zweite Brücke in einem Saferoom eingebaut, Gästetoiletten installiert und Raum geschaffen, damit Gerettete bei schlechtem Wetter unterkommen können. Wir haben ein hochseetaugliches Hospital mit viel Ausrüstung, Medikamenten, zwei Behandlungsplätzen und einer Recovery-Area für Verletzte und eine Küche eingebaut. Es wurde ein schusssicherer Tank mit Benzin für die beiden Schnellboote eingebaut, die für die Rettung notwendig sind. Das war leider notwendig, da im Rettungsgebiet schon Schüsse der sogenannten libyschen Küstenwache auf Rettungsboote abgegeben wurden. Ein Schnellboot wurde angeschafft, und wir haben 42000 l Diesel getankt, ohne die der für die Registrierung notwendige Stabilitätstest nicht möglich gewesen wäre.“

    Aus Sorge darum, dass Behörden die Vereinsarbeit behindern könnten, habe Civilfleet damals kaum über den Fortgang des Projekts berichtet.

    Was denn mit den fast 300.000 Euro an Spendengeldern für ein Schiff, das niemals auslaufen sollte, passiert sei, wollte der Addendum-Autor von Civilfleet wissen. Da noch immer kein Jahresabschlussbericht für 2018 vorliege, habe ihm der Verein nur eine grobe Kostenaufstellung zukommen lassen. Daraus gehe hervor, dass insgesamt 62.260 Euro für konkrete Projekte aufgewendet worden sind, beispielsweise  zur Unterstützung der bereits bestehenden NGO Sea Eye. 38.000 Euro seien für Lohnkosten draufgegangen. Sachkosten hätten mit 11.451 Euro zu Buche geschlagen.

    Den Löwenanteil der Spendengelder habe der 1987 gebaute, vierzig Meter lange Trawler „Golfo Azzurro“ verschlungen, so addendum.org. Der Eigner des Schiffes soll Civilfleet damals versprochen haben, das Schiff werde innerhalb von zehn Tagen einsatzbereit sein. Teuer und im Endeffekt nicht umsetzbar sei der geplante Flaggenwechsel geworden. Der Verein hätte zu diesem Zweck dem Eigner 30.000 Euro zur Verfügung gestellt, dieser hätte seine Versprechen aber nicht halten können, woraufhin weiteres Geld fällig geworden sei. 

    „Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die Alarmsirenen schrillen können, denn eine neue Flagge erfordert auch eine neue Registrierung des Schiffes. Kenner bestätigen, dass der Aufwand für einen solchen Prozess weit über einen bloßen Formalakt hinausreicht und mit umfangreichen Ausgaben verbunden ist“, so addendum.org. Insgesamt sei es zu Aufwendungen von nochmals 70.000 Euro gekommen.

    Der Verein versucht in seinem Kommentar, das Vorgehen zu erklären:

    „Wir sind uns bewusst, dass das große Beträge sind, aber man muss sich darüber bewusst sein, dass es viel Geld kostet, ein hochsee- und rettungstaugliches Schiff zu betreiben und auszustatten. In der Tat haben wir Ende des Jahres 2018, als absehbar war, dass der Eigner nicht eigenständig die Rechnungen bezahlen kann, die für den Flaggenwechsel notwendig waren, ein Darlehen gewährt, dass wir nach Abschluss des Projekts ebenfalls zurückfordern. Auch diese Entscheidung haben wir uns nicht leicht gemacht. Wir gingen zu dieser Zeit davon aus, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, um das Schiff in den Einsatz zu bringen. Andere NGOs haben sich an dem Schiff interessiert gezeigt und wir wollten das technisch auslauffertige Schiff so lange wie möglich einsatzbereit halten. Bedingung für die Gewährung des Darlehens war, bis zur Zurückzahlung des Darlehens das Schiff exklusiv für Seenotrettungsaufträge zu reservieren und nicht eigenständig zurückzubauen. Leider hat es der Eigner in der Folge nicht geschafft, ein gültiges Flaggenzertifikat vorzuweisen, was zum Scheitern der Verhandlungen mit einer anderen NGO führte, die sich interessiert gezeigt hat, das Schiff von Civilfleet zu übernehmen.“

    Das traurige Resultat: Das Projekt der zivilen Flotte musste schließlich abgebrochen werden. Laut Berechnungen von addendum.org beliefen sich die Ausgaben auf 206.675 Euro. Nun wird das teils sehr teure Equipment vom Schiff abgebaut und anderen NGOs, die in der Seenotrettung tätig sind, zur Verfügung gestellt.

    „Bereits jetzt gibt es mehrere Anfragen von anderen Organisationen, das Equipment in den Einsatz zu bringen. Teile des Equipments sind bereits im Einsatz. Zu suggerieren, dass das verlorene Spendengelder für das Golfo-Azzurro-Projekt sind, ist schlicht falsch. Es sind Gelder, die für notwendiges Equipment für die Seenotrettung genutzt werden sollten und werden“, versucht der Verein, sein Scheitern in positivem Licht darzustellen. Es schmerze die Aktivisten von Civilfleet am meisten, dass die „Golfo Azzurro“ bislang keine Menschen retten konnte. Man habe jedoch im Sinne der Spender sein Bestes gegeben.

    Trotz des Scheiterns des Projekts ist in der Rubrik „Über uns“ auf der Vereinsseite nach wie vor zu lesen, Civilfleet chartere „zur Unterstützung der zivilen Seenotrettung“ Boote und sammle das dafür nötige Geld über Crowdfunding. Weiter heißt es:

    „Zurzeit haben wir mit Eurer Hilfe und prominenter Unterstützung ein Rettungsschiff ausgerüstet und suchen nun Partner, die das Schiff alleine oder mit unserer Unterstützung betreiben.“

    Davon, dass es bis heute kein einsatzfähiges Schiff gibt bzw. dass das vorgesehene Schiff rückgebaut und das darauf befindliche Equipment auf andere Seenotretter umverteilt werden soll, erfährt der Besucher der Webseite daraus nicht. Spenden können er oder sie natürlich trotzdem.

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    Spende, Klaas Heufer-Umlauf, Rettungsschiff, Seenot, Flüchtlinge