03:50 15 November 2019
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    Klassenfoto von Schülern einer Hamburger Volksschule im Jahr 1951

    Warum das Klassenfoto für immer verschwinden könnte

    CC BY-SA 3.0 / Oxfordian Kissuth / Wikimedia Commons
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    Wenn ein Drittel der Schulklasse nicht abgelichtet werden darf, ergibt ein Klassenfoto kaum noch Sinn. Mit dieser Problematik haben es die Schulen EU-weit zu tun, seit die Datenschutzverordnung in Kraft getreten ist. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes rät den Schulen, angesichts der neuen Hürden nicht zu kapitulieren.

    “Schau mal, erkennst du mich? Ich bin die Dritte von links, die mit den langen Zöpfen. Und das Mädchen rechts neben mir war damals meine beste Freundin…“ Solche nostalgischen Momente bei der Betrachtung vergilbter Klassenfotos könnten bald für immer der Vergangenheit angehören. Nicht etwa deswegen, weil kaum noch jemand analoge Fotos in Alben einklebt und darin ein Leben lang aufbewahrt. Vielmehr ist es die EU-Datenschutzverordnung, wegen der das Genre des Klassenfotos EU-weit bedroht ist. Seit ihrem Inkrafttreten im Mai 2018 müssen Eltern erst eine Einwilligung erteilen, bevor ihre Kinder vom Schulfotografen abgelichtet werden dürfen. Und immer mehr Eltern verweigern diese Einwilligung.

    „In großen Städten – das hat auch mit dem akademischen Hintergrund der Eltern zu tun -  ist es teilweise ein Drittel der Eltern, das kein Einverständnis mehr gibt. Da sind Klassenfotos dann wenig sinnvoll. An meiner Schule in Niederbayern sind es unter rund 900 Schülern vielleicht 15-20, da lässt sich das Problem noch eher in den Griff kriegen“, schildert Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, die Situation.

    Die Einschränkungen würden auch nicht nur Klassenfotos betreffen. Die Bestimmungen der Datenschutzverordnung seien teilweise so engmaschig, dass auch andere Dinge kaum mehr möglich seien.

    „Auf Klassenfahrten und bei Schullandheimaufenthalten haben wir immer mit den Kindern Filme gedreht. Wenn Kinder Preise gewinnen, haben wir Probleme, dass sie dann nicht auf Zeitungsfotos veröffentlicht werden dürfen. Auch der klassische Jahresbericht, wo alle Aktivitäten einer Schule verzeichnet sind, muss zunehmend ohne Fotos auskommen.“

    Bei allen Schwierigkeiten – das Thema Datenschutz würden die Schulen sehr ernst nehmen, so der Gymnasiallehrer Meidinger. Medienerziehung, der Umgang mit dem Internet und den eigenen Daten in sozialen Netzwerken seien Dinge, die an den Schulen eine große Rolle spielten. Jedoch könne oft genug beobachtet werden, wie Kinder, entgegen den Vorstellungen ihrer um Datensicherheit besorgten Eltern, auf dem Pausenhof leichtfertig Fotos von Mitschülern machten, die später ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten auf entsprechenden Plattformen hochgeladen werden würden.

    Ein Thema, bei dem eine enge Zusammenarbeit von Schulen, Eltern und Schülern erforderlich sei, sei das Thema Cyber-Mobbing. Um auf die Gefahren und Wege der Vorbeugung aufmerksam zu machen, würden Schulen beispielsweise Elternabende unter Hinzuziehung von Experten aus Polizei und Erziehungsberatungsstellen veranstalten, teils mit Beteiligung der Kinder.

    „Trotzdem haben wir immer wieder Fälle von Cyber-Mobbing. Es gibt kaum noch Schulen, wo die Kinder nicht in Klassen-WhatsApp-Gruppen sind. Trotz aller Aufklärungsarbeit der Schulen und Erziehungsbemühungen der Eltern kommt es doch immer wieder, in den letzten Jahren leider verstärkt, zu Cyber-Mobbing-Fällen, wo Mitschüler durch Weitergabe von jugendgefährdenden Dateien oder Verleumdungen mit Mobbing von Mitschülern auffällig werden“, so Meidinger.

    Verstärkter Datenschutz und Sensibilisierung seien folglich sinnvoll, genauso wie die enge Zusammenarbeit mit den Eltern. Auf Klassenfotos gänzlich zu verzichten, fände der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes jedoch schade.

    „Ich würde den Schulen raten, nicht vorzeitig zu kapitulieren. Ich fände es jammerschade, wenn die nächste Generation von Kindern nicht mehr ihren Kindern und Angehörigen Fotos von der eigenen Einschulung zeigen kann, weil das an der Schule verboten wurde.  Das wäre eine Kapitulation, die ich nicht mitmachen würde. Ich würde die Schulen ermuntern, einerseits den Datenschutz zu beachten und andererseits in der Zusammenarbeit mit den Eltern zu einem vernünftigen Umgang zu kommen.“

    Das komplette Interview mit Heinz-Peter Meidinger zum Nachhören:

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    Tags:
    Foto, Schule, EU-Datenschutzgrundverordnung