11:08 22 November 2019
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    Bus mit dem Logo des deutschen Reiseveranstalters Thomas Cook im Flughafen Mallorca

    Scheitern von legendärem Thomas Cook: Ein Schock aber nicht das Ende – Experten

    © REUTERS / ENRIQUE CALVO
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    Der Zusammenbruch des ältesten Reiseveranstalters, der die Massentourismusbranche geprägt hat, wird weitgehende Konsequenzen für die globale Tourismusbranche haben. Das Reisegeschäft definiert die Strategie neu. Im Gespräch mit Sputnik analysieren Experten die Situation und geben Prognosen ab.

    Der Reiseveranstalter Intourist, der der britischen Thomas Cook Group gehört, arbeite weiterhin wie gewohnt, sagte Sergej Toltschin, Geschäftsführer des russischen Unternehmens. Intourist sei ein finanziell unabhängiges Unternehmen: Operationen, Unterbringung und Transport von Touristen werden unabhängig vom britischen Reisegiganten durchgeführt. Toltschin weigerte sich jedoch, irgendwelche Prognosen abzugeben: „Wir müssen die Entwicklung verfolgen.“

    Die russische Tochter des britischen Unternehmens werde nicht leiden, meint Tourismusexpertin, Professorin Galina Dechtjar: „Die vorhandenen Mechanismen für finanzielle Sicherheit garantieren, dass russische Touristen, wenn nötig, ohne staatliche Hilfe wieder nach Hause gebracht werden im Unterschied dazu, wie es jetzt Großbritannien tut.“

    Anderer Meinung ist die Geschäftsführerin der Assoziation der russischen Reiseveranstalter, Maja Lomidse. Ihr zufolge könne der Nachfragerückgang von Intourist zunächst 20 Prozent betragen. Was als nächstes passieren werde, hänge vom Informationsumfeld ab, sagte sie gegenüber Sputnik.

    Lomidse wies darauf hin, dass die Analytiker als Ursache für den Absturz von Thomas Cook den enormen Konservatismus des britischen Reisegiganten nennen sowie seinen Unwillen, sich in moderne Technologien zu integrieren. „Diese Meinung teilen wir nicht. Im Gegenteil, das Unternehmen ist aktiv gewachsen, auch in der Technologieentwicklung“, erwiderte Lomidse.

    Der Zusammenbruch des ältesten Reiseveranstalters, der die Massentourismusbranche geprägt hat, werde ihrer Meinung nach weitgehende Konsequenzen für die globale Tourismusbranche nach sich ziehen.

    „Unternehmen werden ihre Herangehensweisen an Geschäft, Kundenbeziehungen und Entwicklungsstrategien neu überdenken müssen. Dies wird ein wechselseitiger Prozess sein: Touristen werden andere Anforderungen an das Tourismusgeschäft stellen, aber das Geschäft wird sich auch ändern. Daher kann man bereits feststellen, dass das ein großer Schock für die Branche ist, aber das ist nicht das Ende“, sagte die Leiterin der Assoziation der russischen Reiseveranstalter.

    Heute reisen viele Touristen auf eigene Faust mit Hilfe von Informationsservices. Sie nutzen Buchungssysteme für Tickets und Hotels, um ihre Reise zu sichern und billiger zu machen, weil es sich in einigen Fällen als richtig herausstellt. Man solle jedoch nicht vom Abfluss der Verbrauchernachfrage zugunsten eines unabhängigen Tourismus im Zusammenhang mit der Insolvenz von Thomas Cook sprechen, sagte Felix Spielmann, CEO von Online-Hotelreservierungsservice Ostrovok.ru, gegenüber Sputnik. Ausschlaggebende Faktoren für die Wahl zwischen einer Reise mit einem Reisebüro und einer unabhängigen Reise seien seiner Meinung nach die Kosten und Gewohnheiten einer Person.

    „Unabhängiger Tourismus ist in allen Altersgruppen gefragt, einschließlich jüngerer Touristen (18-24 Jahre, 25-34 Jahre), die bereit sind, selbständig nach geeigneten Tickets zu suchen und aus einer Vielzahl von Unterkünften zu wählen. Der organisierte Tourismus ist jedoch bei älteren Touristen (35-44 Jahre und 45-55 Jahre) beliebt. In einigen Bereichen können Reiseveranstalter über organisierte Charterflüge wirklich vorteilhafte Pakete anbieten“, sagte Felix Spielmann.

    Die Pleite eines so großen ausländischen Unternehmens wie Thomas Cook sollte ein Signal für andere Branchenteilnehmer sein.

    „Wir bedauern, dass sich ein so starker Marktteilnehmer wie Thomas Cook in eine schwierige Situation geriet und nicht damit umgehen konnte. Natürlich besetzte das Unternehmen einen erheblichen Marktanteil im Ausland, insbesondere in Europa. Der globale Tourismusmarkt ist jedoch hart umkämpft und die Kundennachfrage wird nun zu Nutzen anderer Spieler umverteilt. Für sie sollte das Schicksal von Thomas Cook ein Signal für eine Neuorientierung in Richtung Technologie, technologisch hochwertige Geschäftsabwicklung und Revision der aktuellen Vertriebsprinzipien werden“, betonte der Ostrovok.ru-Chef.

    Im vergangenen Jahrhundert hat der sowjetische Dichter Samuil Marschak eine Geschichte über Mr. Twister geschrieben, der mit seiner Familie aus Amerika nach Leningrad kam. Mehrere Generationen von Kindern waren mit diesem Gedicht aufgewachsen. Und so fing es an: „Es gibt ein Reisebüro Cook im Ausland. Wenn Sie sich langweilen und die Welt sehen möchten – die Insel Tahiti, Paris und die Pamirs, bereitet Cook für Sie jederzeit eine Kabine auf dem Schiff vor, bestellt ein Flugzeug oder schickt Ihnen ein Kamel, gibt Ihnen ein Zimmer im besten Hotel, ein warmes Bad und Frühstück im Bett. Berge und Dämme im Norden und Süden, Palmen und Zedern zeigt Ihnen Cook.“

    Damals schien es unglaublich, dass man die ganze Welt erblicken kann. Das wird heute niemanden mehr überraschen. Nun gehört noch eine Legende der Vergangenheit an.

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    Tags:
    Großbritannien, Deutschland, Insolvenz, Reiseveranstalter Thomas Cook