08:28 15 November 2019
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    Ultras der BSC Hertha drängen durch die Polizeisperre auf das Spielfeld (Archivbild)

    Hooligans: Zwischen Fußball und MMA – Wie Kampfsport den Ballsport „ablöste“

    © AP Photo / apn / Kai-Uwe Knoth
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    Welche Rolle Hooligans im Fußball oder in Kampfsportarten wie MMA spielen, erklärte am Dienstag die Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung mit einer Veranstaltung. „Erst eine Tragödie im Fußball zwang Vereine, UEFA und Sportpolitik zum Handeln“, so der renommierte Fan-Forscher Gunther A. Pilz. Experten stellten neue Studie vor. Sputnik war vor Ort.

    Die wichtigsten Erkenntnisse der Veranstaltung gleich vorab: Hooligans in Deutschland und Europa benötigen schon seit Jahren kein Stadion und keinen Fußball-Spieltag mehr, um ihr gewalttätiges „Hobby“ auszuüben. Sie weichen immer mehr auf Kampfsportarten wie „Mixed Martial Arts“ (MMA), Judo oder Boxen aus. Mittlerweile seien Hooligans immer stärker in Kampfsport-Vereinen aktiv. So lautete das Fazit der fachkundigen Referenten auf der Veranstaltung namens „Professionalisierung rechter Gewalt!? – Hooliganismus zwischen Fußball und Aufrüstung durch Kampfsport“.

    Das Info-Event in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Berlin eröffnete am Dienstag der FES-Stiftungsmitarbeiter Florian Dähne. „Hier geht es nicht um einfache Fußball-Fans, sondern um Hooligans, also gewaltbereite Personen“, betonte er gleich zu Beginn. Das dürfe auf keinen Fall gleichgesetzt werden. Der Sportjournalist Ronny Blaschke führte als Moderator durch das informative Programm. Dieses wurde unter anderem vom Bundesfamilienministerium, dem Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) unterstützt.

    Deutschlands bekanntester Fan-Forscher: „So entstanden die Hooligans“

    Sportreporter Blaschke stelle den renommierten Sport-Soziologen und Fan-Forscher Gunter A. Pilz von der Universität Hannover vor, der „lange Zeit auch als Berater für den DFB und die UEFA“ aktiv gewesen war. Zudem war Pilz der erste Leiter der 2012 gegründeten „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (Kofas). In seinem Vortrag gab der Hannoveraner Wissenschaftler einen kurzen Überblick über die geschichtliche Entwicklung des Phänomens Hooligans im Fußball. Das entstand hauptsächlich in den 1980er Jahren.

    „Die Gewalt, die vorher vielleicht von alkoholisierten Kuttenträgern ausgeübt wurde“, so Fan-Forscher Pilz, „hatte eine neue Seite bekommen von jungen Menschen: Durchtrainiert und durchaus mit Erfahrung in asiatischen Kampfkünsten, die gezielt Gewalt (in und um Fußball-Stadien, Anm. d. Red.) suchten. Der erste größere Höhepunkt dessen, was man mit dem Hooliganismus verbindet, war die Katastrophe in Brüssel im Heysel-Stadion beim Endspiel im Europa-Pokal der Pokalsieger zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin.“

    1985: Die Katastrophe von Heysel

    Professor Pilz sprach die „Katastrophe von Heysel“ in Brüssel an. Am 29. Mai 1985 kam es beim Finale zwischen Liverpool und Juventus zu Fan-Ausschreitungen, als englische und italienische Hooligans den neutralen Sektor im Stadion stürmten, dabei plötzlich eine Panik verursachten und Wände zum Einsturz brachten. Damals starben 39 Menschen, über 450 wurden leicht bis schwer verletzt. Daraufhin überdachten zuständige Fußballverbände wie der europäische Fußballbund UEFA ihre Stadion-Sicherheitskonzepte. Der damalige UEFA-Generalsekretär wurde laut Pilz sogar deswegen rechtskräftig verurteilt.

    Die Folge: Hooligans konnten fortan nicht mehr ungestört ihre Gewalt-Exzesse in Fußball-Stadien durchführen. Es kam in den folgenden Jahren zu gravierenden Änderungen, so der Fußball-Soziologe.

    Warum „MMA“ immer mehr Hooligans anzieht

    Die ersten Fan-Projekte im Bereich des „Hooliganismus“ ab Mitte der 80er Jahre waren vor allem auf Gewaltprävention und Vermeidungsstrategien ausgerichtet. Doch das war laut ihm –staatlicherseits – vor allem „auf Repression ausgerichtet“ und von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Erst in den 90er Jahren sei es zu besseren Konzepten gekommen. Ab jener Zeit haben ihm zufolge die „Ultras“ die Ära der Hooligans in den Stadien abgelöst. „Ultras“ setzen nicht auf brutale Aktionen, sondern mehr auf Choreografien und gemeinsamen Fan-Gesang.

    Schließlich sprach der Fan-Forscher auch die „Mixed Martial Arts“ (MMA) an. Eine Kampfkunst, die in den letzten Jahren weltweit und in Deutschland immer mehr Zulauf erhalte. Trainierte Hooligans, so Pilz, würden sich in solchen Kampfsportarten körperlich stählen.

    Somit sei der Hooliganismus vor allem in den letzten Jahrzehnten verstärkt vom Fußball sozusagen in Kampfsportarten wie MMA abgewandert. Aber auch andere Kampfsportbereiche wie Judo, Boxen oder ähnliches seien mittlerweile von Hooligans besetzt.

    WM ’98: „Schande von Lens“

    Der Wendepunkt für diese Entwicklung war das „Hooligan-Attentat“ zur Fußball-WM 1998 im französischen Lens, als der Gendarm Daniel Nivel so zusammengeschlagen wurde, dass er bis heute eine schwere Behinderung davon trägt. Damit schossen sich die „Hools“ sozusagen selbst ins Aus.

    „Damals kamen zwei Hooligans aus Hannover zu mir“, erinnerte sich der Fan-Forscher. „Sie waren selber erschrocken, über das, was sie da getan haben.“

    Übrigens: Der Sport-Soziologe nannte den bemerkenswerten Fakt, dass die erste historische Welle der Hooligans in den 80er Jahren „weitgehend unpolitisch“ war und somit damalige Hooligans – bis auf wenige Ausnahmen wie die „Borussen-Front“ in Dortmund – keiner rechtsextremen Gesinnung anhingen.

    Jedoch: Es gab vor wenigen Jahren eine Renaissance der Hooligans – auch in politischer Hinsicht: „Diese Renaissance geht sehr stark in Richtung eines rechtsextremen und rechtspopulistischen Denkens. Mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus haben sich die Hooligans wieder mehr in die Öffentlichkeit gewagt.“

    Rechtsextreme „Renaissance“ der Hools

    Nach Pilz präsentierten die Sport-Wissenschaftler Robert Claus und Olaf Zajonc von der „Kofas“ in ihren Vorträgen die neue Explorativ-Studie „Zum Stand der Präventionsansätze im Extrem-Kampfsport“. Untertitel: „Mixed Martial Arts im Spannungsfeld von sportlicher Entwicklung, erhoffter gesellschaftlicher Anerkennung und extrem rechter Gewalt.“ Dazu sagte Forscher Claus:

    Die heutigen Hooligans kommen „nicht mehr aus dem Fußball. Die Hooligan-Szene hat ihr eigenes Sportformat erfunden mit den sogenannten ‚Acker-Matches‘, wo zwei Kampfsportgruppen aufeinander treffen. Das findet meist nicht mehr an Spieltagen statt. Ich würde so weit gehen zu sagen: Es gibt heute keine aktive Hooligan-Gruppe mehr, die nicht in irgendeiner Form Kampfsport trainiert.“

    Trainieren wie die Profis?

    Der „Kofas“-Experte nannte Statistiken und Zahlen, wonach die Gewalt bei Fußballspielen in den letzten Jahren sogar abgenommen habe. Vielleicht kein Wunder, wenn sich Hooligans vermehrt außerhalb des Ballsports betätigen. Es sei zu einer „Professionalisierung der Gewalt“ gekommen:

    Hooligan-Kämpfer würden sich „wie Profi-Sportler“ in „Acker“- und MMA-Kämpfen trainieren. Außerdem seien viele dieser Personen heute auch in legalen Jobs wie der Türsteher-Szene oder in Sicherheits- und Security-Firmen zu finden. Eben auch wegen ihrer kämpferischen und gewalttätigen Vergangenheit. „Man macht Gewalt-Kompetenz ein Stück weit zum eigenen Beruf“, sagte Claus.

    Auch das heutige Problem des Rechtsextremismus in dieser Szene benannte er deutlich:

    „Man sieht, dass die extreme Rechte – also die militante Neonazi-Szene – in diesem Bereich in den letzten Jahren ganz stark investiert hat. Mehrere lokale Gruppen sind entstanden.“ Darunter beispielsweise das „Baltic Corps“ aus Mecklenburg-Vorpommern. „Die gehören zur Rostocker Kameradschafts-Szene. Man sieht die Gruppe ‚Knockout51‘. Das ist eine Kampfsport-trainierte Kameradschaft aus Eisenach.“ Dabei gehe es allerdings um ein bundesweites Phänomen und Problem.

    Abschließend forderte „Kofas“-Experte Claus mehr sportpolitisches, staatliches und gesellschaftliches Engagement, um bereits bestehende Präventions-Programme – auch im MMA-Bereich selbst – zu fördern und neue Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt zu fördern. Um diese gewaltbereiten Menschen sozusagen in gesellschaftliche Konventionen einhegen. Prävention könne nur dann funktionieren, betonte er, wenn sie auf ein dafür offenes gesellschaftliches Umfeld treffe.

    Die Radio-Reportage zum Nachhören:

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    Tags:
    UEFA, Deutschland, Hooligans, UFC, MMA