06:29 15 November 2019
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    Kriegsschiffe, Eisbrecher, U-Boote: Was so alles auf dem Ostseegrund liegt

    Kriegsschiffe, Eisbrecher, U-Boote: Was so alles auf dem Ostseegrund liegt

    © Foto : Timur Achmedzianow
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    In der Ostsee gibt es nicht nur Bernstein. In den Tiefen des Meeres verbergen sich viele andere Schätze. Besser als viele andere wissen das Wrack-Taucher aus Kaliningrad, die gerne die versunkenen Objekte aufsuchen.

    Wie der Wrack-Taucher Timur Achmedsjanow aus dem Team Red Ship.Koenig gegenüber Sputnik sagte, liegen auf dem Meeresgrund nach wie vor etliche Objekte aus der Zeit des Zweiten und auch des Ersten Weltkrieges. „Die meisten Stücke wurden unweit von Kap Taran und der Stadt Baltijsk entdeckt. Vor allem sind das Schiffe, die beim Sturm von Königsberg und Pillau (seit 1946 Baltijsk) untergegangen sind“, betonte er.

    Besonders beliebt seien bei den Tauchern vier Schiffe, darunter zwei deutsche. Das wohl bekannteste Wrack sei die deutsche „Drache“. „Das Schiff ist praktisch vollständig erhalten geblieben, dort liegen immer noch die Anker, die Kanonen, und der Zielanweisungsmechanismus funktioniert immer noch, da kann man ein paar Hebel drehen“, so Achmedsjanow.

    U-Boote, Eisbrecher und Zielscheiben-Schiffe

    Nach seinen Worten gibt es auf dem Meeresgrund noch viele andere Objekte, von denen nicht alle gut erkundet worden sind.

    „So liegt dort beispielsweise ein U-Boot, das wir nur ein einziges Mal erreichen konnten. Es liegt 65 Meter tief, und ein Taucher braucht dafür spezielle Ausrüstung und muss sehr gut trainiert sein. Unweit der Küste liegt (…) ein Eisbrecher – ein schönes Schiff, das aber leider schnell zerfällt“, sagte der Taucher bedauernd.

    Mehrmals habe man auf dem Meeresgrund auch Zielscheiben-Schiffe gesehen, an denen Militärs das Schießen übten. „Ebenfalls unweit von Kap Taran ist ein schönes Schiff zu sehen, höchstwahrscheinlich ein Fischerschiff. Es liegt auf ebenem Kiel und hat keine Hebewinden und Anker. Offenbar wurde das Schiff extra fürs Versenken präpariert “, vermutet Achmedsjanow.

    Der Interview-Partner Timur Achmedsjanow (R)
    © Foto : Timur Achmedzianow
    Der Interview-Partner Timur Achmedsjanow (R)

    Es ist ziemlich schwer, ein versunkenes Schiff zu entdecken. Im vorigen Jahr konnten die Kaliningrader Taucher kein einziges Objekt dieser Art finden, aber in diesem haben sie gleich vier gesichtet. „Zu den drei neuen Wracks, die wir in diesem Sommer entdeckt haben, gehören ein relativ moderner Lastkahn und (das war eine Überraschung) ein Holzschiff, das vermutlich noch vor 1900 gebaut wurde. Dort gibt es überhaupt keine Metallstücke. An Bord steht nichts geschrieben. Sollten wir es identifizieren, hätten wir großes Glück“, sagt das Mitglied von Red Ship. Koenig.

    Nicht nur Schiffe finden, sondern auch Informationen über sie

    Die Wrack-Taucher interessieren sich für die Geschichte der von ihnen entdeckten Schiffe. Außerdem ist es leichter, sich unter Wasser zu orientieren, wenn man etwas über dieses oder jenes versunkene Schiff weiß. „Vor einigen Jahren haben wir beispielsweise das Schild eines Holzschiffes gefunden, das schon stark zerstört war. Wir nahmen Kontakt mit deutschen Archiven auf, und nach dem Namen der Werft und der Nummer fanden wir heraus, dass es sich um das Handelsschiff  „Velox“ aus dem Jahr 1883 handelte, das 1913 wegen einer Minenexplosion untergegangen war“, erzählte Timur Achmedsjanow weiter. „Mehr noch: Wir haben sogar sein Foto gefunden. Aber das war eher Zufall.“

    © Sputnik .
    Auf dem Ostseegrund liegen etliche Objekte aus der Zeit des Zweiten und auch des Ersten Weltkrieges

    Es ist nach seinen Worten ziemlich schwer, auf dem Rumpf des vor vielen Jahren versunkenen Schiffes diese oder jene Identifikationszeichen zu finden: „Das Meer ändert sich stets: Mal wird das Objekt mit Sand bedeckt, mal wird es wieder geöffnet, wenn man damit gar nicht rechnet. Einzelne Bruchteile werden von Wellen befördert – sie sind leicht und vermischen sich immer wieder. Außerdem ist die Sichtweite in der Ostsee so, dass man das Objekt unter dem Wasser nicht immer gut sehen kann.“

    Fischer helfen Wrack-Tauchern, Militärs verweigern Hilfe

    Achmedsjanow zufolge liegen auf dem Meeresgrund auch etliche andere Objekte. Aber um neue Objekte zu finden, brauche man nicht nur spezielle Ressourcen und besondere Ausrüstung, sondern auch gute Informanten. „In Polen wurden ja wohl 100 Mal so viele Wracks entdeckt. Dabei war Pillau eine militärische Stadt, und dort lagen die Handelswege, also sollte es in der Umgebung viele Objekte geben – sie wurden noch nicht alle gefunden. Aber von Militärs bekommen wir keine ausführlichen Informationen. Nur Fischer erzählen uns etwas, falls sie etwas unter Wasser gesehen haben“, erläuterte der Taucher.

    © Foto : Timur Achmedzianow

    Was die Taucher auf dem Ostseegrund entdecken, überlassen sie dem Kaliningrader Ozeanmuseum. „Auf einem Schiff hat unser Team ein Querspant entdeckt. Wir haben es geborgen und dem Museum überreicht, wo man es konserviert und seine weitere Zerstörung verhindert hat. Andernfalls verrotten die Stücke und werden zu Staub. Und im Museum werden sie untersucht, so dass man sogar das Alter des jeweiligen Schiffes feststellen kann. Und dann wird das Objekt ein weiteres Museumsexponat“, so Achmedsjanow.

    Schätze und Skelette wurden bislang nie gefunden

    „Kisten mit Gold fanden wir noch nie. Man sollte aber verstehen, dass in der Tiefe alles anders ist: Wegen des Wassers gehen die Stücke kaputt, und es ist äußerst schwer, Artefakte zu entdecken“, betonte der Taucher und ergänzte, dass er und seine Kameraden keine Skelette unter Wasser gesehen haben.

    „Geschnürte Schuhe haben wir gesehen. Aber wenn es da auch den Körper gab, so wurde er höchstwahrscheinlich entweder von Fischen gefressen oder es ist da noch irgendwas passiert. Jedenfalls berühren wir solche Dinge nicht. Erstens ist es unangenehm, und zweitens sollten wir sie nicht stören.“

    Nach seinen Worten werden die Taucher oft von Bootsbesitzern angesprochen, die im Meer Motoren oder Anker verloren haben.

    Ohne Partner nicht tauchen, den Schiffsinnenraum nicht betreten

    Timur Achmedsjanow ist sich nach seinen Worten klar, dass sein Hobby mit großen Risiken verbunden ist. Erstens weil das Wasser in der Ostsee ziemlich kalt ist (die Temperatur liegt im Durchschnitt bei 15 Grad und im Winter sogar bei nur zwei Grad), und zweitens ist das Meer kaum vorhersagbar: Auf dem Boden kann es noch still sein, während oben schon ein Sturm beginnt. Und schließlich können die alten versunkenen Schiffe jederzeit zusammenbrechen.

    „Man muss sehr vorsichtig sein und sich an gewisse Regeln halten. Man darf den Innenraum des Schiffes nicht betreten, denn man kann ja ein- und nicht wieder aussteigen. Man sollte am besten keine hängenden Gegenstände bei sich haben. Manchmal tauchen wir mit Lampen oder Fotokameras, aber sie alle müssen an den Körper gepresst sein, damit man sich nicht in irgendetwas verhakt. Zudem muss man unbedingt einen Partner bei sich haben.“

    Um sich nach einem Tauchgang zu erholen, können die Taucher manchmal auf Druckkammern zurückgreifen – über solche verfügen Militärs. „Zum Glück mussten wir uns aber nie an sie wenden. Außerdem tauchen wir praktisch nie extrem tief: Erstens ist das gefährlich, und zweitens muss man, wie ich schon sagte, eine spezielle technische Ausrüstung haben. Drittens gibt es auch 40 Meter tief etwas zu sehen. Gerade deshalb sind viele Wracks immer noch nicht untersucht: Sie liegen 60 oder 70 oder auch 80 Meter tief, und man müsste sich sehr gut vorbereiten, um so tief zu tauchen“, erläuterte Timur Achmedsjanow.

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