07:12 06 Dezember 2019
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    Proteste gegen Todesurteil für Rodney Reed in Texas

    Umstrittener Fall Rodney Reed: Wird Texas einen Unschuldigen hinrichten?

    © AP Photo / Paul Weber
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    23 Jahre nach dem Mord an Stacey Stites und nach 21 Jahren im Todestrakt soll am 20. November der US-Amerikaner Rodney Reed durch die Giftspritze hingerichtet werden. Doch es gibt erhebliche Zweifel an seiner Schuld. Kann die Hinrichtung noch aufgehalten werden?

    Der Fall Rodney Reed bewegt weltweit die Gemüter wie kaum ein anderer. Denn viele Menschen sind davon überzeugt, dass der wegen Vergewaltigung und Mord zum Tode verurteilte US-Amerikaner unschuldig ist. Eine Petition für die Aussetzung seiner Hinrichtung hat inzwischen fast 2,8 Millionen Unterzeichner. Prominente, wie Kim Kardashian und Sängerin Rihanna setzten sich öffentlich für Reed ein, ebenso US-Politiker aus beiden Lagern, ja selbst die EU. Am Freitag soll Reeds Fall noch einmal vor dem Supreme Court gehört werden. Vielleicht ist das die letzte Chance des heute 51-Jährigen, seine für kommenden Mittwoch angesetzte Hinrichtung abzuwenden.

    Am 23. April 1996 wurde die 19-jährige Stacey Stites am Rande einer Straße in Bastrop, Texas tot aufgefunden. Die junge Frau ist vergewaltigt und mit dem eigenen Gürtel erdrosselt worden. Bei der Arbeit in einem Supermarkt, zu der sie in den frühen Morgenstunden aufgebrochen sein sollte, kam Stites niemals an.

    Zunächst galt der Verlobte der jungen Frau, der aufstrebende Polizist Jimmy Fennell als Hauptverdächtiger, doch stimmten die DNA-Rückstände an der Leiche nicht mit seinen überein. Nach einem Jahr präsentierten die Strafverfolgungsbehörden dann schließlich den vermeintlichen Täter – die Spermaspuren an dem Leichnam stammten mutmaßlich vom 28-jährigen Afroamerikaner Rodney Reed. Dieser bestritt zunächst, das Opfer gekannt zu haben, gab im Lauf des Gerichtsprozesses jedoch zu, eine geheime Affäre mit Stites gehabt zu haben. Die Spermarückstände erklärte der Angeklagte damit, dass er und das Opfer in der Nacht vor dem Mord einvernehmlichen Sex gehabt hätten. Zugleich beteuerte Reed, Stites nicht getötet zu haben. Für die Jury war die gefundene DNA jedoch ausreichend, um Reed am 29. Mai 1998 schuldig zu sprechen und zum Tode zu verurteilen. Fall erledigt? Nicht ganz.

    Ungereimtheiten, Vertuschung und schwache Verteidigung

    Vor Gericht habe Rodney Reed eigentlich nie eine Chance gehabt, ist sich Michael Schiffmann sicher. Der Dozent am Anglistischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg setzt sich seit vielen Jahren für zu Unrecht verurteilte Todeskandidaten in amerikanischen Gefängnissen ein, so auch für Reed. Weil er sich keine professionelle Verteidigung habe leisten können, sei Reed von einer der Staatsanwaltschaft hoffnungslos unterlegenen Pflichtverteidigung vertreten worden. Im Dokumentarfilm „State vs. Reed“ (2006) wird detailliert nachvollzogen, wie Reeds Verteidigung es versäumte, wichtige Entlastungszeugen aufzurufen und Beweismaterial vorzubringen. So habe es schon zum Zeitpunkt des Prozesses eine Reihe von Zeugen gegeben, die hätten bestätigen können, dass Reed mit dem Mordopfer über Monate hinweg eine sexuelle Affäre gehabt hatte.

    Wie der Film auch zeigt, sind schwere Fehler bei den Ermittlungen, Falschaussagen, Vertuschung und Einschüchterung von Zeugen durch den Verlobten von Stacey Stites und dessen Kollegen bei Polizei und Justiz. Schon damals erzählte eine Freundin des Opfers, der Verlobte Jimmy Fennell habe Stites gedroht, sie umzubringen, sollte sie ihm fremdgehen. Inzwischen sind außerdem Aussagen hinzugekommen, die Jimmy Fennell schwer belasten. So hat ein Mithäftling Fennells, der wegen sexueller Nötigung eine zehnjährige Haftstrafe (2010-2018) absaß, angegeben, Fennell habe ihm gegenüber den Mord an Stacey Stites zugegeben. In den letzten drei Monaten seien weitere Aussagen aufgetaucht, die Reed entlasten, so Schiffmann.

    Todesurteil im Fall Reed – ein rassistischer Akt?

    Im Zusammenhang mit der Verurteilung von Rodney Reed fällt auch immer wieder das Wort Rassismus. Kritiker sagen, es habe eine große Rolle gespielt, dass das Opfer und sein Verlobter weiß, der Angeklagte aber schwarz sei. Auch die Jury, die Reed zum Tode verurteilte, habe ausschließlich aus weißen Amerikanern bestanden. Zudem sei der Mord in einer Kleinstadt in den Südstaaten passiert – einer Region, wo Rassismus aufgrund der Segregationsgeschichte tief verwurzelt sei.

    Ein Blick in die Statistik scheint dieses Argument zu untermauern. Obwohl in absoluten Zahlen seit 1977 mehr weiße Straftäter (842) als Straftäter afroamerikanischen (514), lateinamerikanischen (128) oder asiatischen (6) Ursprungs hingerichtet worden sind (deathpenaltyinfo.org, Stand: Juni 2019), sind Afroamerikaner gemessen an ihrem Anteil an der US-Bevölkerung (12,6 Prozent) unter den Todeskandidaten überrepräsentiert (41 Prozent). Davon sind 34 Prozent tatsächlich hingerichtet worden.

    Zustimmung für Todesstrafe schwindet

    Inzwischen haben 21 US-Bundesstaaten die Todesstrafe abgeschafft, in 29 Bundesstaaten gilt sie weiterhin. Die Zahl der Hinrichtungen ist rückläufig, in den letzten Jahren wurden Hinrichtungen entweder vertagt, die Todesstrafen in lebenslänglich umgewandelt oder die Todeskandidaten kurz vor Hinrichtung noch entlastet. So wurden neun der zehn für Oktober 2019 angesetzten Hinrichtungen nicht durchgeführt. Die New Yorker Organisation „Innocence Project“, die Reeds Fall seit 2001 betreut, hat zudem fast 400 zu Unrecht Verurteilte freibekommen, unter ihnen auch 21 Todeskandidaten. Auch in der Bevölkerung schwinde die Unterstützung für die Todesstrafe, so Schiffmann.

    „Ein wichtiger Faktor ist, dass so viele Leute, die im Todestrakt waren, sich als unschuldig erwiesen haben. Es spricht sich zudem immer mehr herum, dass Dutzende Unschuldige auch hingerichtet worden sind.“

    Auch wegen der Qualen, die die Todeskandidaten während ihrer Hinrichtung erleiden, regt sich zunehmend Kritik. Neben der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl ist es vor allem die Todesspritze, die zum Einsatz kommt. Weil die für ihre Zusammensetzung nötigen Komponenten beispielsweise wegen Lieferstopps durch europäische Hersteller nicht immer verfügbar sind, haben die Bundesstaaten bei Hinrichtungen in den vergangenen Jahren immer wieder mit unterschiedlichen Kombinationen des tödlichen Cocktails experimentiert – zum Teil mit fatalen Folgen. So quälte sich in Arizona am 23. Juli 2014 der verurteilte Mörder Joseph Woods nach der Injektion einer neuen Kombination der Giftsubstanz fast zwei Stunden, bevor er den Tod fand.

    Verglichen damit wirkt die mittelalterliche Guillotine wie der Inbegriff von Humanität. Zudem verstoße diese qualvolle Todesart gegen den achten Verfassungszusatz, der grausame und ungewöhnliche Strafen verbiete, so Schiffmann.

    „Dass das immer noch gemacht wird, obwohl die Grausamkeit so offensichtlich ist, hat mit einer amerikanischen Tradition zu tun. Man muss sich klarmachen: Die Leute, die mit der Mayflower und anderen Schiffen vor 400 Jahren nach Massachusetts kamen, waren religiöse Fanatiker. Und zu religiösem Fanatismus gehört auch immer ein starkes Strafbedürfnis. Diese Strömung ist in der US-Kultur immer noch vorhanden. Bei den Leuten, die die Todesstrafe nach wie vor befürworten, ist immer noch die Haltung: Wieso soll jemand, der seinen Opfern schlimme Dinge angetan hat, in den letzten Minuten seines Erdendaseins nicht genauso leiden?“

    Letzte Chance für Rodney Reed?

    Gouverneur Greg Abbott hat die Hinrichtung Reeds nach Massenprotesten 2015 schon einmal verschoben. Auch jetzt könnte er den Prozess stoppen. Unter freerodneyreed.com rufen Aktivisten dazu auf, sich für den aus ihrer Sicht unschuldigen Todeskandidaten einzusetzen. Hierfür haben sie die Telefonnummern von Gouverneur Abbott, seinem Team sowie anderen Entscheidungsträgern online gestellt und appellieren an die Unterstützer Reeds, diese direkt anzurufen und um die Aussetzung von Reeds Todesstrafe zu bitten.

    Am Freitag wird sich der Supreme Court mit dem Fall Reed auf Antrag der Verteidigung noch einmal befassen. Alle Argumente gegen Reeds Hinrichtung und für seine Unschuld sollen dargelegt werden. Angesichts der Zusammensetzung des Supreme Courts sei er persönlich jedoch nicht sehr optimistisch, sagt Michael Schiffmann.

    „Ich hoffe eher auf irgendein anderes Bundesgericht, das eine Aussetzung der Hinrichtung anordnet. Es gibt zudem eine kleine Hoffnung auf den texanischen Gouverneur, dass er sich von den vielen, vielen Stimmen, mittlerweile auch aus dem konservativen Lager, beeindrucken lässt und zumindest einen Aufschub der Hinrichtung anordnet, um Rodney Reed zu ermöglichen, seine Unschuld vor Gericht erneut untersuchen zu lassen.“

    Das komplette Interview mit Michael Schiffmann zum Nachhören:

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    Tags:
    Rassismus, Todesstrafe, Mord, Hinrichtung, Afroamerikaner, Texas