13:30 16 Dezember 2019
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    Beelitz-Heilstätten

    Gigantisches Sowjethospital Beelitz-Heilstätten – auferstanden aus Ruinen?

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    Die Beelitzer Heilstätten sind nicht nur Pflegestätte für Hitler und Honecker, sondern das größte sowjetische Militärhospital außerhalb der UdSSR gewesen. Nach dem Abzug der Roten Armee 1994 ist das gigantische Areal in einen Dornröschenschlaf gefallen.

    Heute ist ein Teil des Geländes wieder Klinik, das Herzstück jedoch wird gerade erst wachgeküsst.

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    Gigantisches Sowjethospital Beelitz-Heilstätten – auferstanden aus Ruinen?

    Mitten in einem parkartigen Waldstück in der Nähe von Berlin befindet sich eine historische Sehenswürdigkeit mit einzigartiger Geschichte – die Beelitzer Heilstätten. Sie sind das größte Flächendenkmal Brandenburgs. Auf etwa zwei mal zwei Kilometern wurde Anfang des vorigen Jahrhunderts fünfzig Kilometer vor den Toren Berlins eine Lungenheilanstalt mit knapp sechzig im Wald verteilten Gebäuden errichtet. Damals grassierte Tuberkulose und raffte zweitweise jeden vierten Bewohner großer Städte in Deutschland dahin. Man ging davon aus, dass die Krankheit in absehbarer Zeit nicht zu heilen sein werde. So erklären sich die Dimensionen dieses Klinik-Ensembles zur Versorgung der Berliner Patienten an der frischen Brandenburger Luft. Die Plätze waren begehrt, da die Zimmer großzügig geschnitten und die Versorgung gut war. Zumal die Einrichtung speziell für Arbeiter errichtet wurde, die im überfüllten Berlin des frühen 20. Jahrhunderts beengt und ärmlich lebten.

    Technische Meisterleistungen und ein berühmter Patient

    Architektonisch und technisch wurde in Beelitz nicht gekleckert. Alle Gebäude sind durch ein insgesamt 4,5 Kilometer langes unterirdisches Tunnelsystem miteinander verbunden, über das zentral von einem Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung geheizt wurde – damals eine technische Sensation. Insgesamt dauerte der Bau der gesamten Einrichtung über dreißig Jahre.

    Die Chirurgie der Beelitzer Heilstätten in den 1930er Jahren
    Gemeinfrei
    Die Chirurgie der Beelitzer Heilstätten in den 1930er Jahren

    Im Ersten und Zweiten Weltkrieg dienten die Beelitz-Heilstätten als Lazarett und Sanatorium für erkrankte und verwundete Soldaten. Unter den rund 17.500 Rekonvaleszenten, die zwischen 1914 und 1918 in Beelitz untergebracht wurden, befand sich für zwei Wochen auch der Gefreite Adolf Hitler.

    Größtes Militärkrankenhaus und Rettung in letzter Not

    Postkarte der Beelitzer Heilstätten aus den 1940er Jahren
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    Postkarte der Beelitzer Heilstätten aus den 1940er Jahren

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gelände 1945 von der Roten Armee übernommen. Ab Mai 1945 arbeiteten in Beelitz sowjetische Ärzte an den deutschen Geräten. Nach und nach wurde der Stützpunkt zum größten Militärhospital der sowjetischen/russischen Armee außerhalb des Territoriums der Sowjetunion ausgebaut. Die Heilstätten dienten dann bis 1994 als zentrales Krankenhaus für die 370.000 in der DDR stationierten Sowjetsoldaten. Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen von 1945 bis 1994 auf dem Gelände lebten und arbeiten sind nicht bekannt beziehungsweise schlummern bis heute in den Archiven in Moskau. Dieser Teil der Geschichte der Heilstätten ist bisher am wenigsten erforscht, erzählt Holger Klementz. Er schätzt, dass es zur Wende etwa 2000 Ärzte und Mitarbeiter waren. Klementz ist der Touristik-Leiter des 2015 eröffneten Baumkronenpfades in Beelitz. Einem Unternehmerpaar aus der Eifel ist es zu verdanken, dass zumindest ein Teil der dem Verfall preisgegebenen Architekturdenkmäler nun langsam gerettet wird. Hans-Georg und Beate Hoffmann kommen eigentlich aus dem Holzgeschäft. Als ihnen 2008 das Waldstück bei Beelitz mit den teilweise über 200 Jahre alten Bäumen zum Kauf angeboten wurde, verliebte sich Frau Hoffmann auch in die darin stehenden Ruinen und ihre Geschichte. So erstand die Idee, das Gelände zu bewirtschaften, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und damit Verfall und Vandalismus zu stoppen.

    Krankenhauspersonal im Zentralen Militärkrankenhaus der WGT in Beelitz, Juni 1994
    © Foto : Wladimir Borissow, Museum Berlin-Karlshorst
    Krankenhauspersonal im Zentralen Militärkrankenhaus der WGT in Beelitz, Juni 1994

    Noch ein berühmter Patient

    Ab Dezember 1990 waren die Heilstätten der Aufenthaltsort von Erich Honecker, dem an Leberkrebs erkrankten Staatsoberhaupt der gerade untergehenden DDR. Klementz erzählt: „Honecker wurde ja damals aus der Charité entlassen – über die Umstände kann man streiten – und hat dann Schutz hier auf exterritorialem Gebiet bei den sowjetischen Freunden gesucht. Er hat damals übrigens auch die Tunnelsysteme genutzt, um von einem Gebäude ins andere zu kommen, weil auf der Straße die deutsche Polizei stand, die ihn mit Haftbefehl suchte.“ Der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR ist dann am 13. März 1991 zusammen mit seiner Frau Margot mit dem Hubschrauber von Beelitz zum sowjetischen Militärflughafen Sperenberg gebracht worden, von wo aus sie am selben Tag nach Moskau ausgeflogen wurden.

    Was Landstuhl den Amis, war Beelitz den Russen

    Touristik-Chef Klementz vergleicht westdeutschen Besuchern gegenüber Beelitz-Heilstätten gern mit dem US-Militärkrankenhaus Landstuhl. Seit den 1950er Jahren werden dort ausschließlich amerikanische Truppenangehörige behandelt, die zum Teil aus dem Irak oder anderen Einsatzorten von US-Soldaten eingeflogen werden. Die US-Army baut gerade in unmittelbarer Nähe der Airbase Ramstein ein neues, über eine Milliarde Euro teures Krankenhaus. Dies soll die größte entsprechende Einrichtung außerhalb der USA werden und medizinische Anlaufstelle für 200.000 Amerikaner sein. Auch die Bundesregierung steuert etwa 150 Millionen zu den Kosten bei. Über mögliche Zuschüsse aus dem DDR-Haushalt an das Sowjet-Hospital in Beelitz ist nichts bekannt.

    Kinder aus Tschernobyl und Offiziere auf Wünsdorf

    Beelitz-Heilstätten mit seinen hervorragenden Ärzten und modernen Geräten war zu Sowjetzeiten auch Ziel für verletzte Soldaten von Kamtschatka bis Afghanistan. 1986 wurden auch Kinder aus Tschernobyl in Beelitz behandelt, da es hier Spezialisten für radioaktive Erkrankungen gab. Und natürlich begab sich auch die Elite der sowjetischen Militärführung in der DDR vorzugsweise nach Beelitz. In Wünsdorf im Osten Berlins befand sich der Sitz des Oberkommandos der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland mit allein 50.000 Militärangehörigen.

    „Hier in Beelitz war quasi die Charité der sowjetischen Streitkräfte.“, meint Klementz.

    So wie die Rote Armee in Wünsdorf einen weitestgehend intakten Standort des Oberkommandos der Wehrmacht übernommen hatte, fanden die sowjetischen Befreier auch in Beelitz ein funktionsfähiges Hospital vor und übernahmen es. Wie Touristikleiter Klementz es ausdrückt: „In der einen Woche haben hier noch deutsche Ärzte Wehrmachtssoldaten operiert, in der nächsten Woche haben sowjetische Ärzte mit denselben Geräten, in denselben Betten sowjetische Verletzte versorgt.“

    Patientenbetreuung im Zentralen Militärkrankenhaus der Westgruppe der Truppen, Beelitz, Oktober 1990
    © Foto : Wladimir Borissow, Museum Berlin-Karlshorst
    Patientenbetreuung im Zentralen Militärkrankenhaus der Westgruppe der Truppen, Beelitz, Oktober 1990

    Geburten und Tauschgeschäfte

    In Beelitz wurden aber nicht nur verletzte sowjetischen Soldaten gepflegt, sondern auch deren Angehörige versorgt, wie Klementz erzählt:

    „Daneben war es auch ein ziviles Krankenhaus, hier kamen Kinder auf die Welt und es wurden Zähne gezogen. Das führt wiederum dazu, dass wir heute Besucher aus Russland haben, die ihren Kindern zeigen, wo diese auf die Welt gekommen sind. Wenn bei denen als Geburtsort 'Militärkrankenhaus 23 in Moskau' steht, war damit tatsächlich Beelitz gemeint."

    Das Krankenhaus in Beelitz war zu DDR-Zeiten exterritoriales sowjetisches Hoheitsgebiet. Die deutsche Bevölkerung wurde hier nicht behandelt. Ein Mitarbeiter von Klementz, den wir zufällig bei unserem Rundgang in den Heilstätten treffen, erzählt, dass er mit seiner Mutter regelmäßig im „Russen-Magazin“, dem Einkaufsladen am Rande des Areals, einkaufen war. Auch gab es Tauschgeschäfte mit den Soldaten, die vor allem Benzin sowie Uhren und Schmuck, die in der Sowjetunion besonders hochwertig waren, im Angebot hatten. „Es gab nie Probleme mit den Russen. Die waren alle freundlich und nett.“, meint der Mitarbeiter. Auch das Gelände wurde in gutem Zustand übergeben - „Die Probleme fingen erst später an“.

    Neue Kliniken, Kreative und Einfamilienhäuser

    Während es in Bezug auf den Zustand mancher Standorte der Roten Armee in der DDR nach der Rückgabe 1994 Beschwerden gab, war dies in Beelitz nicht der Fall. Die russischen Ärzte übergaben ein intaktes Krankenhaus an die Bundesrepublik. „Man hätte am nächsten Tag weiteroperieren können“, meint Klementz. Die medizinische Tradition wurde in den 1990er Jahren aber nur auf einem kleinen Teil des Geländes fortgeführt. Einige wenige Gebäude wurden saniert oder durch neue Gebäude ergänzt. Es wurden eine neurologische Rehabilitationsklinik, ein Parkinson-Fachkrankenhaus sowie eine Rehabilitationsklinik für Kinder eingerichtet. Ein Teil in Bahnhofsnähe wurde mit Einfamilienhäusern bebaut. Im Mai 2016 begannen auf dem Gelände des ehemaligen Frauen-Sanatoriums Umbauarbeiten. Im Pavillon sowie im alten Küchen- und Wäschereigebäude hat ein Investor unter dem Namen „Refugium Beelitz-Heilstätten“ in den denkmalgeschützten Gebäuden ein sogenanntes „Creative Village“ installiert. Die Atelier- und Mietwohnungen sind ausschließlich für Kreativschaffende vorgesehen. Die ersten Wohnungen wurden 2017 bezugsfertig.

    Sowjetisches Denkmal in Beelitz-Heilstätten
    Sowjetisches Denkmal in Beelitz-Heilstätten

    Das ehemalige Heizkraftwerk für den gesamten Komplex ist heute ein technisches Denkmal. Die Gebäudehülle des sogenannten Heizhauses Süd mit dem erhaltenen Maschinensaal und dem Wasserturm wurde durch den Eigentümer, den Landkreis Potsdam-Mittelmark, mit EU-Fördermitteln umfassend saniert.

    Raubbau und schlummerndes Potential

    Jedoch das Kernstück des Areals, die Chirurgie und die umliegenden Gebäude lagen bis vor wenigen Jahren in einem Dornröschenschlaf. Nachdem das Gelände an die ursprünglichen Eigentümer, die Landesversicherungsanstalt Berlin, zurückgegeben wurde, hatte diese keinen Bedarf und kein Interesse an einer Sanierung. Dies führte dazu, dass das Gelände in den 1990er und 2000er Jahren mehr und mehr verfiel, aber auch zerstört und ausgeraubt wurde. Zuerst entdeckte die Berliner Technoszene das Areal für illegale Raves und Partys mit damit einhergehender Zerstörung. Später kamen immer mehr „Raubritter“, die nach und nach alles auch nur annähernd Wertvolle aus dem Gelände brachen und schleppten. Besonders hatten sie es auf das Kupfer in den Dächern abgesehen. So entstand durch diesen Raub allein am Dach der Chirurgie ein Schaden von 250.000 Euro, erzählt Klementz. Die denkmalgerechte Sanierung des Daches wird jetzt jedoch eine Million Euro kosten. Die Chirurgie dürfte die Mühe jedoch wert sein. Architektonisch beeindruckend – Klemenz bezeichnet das Gebäude als „DAS expressionistische Krankenhaus schlechthin“ – wurden hier vor hundert Jahren auch feinste Materialien, wie Fliesen von Villeroy & Boch, verarbeitet. Auf der Südseite des 160 Meter langen Gebäudes befindet sich außerdem der längste Blumenbalkon Europas, der als solches nach der Sanierung auch wieder zur Geltung kommen soll, wie Klementz berichtet.

    Größte Ruine des Zweiten Weltkrieges in Deutschland

    Noch befinden sich aber alle Gebäude in diesem zum Baumkronenpfad gehörenden sogenannten „Quadranten A“, in dem früher die weiblichen Patienten der Tuberkulose-Heilstätten untergebracht waren, in einem schlimmen Zustand und sind praktisch entkernt. Man muss suchen, um noch Spuren der reichen Vergangenheit zu finden. Den morbiden Charme der Gebäude nutzen Filmgesellschaften gern für Dreharbeiten. Auch bei den jährlich inzwischen etwa einer Viertel Millionen Besuchern stoßen die morbiden Ruinen und der Baumkronenpfad auf Begeisterung. Der Betreiber bemüht sich erfolgreich, die „Spukruinen“ jetzt eher familienfreundlich zu präsentieren und das „Erlebnis Wald“ mit dem historischen Lehrerlebnis zu verbinden. Immerhin handelt es sich bei dem Areal um den drittgrößten denkmalgeschützten Park in Brandenburg nach Sanssouci und dem Fürst-Pückler-Park Bad Muskau.

    Baumkronenpfad mit Blick auf das Alpenhaus
    © Foto : Baum&Zeit
    Baumkronenpfad mit Blick auf das Alpenhaus

    Der Baumkronenpfad führt direkt über die Ruine eines 1945 ausgebrannten Gebäudes, das sogenannte „Alpenhaus“. Das riesige Kurhaus mit Liegesälen und Speisesaal ist als einzige Gebäude in Beelitz nicht in den letzten 25 Jahren verwüstet worde, sondern wurde bereits im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute bietet sich von dem 23 Meter hohen Baumpfad ein faszinierender Anblick auf das nicht mehr vorhandene Dach dieser größten Ruine des Zweiten Weltkrieges in ganz Deutschland, an dessen Stelle inzwischen ein eigener kleiner Wald wächst.

    „Was habt ihr getan? Hier war doch gar kein Krieg!“

    Zu Zeiten des Sowjethospitals diente diese Ruine den Soldaten und Krankenschwestern auch als Geheimversteck für „Stelldicheins“, wie Klementz erzählt. So finden sich in an den Wänden der Ruine viele Namen sowjetischer Militärangehöriger, die sich hier verewigt haben. Aber auch Graffitis aus den Tagen, als die Berliner Techno-Jünger hier durch die Gänge zogen, sind noch zu finden. Es ist traurig zu sehen, dass sich die Gebäude, die 1994 von den Sowjets praktisch intakt hinterlassen wurden, inzwischen in ihrem Zustand nicht mehr von der Weltkriegsruine unterscheiden, die bereits vor 75 Jahren ausgebrannt ist. So berichtet der einheimische Mitarbeiter, den wir in Beelitz treffen, dass ein ehemaliger Offizier der Roten Armee bei seinem Besuch vor ein paar Jahren beim Anblick der Chirurgie erschrocken die Hände über den Kopf zusammenschlug und ausrief: „Was habt ihr getan? Hier war doch gar kein Krieg!“

    Die neuen Besitzer des Areals wollen erst einmal den Baumkronenpfad ausbauen und damit Geld generieren, um die Gebäude zu sichern und die Grundmauern mit ihrer edlen Architektur zu erhalten. Die weitere Nutzung der Gebäude ist noch nicht bestimmt. Im Moment geht es erst einmal darum, zu retten, was zu retten ist. Besser spät, als nie.

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    Beelitz, Beelitz-Heilstätten, Tuberkulose, Adolf Hitler, Erich Honecker, Rote Armee, Ramstein, Tschernobyl, DDR, Brandenburg