06:43 06 Dezember 2019
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    Migranten auf der griechischen Insel Lesbos

    Wie sich griechische Hotels in Unterkünfte für Flüchtlinge verwandeln

    © REUTERS / ELIAS MARCOU
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    Die Inhaber der Hotels in Griechenland werden aufgefordert, Migranten und Flüchtlinge unterzubringen. Sind die Hotelbesitzer daran interessiert? Wenn ja, wie viel kann man mit solchen „Gästen“ verdienen?

    Die Situation wurde für Sputnik vom Präsidenten der Hellenic Hoteliers Federation, Grigoris Tasios, und der PR-Direktorin der Internationalen Organisation für Migration, Christine Nikolaidou, kommentiert.

    In den vergangenen Monaten hat der Migranten- und Flüchtlingsstrom auf die griechischen Inseln deutlich zugenommen. Die Asylbewerber fordern, von den überfüllten Flüchtlingslagern in andere Unterkünfte gebracht zu werden. Um die Inseln zu entlasten, wo fast kein Platz für die Gestrandeten mehr ist, beschloss die Regierung, einen Teil der Asylbewerber auf das griechische Festland zu verlegen. Im Ergebnis kann der Anteil der Migranten und Flüchtlinge in einigen griechischen Regionen beinahe höher als der der örtlichen Einwohner werden. Die Griechen halten nicht viel von ihren „neuen Nachbarn“. So versperrten im vergangenen Monat die Einwohner des Dorfes Vrasna 60 Kilometer von Thessaloniki entfernt den Eingang zu einem Hotel, in das die Flüchtlinge gebracht werden sollten, wobei die Unterbringung torpediert wurde.

    Das Problem besteht allerdings darin, dass es den Behörden immer schwerer fällt, Orte für die Unterbringung der Migranten zu finden. Der Bedarf nach neuen Unterbringungsorten für die Asylbewerber wächst. Auf diese Weise sollen die Flüchtlingslager auf den Inseln entlastet werden. Mit diesem Ziel wandte sich das Ministerium für Schutz der Bürger an die Inhaber von Wohnungen, Appartements und Hotels mit dem Vorschlag, sie für Einwanderer und Flüchtlinge zu vermieten. In ganz Griechenland, außer auf den Inseln des nördlichen und südlichen Teils des Ägäischen Meeres, wird nach Hotels, möblierten Zimmern, Apartments und Touristenlagern gesucht.

    Die Internationale Organisation für Migration haftet für Miete

    Die Internationale Organisation für Migration ist für die Suche nach Wohnraum für Asylbewerber in Griechenland verantwortlich. Auf ihrer Webseite wurden die Bedingungen des Wettbewerbs im Rahmen des von der EU-Kommission finanzierten Programms FILOXENIA veröffentlicht. Die Wettbewerbsbedingungen dehnen sich auf Wohnräume aus, deren Besitzer sie freiwillig vermieten wollen.

    „Es gibt Hotels, die ausschließlich für die Unterbringung der Flüchtlinge und Einwanderer bestimmt sind, doch manchmal stellen die Hotelbesitzer nur einen bestimmten Teil bereit, wobei sie sich auch das Recht vorbehalten, Touristen unterzubringen. Am Wettbewerb können alle an der Vermietung interessierten Besitzer teilnehmen. Im vorletzten Wettbewerb, bei dem die Anmeldefrist am 25. Oktober auslief, hatten wir ziemlich viele Anträge. Nach dem Ablauf der Frist beginnt die Bewertung der Angebote bis zur endgültigen Wahl“, erzählt die PR-Direktorin der griechischen Abteilung der Internationalen Organisation für Migration, Christine Nikolaidou.

    12 Euro pro Nacht

    „In der vergangenen Woche bekamen wir zum zweiten Mal ein Angebot vom Ministerium“, erzählt der Präsident der Hellenic Hoteliers Federation, Grigoris Tasios. „Es richtet sich an alle Besitzer von Hotelanlagen im Lande, vor allem in inländischen Gebieten, die an der Aufnahme und Unterbringung von Migranten und Flüchtlingen interessiert sein können. Die Verträge werden für sechs Monate abgeschlossen und können verlängert werden. Ende November ist Deadline für die Einreichung der Anträge. Doch in diesem zweiten Angebot werden keine Finanzbedingungen des Abkommens angegeben – im Unterschied zum ersten von Anfang Oktober. Damals belief sich der angebotene Preis auf zehn Euro plus MwSt pro Person pro Nacht, dazu gehörten nur Unterbringung ohne Verpflegung“, so Tasios.

    „Vor zwei bzw. drei Jahren war der Preis doppelt so hoch. In den Zeiten, als die Zahl der Einwanderer und Flüchtlinge, die in inländischen Gebieten angesiedelt wurden, viel geringer war, bekamen die Hotelbesitzer doppelt so viel“, sagte Tasios.

    „Da die Ausgaben für die Unterbringung im Winter höher sind als im Sommer, ist der niedrige Preis ein Hindernis. Ein Hotel, das im Winter funktioniert, muss auf raue Wetterverhältnisse vorbereitet werden. Zu den größten Ausgaben gehören Heizkosten. Ein Preis in Höhe von zehn Euro zzgl. MwSt kann die Heizkosten, die Kosten für Lebensmittel, die Bezahlung des Personals, die Mehrwertsteuer, die kommunalen Kosten nicht decken“, schlussfolgert Tasios.

    95 Prozent der Hotelbesitzer an der Küste haben kein Interesse

    Das Ministerium schickte das Angebot an die Hellenic Hoteliers Federation, den Griechischen Touristikunternehmerverband und die Hotelkammer Griechenlands.

    „Das größte Interesse ist bislang seitens der Hotelbesitzer in griechischen Gebirgsregionen im Norden Griechenlands, Peloponnes sowie im zentralen Festland Griechenlands zu erkennen. Gerade in diesen Gebieten sind ernsthafte Finanzprobleme zu erkennen angesichts der Tatsache, dass die Touristensaison dort kurz ist und es sich bei den Gästen vorwiegend um Griechen handelt. Damit kann das Angebot des Ministeriums den Hotelbesitzern eine kleine finanzielle Unterstützung bieten. Indes sind Hotelbesitzer der Küstengebiete kaum an der Initiative interessiert. 95 Prozent der Hotels an der Küste sind am Angebot nicht interessiert.“

    6000 Plätze in Hotels für Einwanderer und Flüchtlinge

    Die Aufnahme der Anträge gemäß FILOXENIA-Programm wurde am 11. November 2019 abgeschlossen, nun werden die Angebote bewertet. Es gibt eine lange Liste der Bedingungen, die eingehalten werden sollen, damit die Internationale Organisation für Migration ein Hotel auswählt. Das von der EU vollständig finanzierte Programm (unter anderem von der Generaldirektion Migration und Inneres der EU-Kommission) gewährleistet die Unterbringung und Verpflegung der Personen. Es wurde im Oktober 2018 eingeleitet. Das ursprüngliche Ziel war, 6000 zeitweilige Plätze in Hotels zu finden. Jetzt funktionieren insgesamt 60 Hotels in ganz Griechenland als Unterkünfte. Die Zahl der Einwanderer und Flüchtlinge dort liegt bei 5500 bis 6000 Menschen, wobei die Mehrheit seit Beginn des Programms in Hotels wohnt. Die Einwanderer und Flüchtlinge wohnen vor allem in Nordgriechenland, Mazedonien sowie auf der Insel Euböa, in Zentralgriechenland und Peloponnes.

    Für die Verteilung der Flüchtlinge haften vollständig die griechischen Behörden

    Die Internationale Organisation für Migration ist für die Erfüllung des Programms und Suche der passenden Unterkünfte verantwortlich. „Neben der Notwendigkeit der Bereitstellung von würdigen Wohnräumen für die Einwanderer und Flüchtlinge sind wir für die Gewährleistung ihres Schutzes und für die Hilfeleistung zuständig. Dazu gehört die Unterstützung der Psychologen und Sozialarbeiter, Rechtsberatungen sowie Dienstleistungen der Übersetzer. Wir übernahmen die Verantwortung für die Suche nach Wohnräumen und die Belieferung der Hotels mit dem passenden Personal. Das ganze Programm wird unter Aufsicht der Internationalen Organisation für Migration umgesetzt. Doch seit diesem Zeitpunkt, seit die Menschen von den Inseln aufs Festland strömen, in die inneren Gebiete, ist für ihre Verteilung die griechische Regierung zuständig, die dafür die Verantwortung übernahm“, so Nikolaidou.

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    Tags:
    Migranten, Flüchtlingskrise, Flüchtlinge, Nahost, Griechenland