17:55 10 Dezember 2019
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    Vergangenheit und Zukunft des Flughafens Tempelhof: Neue Perspektiven für historischen Bau

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    Über 100 Jahre Geschichte trägt das Areal des Flughafens Tempelhof mit sich. Neben dem Vergangenen stehen aber auch Projekte für eine vielfältige Zukunft des ehemaligen Flughafens an. In einem Interview mit dem leitenden Angestellten von „Berlin kompakt“ hat Sputnik über die Perspektiven und die Geschichte von Tempelhof gesprochen.

    Im Nationalsozialismus erbaut, von den Amerikanern besetzt und schließlich bis zum Jahr 2008 als Flughafen genutzt: Der Flughafen Tempelhof ist das größte Baudenkmal Europas mit einer Gesamtgröße von fast 400 Hektar. Andreas Fritzsche, leitender Angestellter bei der Firma „Berlin kompakt“, versteht Tempelhof als einen Spaziergang durch die Vergangenheit: „Man hat quasi die ganze deutsche Geschichte der vergangenen hundert Jahre, die man hier durchlaufen kann.“ Das Unternehmen „Berlin kompakt“ startete 2012 im Auftrag des Senats Führungen durch das Flughafengebäude Tempelhof. Mittlerweile erreiche das Gebäude des ehemaligen Flughafens eine jährliche Besucherzahl von fast 70.000, so Fritzsche.

    Die Ursprünge

    Das Tempelhofer Feld hat seinen Namen ursprünglich aus dem Mittelalter. Schon damals hatten die Ritter des Templer Ordens die riesige Wiese als Übungsfläche genutzt. Das erste Flughafengebäude von Tempelhof wurde im Jahr 1923 erbaut. Dieses war lediglich eine kleine Hütte und hatte einen Flugbetrieb von ungefähr 150 Passagieren im Jahr. Mit dem Bau des zweiten Flughafengebäudes änderte sich das. Heutzutage findet man nur eine Ruine, umgeben von einzelnen Bäumen, auf dem Tempelhofer Feld. Es galt 1928 jedoch zusammen mit den Flughäfen in Paris und London als einer der größten Flughäfen weltweit. Auch die Lufthansa fand ihren Ursprung in Tempelhof: 1926 wurde die Fluggesellschaft dort gegründet.

    Das Gebäude, welches heute vor dem Tempelhofer Feld steht, gab Adolf Hitler 1934 in Auftrag. Aufgabe war es, den Weltflughafen Tempelhof unter dem Architekten Ernst Sagebiel zu erbauen. Schon zwei Jahre später, 1936, fing der Bau an. Aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges musste der Bau eingestellt werden. Dies wiederum erklärt, weshalb ungefähr ein Drittel des Gebäudes sich heutzutage noch im Rohbau befindet.

    Zu Zeiten des Krieges wurde das Gebäude von der Rüstungsindustrie benutzt. Rund 4000 Menschen wurden dort beschäftigt, die Hälfte davon  Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Auch wurden die Luftschutzräume bei Angriffen als Schutzräume für Zivilisten genutzt, obwohl diese gar nicht bombensicher gewesen wären. Trotzdem war man im Gebäude sicher, da dieses insgesamt nur zwei Bombentreffer abbekommen hat. Ob die Amerikaner schon mit ihrem Sieg rechneten oder ob Tempelhof ein guter Orientierungspunkt war, um Bomben auf Mitte fallen zu lassen– das bleibt unklar.

    Bei der Führung „Verborgene Orte“ erhalten Zuschauer einen Einblick in die Unterwelt des Flughafengebäudes. Andreas Fritzsche beschreibt es folgendermaßen: „Bei dem […] Format ‚Verborgene Orte’ geht es mehr in den Untergrund. Wir haben ja viele Luftschutzräume, wir haben einen Bunker, wir haben ganz viele Räumlichkeiten in den unteren Etagen, die ganz anders genutzt wurden, als man es sich vorstellt.“

    Amerikanische Besatzungszone

    Nach Ende des Zweiten Weltkrieges übernahmen schließlich die Amerikaner einen Teil des Flughafens und nutzten diesen als Air Base. Laut der Gruppenleiterin der Führung „Verborgene Orte“ waren ständig 1000-2000 amerikanische Soldaten auf dem Gelände in und um Tempelhof untergebracht. Diese erschufen sich in den Jahren 1949-1989 eine eigene Infrastruktur: Von Basketballplätzen über Kneipen und Kapellen bis hin zu Kinos und Bowlingbahnen. Die meisten Räumlichkeiten davon kann man auf der Führung „Mythos Tempelhof“ betrachten.

    Ein wichtiger Teil der Geschichte des Flughafens ist die sogenannte Luftbrücke. 1949 verhalfen die Amerikaner und Briten den Westberlinern zum Überleben, als die sowjetischen Truppen eine Blockade um Westberlin legten. Einzig drei Luftkorridore ermöglichten den Alliierten, Proviant von außerhalb in die Stadt zu befördern. Somit war Tempelhof bis zur Eröffnung Tegels die einzige Möglichkeit, Lebensmittel und weiteren Proviant zu liefern. Alle drei Minuten landete in Tempelhof ein Flugzeug, welches nach 30 Minuten wieder abfliegen musste, um Stau zu verhindern. Auf diesem Wege wurden innerhalb der 11-monatigen Blockade 2 Millionen Tonnen Güter verfrachtet. Innerhalb des Flughafenareals gibt es mehrere Denkmale, die an die Taten der alliierten Piloten erinnern.

    Heute noch werden diese Taten hoch geschätzt. So feierte man im Juni dieses Jahres das 70. Jubiläum der Beendigung der Luftbrücke. Andreas Fritzsche beobachtet in seinen Führungen positiven Wiederhall von amerikanischen Besuchern: „Es ist meistens eine sehr positive Erinnerung für die Amerikaner, die die Luftbrücke und die Besatzungszeit damit verbinden, die sie zum Teil auch selber oder Angehörige von Ihnen erlebt haben.“

    Flugbetrieb bis 2008

    Der Flughafen selbst wurde von 1951 an für die deutsche Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine erste Schließung des Flughafens fand schon im Jahr 1974 statt, da Tegel als zweiter Flughafen neben Schönefeld eröffnet wurde. Im Jahr 1990 wurde Tempelhof aufgrund des erhöhten Flugbetriebs wiedereröffnet. Grund der zweiten Schließung im Jahr 2008 war die Bekanntgabe der Eröffnung des neuen Flughafens BER.

    Heute wird das Tempelhofer Feld als ein beliebter Rückzugsort genutzt. Das Flughafengebäude wird zum Teil lang-, zum Teil kurzzeitvermietet.

    Zukünftige Projekte für Tempelhof

    Im Vordergrund für die nächsten Jahre stehen vor allem Bau und Sanierung des Gebäudes. Doch gebe es schon größere Projekte, die in den nächsten Jahren die Attraktivität des ehemaligen Flughafens steigern sollen. Ein Bedeutendes davon ist das Besucherzentrum, das im Frühjahr 2020 eröffnet werden soll. Fritzsche erklärt die Bedeutung dieses Zentrums für das Flughafengebäude insgesamt:

    „Das [die Eröffnung des Besucherzentrums] ist auch ein wichtiger Termin, weil es ein Anlaufpunkt für alle Gäste ist. Das ist ein großer Schritt voran. Dann werden auch die Gebäudeführungen von dort aus gestartet, gleichzeitig kann man sich dort aber auch über die Geschichte und Zukunft des Gebäudes informieren lassen.“

    Außerdem legte man das Datum für die Eröffnung des Besucher-Towers auf das Jahr 2021. Auf das Dach des Gebäudes soll nämlich eine Terrasse kommen, zu der Besucher Zugang bekämen. Dazu kommt eine Ausstellungsfläche im Inneren des Gebäudes.

    Darüber hinaus seien mehrere Projekte für die Zukunft angesetzt. Eine Geschichtsgalerie über die Länge des ganzen Daches beispielsweise. Auch das Alliiertenmuseum sollte in den nächsten Jahren in das Flughafengebäude verschoben werden. Doch für diese Pläne wurden laut Fritzsche bisher keine konkreten Daten genannt.

    Das Interview mit Andreas Fritzsche zum Nachhören:

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    Baudenkmal, Flughafen BER, Flughafen, Tempelhof