16:45 10 Dezember 2019
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    Holocaust-Gedenkstätte vor dem Bundestag in Berlin

    Totenruhe gestört: „Zentrum für politische Schönheit“ entschuldigt sich nach Protesten

    © REUTERS / HANNIBAL HANSCHKE
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    Das Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) hat sich für sein jüngstes Projekt entschuldigt. In unmittelbarer Nähe zum Reichstagsgebäudes hatte die Gruppe am Montag eine Art Mahnmal errichtet - ein Teil davon ist eine Stahlsäule, die nach eigenen Angaben Asche von Opfern der Massenmorde der Nazis enthält.

    Für die sogenannte Gedenkstätte und insbesondere den Inhalt der Stahlsäule hatte es in den vergangenen Tagen viel Kritik gegeben - nicht zuletzt von jüdischer Seite. Nichts habe ihnen ferner gelegen, als die religiösen und ethischen Gefühle von Überlebenden und Nachkommen der Getöteten zu verletzen, teilten die ZPS-Aktivisten am Mittwochnachmittag auf ihrer Website mit.

    „Wir wollen bei Betroffenen, Angehörigen und Hinterbliebenen aufrichtig um Entschuldigung bitten, die wir in ihren Gefühlen verletzt haben“, heißt auf der ZPS-Webseite unter der Überschrift „Wir haben Fehler gemacht“.

    Kein Zurschaustellen, kein Zapfenstreich

    „Wir möchten insbesondere auch die jüdischen Institutionen, Verbände oder Einzelpersonen um Entschuldigung bitten, die durch unsere Arbeit die Totenruhe nach jüdischem Religionsrecht gestört oder angetastet sehen.“ Als erste Konsequenz werde das Kernstück der Säule im Regierungsviertel verhüllt, um dem Eindruck der „Zurschaustellung“ zu begegnen. Außerdem solle eine weitere für Samstagnachmittag angekündigte Aktion abgesagt werden. Das ZPS plante einen "zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich" gegen die AfD: man würde nicht zuschauen, wie konservative Kräfte keine 75 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur schon wieder auf Machtoptionen mit faschistischen Kräften schielten.

    Geschmackos, taktlos, pietätlos

    An der ZPS-Aktion hatte es erhebliche Kritik gegeben. Der Zentralrat der Juden hatte die Aktion als unseriös bezeichnet. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, erklärte: „Die jüngste Aktion des „Zentrums für politische Schönheit" soll provozieren, ist aber tatsächlich nur geschmacklos, taktlos und pietätlos.“

    Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem bat das ZPS, „verantwortungsbewusst zu handeln und die Erinnerung an die Opfer des Holocaust sowie an die Überlebenden zu respektieren, die die Gräuel dieser Ära ertragen haben“.

    Der Grünen-Politiker Volker Beck hatte am Montag getwittert, gegen das Künstlerkollektiv Strafanzeige gestellt zu haben.

    Keine Tabuisierung

    Für die ZPS-Aktion gab es allerdings auch Zustimmung, etwa von Lea Rosh, Vorsitzende des Fördervereins „Denkmal für die ermordeten Juden Europas", die die Aktion als großartig bezeichnet hatte, sowie von Historiker Götz Aly, der gegen eine Tabuisierung des Themas der „Verwertung“ der Ermordeten ist.

    Das Anliegen der Künstler

    Das Zentrum für politische Schönheit wolle "angesichts der per staatlich proklamierten, ach-so vorbildlichen 'Aufarbeitung' der deutschen Verbrechen erneut darauf aufmerksam machen, dass nichts vollständig aufgearbeitet ist und vermutlich auch nie sein kann, wenn uns nur die Grasnarbe oder ein wenig Laub von der Entdeckung und Dokumentation weiterer deutscher Kriegsverbrechen trennt".

    Die identifizierten Massengräber sollten als solche deklariert, markiert und als Gedenkstätte für die Nachwelt zu erhalten geschützt wie von bundesdeutscher Seite finanziert werden. Die Künstler sehen die Bundesrepublik in der Verantwortung eines adäquaten Erinnerns und Mahnens.

    Die Künstler wollen auf die "Gefahr hinweisen, die von rechter Seite ausgeht, und in diesem Zusammenhang an den Deutschen Konservatismus appellieren, die Fehler und die historische Schuld, die er 1933 auf sich geladen hat, nicht nur anzuerkennen, sondern daraus auch die notwendigen Konsequenzen zu ziehen und jede Form der Zusammenarbeit mit Parteien, die von Rechtsextremisten unterwandert sind, klar, eindeutig und auf allen Ebenen auszuschließen."

    In aktuelle Debatten würde es aus ihrer Sicht "nicht im Entferntesten" um diese Anliegen gehen.

    ba

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    Tags:
    Kultur, Kunst, Holocaust, Nazi-Verbrechen, Zentrum für Politische Schönheit