10:54 18 Januar 2020
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    Am Dienstag hat eine Stelle des russischen Notfallministeriums in Sewastopol eine deutsche Sprengbombe aus den Kriegsjahren entschärft. Zuvor war bekannt geworden, dass in der Ostsee bei der Insel Gogland eine Minensperre kurz vor dem Besuch Wladimir Putins entschärft wurde. Sputnik gewährt Einblicke in die Zittermomente des Jahres.

    Es kommt vor dem Jahresende immer häufiger vor. Wie die Sewastopol-Stelle des russischen Notfallministeriums (MtschS) am Dienstag mitteilte, hätten Bauarbeiter am Vorabend im Stadtzentrum bei dem Uschakowa-Platz eine deutsche Bombe SD 50, also die Sprengbombe Dickwandig 50, gefunden. 75 Jahre lang lag etwa das 50 Kilo-Geschoß im Boden neben dem Hotel „Ukraine“. Zahlreiche Rettungskräfte, Stadtdienste, Polizisten und die Nationalgarde trafen am Ort ein. Das Viertel abgesperrt, der Verkehr blockiert. Die Bewohner des nächsten Hauses wurden evakuiert. Nachträglich war die Bombe auf einem Gelände entschärft worden.

    Alles vorbei? Kaum. Denn am selben Tag wurde in Sewastopol in der Nähe des Denkmals für den Soldaten und einen Seemann auf dem Bauplatz noch eine der gefährlichsten deutschen Fliegerbomben, SC 250, entdeckt. Sie galt mit 250 Kilogramm und einer Sprengstoffmasse von circa 130 Kilogramm als eine der massivsten Bomben der Luftwaffe. Die Reichweite der Explosionsfragmente beläuft sich auf 1,2 bis zwei Kilometer. Man beschloss, die Bombe an Ort und Stelle zu entschärfen.

    Im Krieg produzierten deutsche Fabriken Hunderttausende Fliegerbomben, von kleinen mit 50 Kilogramm bis zu monströsen Riesen mit einem Gewicht von 1800 Kilogramm und dem Spitznamen „Satan“. Den Pionieren zufolge sind gerade die nicht explodierten Fliegerbomben am gefährlichsten und schwierigsten bei der Entschärfung.

    Sprengbombe SC 250 in der Ausstellung des Staatlichen Verteidigungsmuseums von Moskau.
    © Sputnik / Sergej Piatakow
    Sprengbombe SC 250 in der Ausstellung des Staatlichen Verteidigungsmuseums von Moskau.

    Was auf dem Boden entdeckt wird, lässt sich aber schwer mit der Gefahr vergleichen, die in den Tiefen der Gewässer lauert. 

    27. Juli. Russlands Präsident Wladimir Putin taucht in einem Bathyscaph zum Grund des Finnischen Meerbusens, wo während des Zweiten Weltkrieges das sowjetische U-Boot der Schtsch-Klasse (Schtschuka, zu dt.: „Hecht“) unter dem Decknamen „Salm“ versenkt wurde. Es ging Putin unter anderem darum, an dem Rumpf des U-Boots eine Gedenktafel mit den Namen des Kommandanten und der Besatzung zu errichten.

     Nun erzählte der Kommandeur der Baltischen Flotte, Alexander Nossatow, am Montag gegenüber der Zeitung „Der Rote Stern“, dass seine Marineseeleute im Vorfeld von Putins Besuch bei der Insel Gogland ein gesamtes deutsches Minenfeld gefunden und entschärft hätten. „Auf der Insel selbst identifizierten und entschärften Pioniere zwei Dutzend Geschosse aus dem Zweiten Weltkrieg, und auf dem Meeresboden entdeckte die Besatzung des Haupt-Minensuchers ‚Alexander Obukhov‘ ein Minenfeld deutscher Ankerminen, die vor Ort mit Unterwasserrobotern zerstört wurden“, sagte Nossatow.

    Minensucher Alexander Obukhov während der russisch-belarussischen strategischen Übungen West-2017 in der Ostsee.
    © Sputnik / Igor Zarembo
    Minensucher „Alexander Obukhov“ während der russisch-belarussischen strategischen Übungen West-2017 in der Ostsee

    Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkrieges nach unterschiedlichen Einschätzungen über 145.000 Minen auf einer Fläche von 22.815 Quadratmeilen gelegt. Die schwierigste Minensituation gab es an der Ostsee, wo die sowjetische Baltische Flotte, Seestreitkräfte Englands, Finnlands und Nazi-Deutschlands insgesamt über 79.000 Minen legten, und die deutsche Kriegsmarine unter anderem über 4000 berührungslose Boden- und Ankerminen.

    Etwa 60.000 Geschosse allein 2019 in Russland entdeckt

    Vor einigen Tagen meldete das MtschS, dass seine Pioniere 2019 in ganz Russland insgesamt bereits über 60.000 kleinere und größere Geschosse aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft hätten. Im Kaliningrader Gebiet waren es 7000, in der Region Wolgograd -  rund um das damalige Stalingrad - wenigstens 22 schwere Fliegerbomben. Eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe fand man am 10. Dezember auf einem Bauplatz in der Stadt Belgorod.  Mit einem Bagger entfernten Explosionsingenieure die Bombe aus einer Baugrube und entschärften diese anschließend auf einem speziellen Übungsplatz. Andere Belgorod-Berichte zum Thema verzeichneten kleinere gefährliche Funde wie etwa ein 50 Kilo-Geschoß, einen Munitionsspeicher mit 6,8 Kilogramm TNT oder einen Speicher mit 298 Munitionsstücken. Im September grub ein Bewohner aus der Region in seinem Hof eine fünf Meter lange deutsche Flak aus. 

    Britische und US-Bomben in Deutschland gehören wohl immer noch zum Alltag 

    Auch in Deutschland werden ab und zu Bomben aus dem Krieg gefunden. So stellte der Berliner Flughafen Schönefeld Ende November seinen Betrieb wegen einer Weltkriegsbombe ein. Medienberichten zufolge lag die Fundstelle in der Nähe des sogenannten Taxiways, des Weges der Flugzeuge zur Startbahn. Der Typ sowie die Herkunft der Bombe waren nicht bekannt. Ein Blick in die Geschichte der Funde spricht zumeist für britische sowie für US-, seltener für sowjetische Bomben. So wurde am 18. Dezember im Kölner Stadtteil Porz eine britische 500 Kilo-Bombe entschärft. Dabei setzte der Kampfmittelbeseitigungsdienst eine so genannte Raketenklemme ein, die ferngesteuert wurde. Das scharfe Zündsystem konnte nicht abtransportiert werden und musste darum vor Ort gesprengt werden. Dafür waren in der Nähe ein Krankenhaus und ein Seniorenwohnheim geräumt worden. Während der Entschärfung mussten an die 3300 Einwohner das Viertel verlassen.

    Am 16. Dezember wurde in Potsdam allerdings auch eine sowjetische 100-Kilo-Bombe mit 800 Meter Sperrkreis durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft.

    Noch am 20. Dezember sollten 10.000 Menschen der dpa zufolge wegen der seit dem 3. Dezember bereits zweiten 250 Kilogramm schweren britischen Bombe in Leipzig evakuiert werden. Damals, am 3. Dezember, wurden in der Region über 8000 Menschen evakuiert. Die Behörden mussten die Entschärfung der Bombe aber verschieben, da die Bewohner ihre Häuser nicht gleich verlassen wollten. Unweit von der Europäischen Zentralbank war im Juli sogar eine amerikanische 5-Zentner-Fliegerbombe gefunden worden. 16.500 Menschen und 25 Wachkomapatienten eines Krankenhauses mussten infolge evakuiert werden. Ein Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes bezeichnete einen stark deformierten Zünder als eine besondere Herausforderung. Die beiden Zünder der Bombe sollten daher ferngesteuert aus der Bombe herausgeschnitten werden, damit das Geschoss nicht in die Luft ging.

    Eine Luftaufnahme zeigt einen Krater auf einem Gerstenfeld bei Limburg am 24. Juni 2019. Experten gehen von einer Weltkriegsbombe aus.
    © AFP 2019 / BORIS ROESSLER
    Eine Luftaufnahme zeigt einen Krater auf einem Gerstenfeld bei Limburg am 24. Juni 2019. Experten gehen von einer Weltkriegsbombe aus.

    Die gefährlichen Funde werden nicht immer harmlos entschädigt. Manchmal kommt es zu massiven Explosionen. So detonierte im Juni eine Weltkriegsbombe auf einem hessischen Acker bei Limburg, wobei ein großer Krater in ein Feld gerissen wurde. Einem Sprecher der örtlichen Polizei zufolge war das Loch rund vier Meter tief und hatte einen Durchmesser von etwa zehn Metern. Die Bombe hatte sich durch einen Langzeitzünder selbst entzündet. Verletzt wurde niemand.

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    Tags:
    Minen, Minenschutz, der Zweite Weltkrieg, Fliegerbomben