01:10 20 Januar 2020
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    Nach 22 Jahren als freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk rechnet Richard Gutjahr am Tag, an dem die Zusammenarbeit beendet ist, mit dem langjährigen Arbeitgeber ab. In einem offenen Brief an BR-Intendant Ulrich Wilhelm zieht der Journalist bittere Bilanz und sagt: Schämen Sie sich!

    Am 31. Dezember veröffentlichte Gutjahr den offenen Brief auf seinem Online-Blog. Er sei sich dessen bewusst, dass er damit viel riskiere und sich angreifbar mache, so Gutjahr. Aber nachdem er alle anderen Kommunikationswege ausgeschöpft habe,  habe er sich dafür entschieden, die Vorgänge, die ihn und seine Familie in den letzten drei Jahren unter erheblichen Druck gesetzt haben, in dieser Form darzulegen.

    Was ist passiert? 2016 war Gutjahr mit Frau und Kind zufällig in Nizza, als dort ein Terror-Anschlag verübt wurde. Aus seinem Hotelzimmer filmte der Journalist die dramatischen Ereignisse mit dem Handy und stellte die Bilder dem Arbeitgeber zur Verfügung. 24 Stunden habe er ununterbrochen für den BR, das ARD-Nacht-, Morgen- und Mittagsmagazin sowie sämtliche ARD-Hörfunk- und TV-Sender aus Nizza berichtet, so Richard Gutjahr. Er habe seinen Job gemacht. Der BR aber habe das Video redaktionell unbearbeitet auf YouTube, Facebook und Twitter verbreitet, samt Panikrufen seiner Ehefrau und dem Weinen seines Sohnes. Es sei auch der BR gewesen, der mit der Verbreitung des Materials für einen weltweiten Shitstorm gesorgt und die Welle von Hass, Hetze und Drohungen gegen Gutjahr und seine Familie verursacht habe.

    „Als ich das Rohmaterial per Zufall auf Twitter entdeckte, kursierte der mit ‚BR24‘ gekennzeichnete Film bereits mehrere Stunden in den sozialen Netzwerken. Mehrere Stunden – im Internet-Zeitalter eine Ewigkeit. Meiner Bitte, den zuständigen Redakteur aufzuwecken und das Video umgehend löschen zu lassen, wurde nicht entsprochen. Stattdessen wurde eine E-Mail an einen Mitarbeiter geschickt, man möge den BR24-Film am nächsten Morgen mit Beginn der Frühschicht aus dem Netz nehmen“, stellt Gutjahr in seinem Brief an Wilhelm klar. 

    Was folgte, sei eine Flut von Hassbotschaften und Drohungen von Verschwörungstheoretikern, Neonazis und Reichsbürgern gegen Gutjahr und seine israelische Frau gewesen, die sie bis heute terrorisiere.

    Auszüge der Hassbotschaften hat Gutjahr zur Veranschaulichung dem Text beigefügt. Er sei eine „verkommene Drecksau“ und solle „endlich verrecken“ ist da beispielsweise zu lesen. Er möge laufen, entkommen werde er aber nicht, steht in einer anderen Drohung.

    Schon zu Beginn der Anfeindungen vor drei Jahren hatte sich der Journalist hilfesuchend mit einem Brief an BR-Intendant Wilhelm gewendet, bei dem darauffolgenden Gespräch jedoch wenig Verständnis geerntet.

    „Noch beim Verlassen Ihres Büros hatte ich an Ihr Mitgefühl appelliert, Sie gebeten, mich bei der Bekämpfung dieser Kräfte aktiv zu unterstützen. Meine Bitte blieb ungehört. Stattdessen verwiesen Sie persönlich und Ihre juristische Direktion immer wieder darauf, dass der BR freien Mitarbeitern keine Rechtsberatung geben dürfe.“

    Für seine Familie habe damit ein langer, einsamer Marsch durch die Institutionen begonnen, wobei zu den Widersachern etwa Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, der Kopp-Verlag und der Compact-Verlag gehörten. Nach dem ersten Jahr habe ihm die Rechtsschutzversicherung gekündigt und die Prozesskosten seien ihm über den Kopf gewachsen, seine Bitte an den BR um finanzielle Unterstützung sei ihm abgeschlagen worden, erinnert sich Gutjahr.

    „Erst als ich mich in der Folge an den Ombudsmann sowie an den Rundfunkratsvorsitzenden des BR wandte, ließen Sie mir finanzielle Beihilfe zukommen, eine einmalige Zahlung, weniger als ein Monatsgehalt. Verbunden mit der unmissverständlichen Ansage, dass dies eine Ausnahme sei und ich mich in Zukunft mit meinen Problemen an den Deutschen Journalistenverband wenden soll. Die begleitenden Worte Ihres Juristischen Direktors werde ich nie vergessen: Man könne ja nicht jedem freien Mitarbeiter gleich einen Anwalt stellen, nur weil man mal im Netz ‚angepöbelt‘ werde.“

    Als sich Gutjahr in Ermangelung anderer Alternativen an den Rundfunkrat wendete, habe Wilhelm in dieser Angelegenheit wiederholt gelogen. Im Kontrollgremium des Bayerischen Rundfunks habe er laut schriftlichem Sitzungsprotokoll demnach behauptet, man habe Gutjahrs Prozesskosten beglichen. Wilhelm habe sich bei Gutjahr zudem für die Verbreitung des Rohvideos in den sozialen Netzwerken „mehrfach entschuldigt“, werde der BR-Intendant an andere Stelle zitiert.

    „Die von Ihnen vorgetragene Entschuldigung gab es nie. Genauso wenig wie von Ihrem Informationsdirektor. Im Gegenteil: Ihre Direktoren hatten anfangs sogar noch die Chuzpe, mir die Schuld für diesen redaktionellen Fehler in die Schuhe zu schieben, indem sie gegenüber den Rundfunkräten erklärten, ich hätte mein Augenzeugen-Video nicht sendefähig angeliefert. Sie sollten sich schämen, dass Sie derartige Aussagen Ihrer Direktoren unkommentiert so im Raum haben stehen lassen“, so Gutjahrs bittere Richtigstellung.

    Als Intendant habe Wilhelm nicht nur Verantwortung, sondern auch Vorbildfunktion für die Untergebenen.

    „Sie hätten uns helfen können, hätten sich aktiv und für alle Welt sichtbar vor Ihren Mitarbeiter stellen können. Der Intendant des Bayerischen Rundfunks, zugleich Vorsitzender der ARD – was für ein Zeichen wäre das gewesen! Stattdessen haben Sie weggeschaut – und das obwohl Sie als einer der Wenigen schon frühzeitig über alle Details, insbesondere über die antisemitischen Motive unserer Angreifer, bestens informiert waren.“

    Ulrich Wilhelm sei ein kluger Mann, den er für seine Initiativen immer geschätzt habe. Eine aufrichtige Entschuldigung hätte er angenommen, kommt Gutjahr zum Schluss. Fehler würden passieren, entscheidend sei aber, wie man mit Fehlern umginge.

    „Die Art und Weise, wie Sie sich meiner Familie und mir gegenüber verhalten haben und wie Sie in der Folge immer wieder versucht haben, die Rundfunkräte für dumm zu verkaufen, lässt nur einen Schluss zu: Sie und Ihre Berater haben die Wucht des digitalen Wandels noch immer nicht verstanden.“

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    Tags:
    Drohungen, Judenhass, Hassrede, Bayerischer Runkdfunk