04:37 24 September 2020
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    Wikinger-Siedlungen gab es auf Grönland etwa 450 Jahre lang – bis Mitte des 15. Jahrhunderts. Laut einer der Versionen sind sie verfallen, weil die Wirtschaft dieser kleinen Kolonie in der Arktis durch „äußere Umstände“ zerstört wurde.

    Jetzt haben Forscher neue Beweise dafür entdeckt, und zwar durch die DNA-Analyse von Walrossen.

    Normannen-Zug nach Westen

    Im Jahr 984 wurde ein kleiner Landbesitzer aus Island vertrieben, der für seinen heißblütigen Charakter bekannt war und einen Mord begangen hatte. Sein Name war Erik der Rothaarige. Nach Norwegen, in sein Heimatland, konnte er auch nicht zurückkehren – dort wurde er auch verfolgt. Deshalb begab er sich auf die Reise über den Atlantik – und entdeckte Grönland.

    Er war aber nicht allein – ihm sind etwa 400 Menschen gefolgt, die dort zwei Siedlungen bauten. Ihre Einwohnerzahl erreichte in den besten Zeiten etwa 3000. Die Normannen, wie die Wikinger von lateinischen Historikern genannt wurden, handelten mit Norwegen und bestanden am Ende sogar darauf, dass Grönland seinen eigenen Bischof bekam.

    1721 begab sich ein Missionar namens Hans Egede nach Grönland, um Kontakte mit den dortigen Einwohnern anzuknüpfen und sie in den Katholizismus konvertieren zu lassen. Die Kontakte mit ihnen waren allerdings schon 200 oder 300 Jahren früher verloren gegangen. Egede hat dort aber nichts als Ruinen entdecken können – und keinen einzigen Europäer (weitere Einwohner Grönlands waren die sogenannten Inuit). Hatten die Wikinger die Insel verlassen, oder waren sie alle ausgestorben? Auf diese Frage gibt es immer noch keine klare Antwort.

    Forscher glauben, dass die Europäer Grönland vor allem dank dem damals enorm warmen Klima besiedelten, das auf der nördlichen Erdhalbkugel Anfang des zweiten Jahrtausends herrschte – diese Zeit wird als Mittelalterliche Klimaanomalie bezeichnet. Der ziemlich niedrige Meeresspiegel ermöglichte Wasserreisen. Die Fjorde im Süden der Insel waren eisfrei, und das Land war mit Wiesen bedeckt – darauf lässt sich eben der Name „Greenland“ zurückführen. Es gibt allerdings auch eine andere Meinung: Es könnte eine Art „Marketing-Idee“ von Erik dem Rothaarigen gewesen sein, der möglichst viele Menschen auf seine Insel locken wollte.

    Experten der US-amerikanischen Northwestern University haben den Gehalt des Isotops 18 O in den Skeletten von Organismen in Seen im Süden Grönlands in den letzten 3000 Jahren analysiert und bestätigt, dass in dieser Gegend in den Jahren 900 bis 1500 die Temperatur um etwa 1,5 Grad Celsius höher als in der früheren historischen Periode gewesen war. Und im Sommer erreichte sie durchschnittlich sogar zehn Grad.

    Aber zwischen 1340 und 1450 sank die Temperatur dramatisch – es begann die Kleine Eiszeit. Die Einwohner konnten sich an die neuen Lebensbedingungen nicht anpassen und mussten Grönland verlassen. So lautet die allgemein anerkannte Version. Die Entdeckungen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass die Situation möglicherweise viel schwieriger war.

    Opfer der Globalisierung

    Die Einwohner brauchten Baustoffe und Eisen, die aus Norwegen eingeführt wurden, das sie im Gegenzug mit Walrosszahn versorgten. Diese Ware galt im Mittelalter als sehr wertvoll: Daraus wurden unter anderem diverse Schmuckstücke und Schachfiguren geschnitzt.

    In Island hatten die Normannen schon längst alle Walrosse vernichtet und mussten deshalb nach neuen Orten suchen, wo diese Wassertiere lebten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Erik der Rothaarige gerade zu diesem Zweck auf die Reise gegangen war. Jeden Sommer schickten die Einwohner der beiden Siedlungen junge Männer zur Diskobucht, die wesentlich nördlicher lag.  Der Weg dorthin nahm 15 bis 27 Tage in Anspruch und war ziemlich riskant, doch dieses Risiko rentierte sich durchaus. Der Handel, den die Wikinger betrieben, war lukrativ –  sie leisteten quasi den Walrosszahn-Händlern aus der Rus und auch Elfenbeinhändlern aus Afrika Konkurrenz. Aber im 12. bzw. 13. Jahrhundert veränderte sich die Situation: Aus Afrika wurde enorm viel Elfenbein geliefert, die Preise verfielen, und Walrosszahn wurde auf einmal unmodisch.

    Beweise dafür haben neulich Forscher aus Cambridge gefunden – gemeinsam mit Kollegen aus anderen Ländern.

    Anhand von DNA-Analysen aus Walrossschädeln (diese wurden in Dublin /Irland/, Trondheim und Bergen /Norwegen/ entdeckt) stellten sie fest, dass alle Schädel (sprich Tiere) – bis auf nur einen – aus Grönland stammten.                                                                                                

    Die Experten stellten zudem fest, dass der Anteil von kleineren Tieren (überwiegend Weibchen) immer größer wurde. Daraus schlossen sie, dass es größere Walrossmännchen relativ wenig gab im Vergleich zur Nachfrage. Deshalb jagten die Wikinger fortan auch Weibchen – nach dem Vorbild der Inuit – der polaren Ureinwohner, die nach den Europäern nach Grönland gezogen waren.

    Als die Konkurrenz mit dem Elfenbein schärfer wurde, wurden die Lieferungen aus Grönland noch intensiver (gerade weil nun auch Walrossweibchen gejagt wurden). Die Forscher vermuten, dass die Einwohner der Insel dadurch die früheren Verluste ausgleichen wollten. Als die Ressourcen der Diskobucht erschöpft waren, gingen die Jäger noch weiter in den Norden. Da aber solche Expeditionen in der Arktis immer enorm gefährlich waren, verfiel die Walrossjagd mit der Zeit. Das hatte negative Folgen für die Wirtschaft, und die Einwohner verließen die oben erwähnten Siedlungen. Es gibt nämlich keine Beweise dafür, dass nach 1327 mit Walrosszahn gehandelt wurde.

    Wegen negativer Umstände

    Die Siedlungen auf Grönland bestanden bis Mitte des 15. Jahrhunderts, und ihr Ableben war nicht nur durch den Klimafaktor bedingt, vermuten die Autoren eines im Fachmagazin „Human ecology“ veröffentlichten Beitrags, darunter der Archäologe Tom McGovern von der City University of New York, der sich mit der Erforschung der Wikinger-Siedlungen auf Grönland schon seit etwa 50 Jahren beschäftigt.

    Die traditionelle Ansicht lautet: Die Wikinger seien selbst schuld daran, dass die Kolonialisierung Grönlands scheiterte. Sie hätten auf die Insel einfach unpassende Rinder- und auch Getreidearten mitgebracht. Sie mussten die dortigen Böden reinigen, was aber ihre Erosion provozierte und die Weiden kleiner werden ließ. Aber das reicht laut McGovern & Co. keineswegs für eine Erklärung aus.

    Die Forscher haben nämlich etliche Beweise dafür entdeckt, dass sich die Normannen auf Grönland permanent den neuen Umständen anpassten. Sie jagten Rentiere, sammelten Eier von Feldvögeln usw. Seit dem 14. Jahrhundert jagten sie auch Robben. Damals aßen die Inseleinwohner zu 80 Prozent Fisch und Meeresfrüchte.

    Das Leben auf Grönland war hart: Es gab dort keine Wälder, also konnten die Einwohner keine Schiffe bzw. Boote bauen. Es mangelte an Arbeitskräften. Mit der Zeit wurde das Klima kälter – vermutlich wegen einer Vulkaneruption in Indonesien: Die Sommerzeit wurde also kürzer, und es kam immer häufiger zu Unwettern. Die Küstenlinie veränderte sich wegen eines wesentlichen Anstiegs des Meeresspiegels. Die Einwohner konnten ihre Rinder kaum noch füttern. Wegen zahlreicher Stürme sank auch die Zahl der Robben drastisch. Zudem wurde die Migration wegen des Unwetters behindert.

    Dennoch kämpften die Normannen ums Überleben: Unter anderem erweiterten sie die Weideflächen, bauten Bewässerungsanlagen, verlegten ihre Bauernbetriebe in andere Orte. Im 14. Jahrhundert wurde beispielsweise eine Kirche errichtet, was wohl von der immer engeren Verbindung der Einwohner mit der Heimat zeugte. Das alles könnte darauf verweisen, dass sie auf Grönland für längere Zeit bleiben wollten. Aber worauf lässt sich dann der weitere Verfall zurückführen?

    Nicht auszuschließen ist, dass die Normannen wegen der aus Europa stammenden Pestseuche gestorben sind. Aber Archäologen konnten bisher keine Beweise dafür finden. Laut verschiedenen Versionen starben die Inselbewohner wegen Verwandtenehen oder auch wegen des Mangels an Vitamin D aus (dieses Problem ist im Grunde für alle nördlichen Völker typisch). Manche Experten führen das Aussterben der Normannen auf mutmaßliche Konflikte mit den Inuit zurück. Und schließlich könnten sie von der Dürre getötet worden sein (zu diesem Schluss sind Forscher der Massachusetts University /USA/ nach Wasseranalysen in einem See im Süden Grönlands gekommen).

    Aber höchstwahrscheinlich hat eine ganze Kombination verschiedener historischer und kultureller Faktoren dazu geführt, denen die Wikinger nicht widerstehen konnten. Eine Massenmigration gab es nicht (sonst wären wohl entsprechende Archivdokumente erhalten geblieben). Das bedeutet, dass die Einwohner im Laufe von Jahrzehnten weggezogen (mit Schiffen aus bzw. nach Europa) oder einfach ausgestorben sind.

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    Tags:
    Norwegen, Grönland, Wikinger