02:55 20 Februar 2020
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    Bekanntlich ist die Schweiz eine neutrale Insel im Toben des Zweiten Weltkriegs gewesen. Doch sicherlich galt nicht alles, was die Schweizer taten, als neutral. So schaffte es ein Schweizer Arzt und Chirurg seine individuellen ideologischen Ansätze auszunutzen: Im Namen des Roten Kreuzes hat er Soldaten der Wehrmacht an der Front behandelt.

    Ein Beispiel dafür, wie man seinen ideologischen Glauben ausnutzt, um mit einer huminitären Organisation die Neutralität zu brechen – das zeigt Eugen Bircher. Bircher, 1882 geboren, war ein Chirurg, ein Offizier und politisch engagiert. Sein Herz schlägt allerdings klar für Nazi-Deutschland zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, in dem die Schweiz einen neutralen Fleck darstellte. Laut einem Artikel der Schweizer Zeitschrift „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) bewunderte er den Militarismus der Wehrmacht uneingeschränkt.

    Für Bircher stand fest, sobald es im Juni 1941 zu einer direkten Konfrontation sowjetischer und deutscher Truppen kam: Er wolle alles veranlassen, um den deutschen Soldaten im Kampf gegen den Bolschewismus zu helfen. So entwirft er ein Konzept, in dem Schweizer Ärzte und Krankenschwestern in den Lazaretten der Ostfront verwundete deutsche Soldaten pflegen sollen. Bircher wollte sich als Leiter dieser Mission darum kümmern. Dennoch sei eine solche Aktion waghalsig ohne die passende Unterstützung, weswegen er Verbündete in den höchsten Kreisen suchte.

    Durch das Rote Kreuz an die Front

    Zu seinen Unterstützern zählte sich schnell der Schweizer Diplomat Berlins, Hanz Frölicher. Laut der NZZ sollen die beiden Schweizer politisch ähnlich „getickt“ haben. Zusammen suchten sie dann einen Verbündeten im deutschen Starchirurgen Ferdinand Sauerbruch. Dieser lehrte von 1910 bis 1918 an der Universität Zürich und war auch eng mit Bircher befreundet. Sauerbruch war außerdem der Direktor der Berliner Charité-Klinik. Auf die Idee der von ihnen selbst benannten „Chirurgenmission“ reagierte Sauerbach jedoch nicht positiv. Er habe den beiden die Durchsetzung des Planes abgeraten, mit der Begründung, dass die Schweiz nichts bei dieser Mission gewinne. Die Parteigenossen der NSDAP würden die Schweiz weiterhin als unbeliebt ansehen.

    Auch die Schweizer Regierung konnte aufgrund der neutralitätspolitischen Verpflichtungen die Aktion nicht gewähren. Doch Bircher schaffte es, diese neutralitätspolitische Hürde zu umschiffen: er machte seine Absichten zu einer Mission des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Der Chirurg sei nämlich ein Mitglied der Leitung der humanitären Hilfsorganisation gewesen. Mit Frölicher zusammen bildeten sie ein Komitee für Hilfsaktionen, die „rein privater“ Natur sein sollten – so die NZZ. Finanzierung erhielt dieses Komitee durch die Spenden großer Schweizer Industriefirmen.

    Die erste Mission

    Am 15. Oktober brachen schließlich 31 Ärzte und 30 Krankenschwestern samt Hilfspersonal nach Berlin auf. Die insgesamt 80 Personen wurden mit einem offiziellen Empfang der Militärakademie geehrt. Auch in der Rede Birchers zeigten sich nun öffentliche Anzeichen der Begünstigung Deutschlands. Der beteiligte Chirurg Rudolf Bucher dokumentierte die Aussagen Birchers in seinem Bericht: „Zwischen Verrat und Menschlichkeit. Erlebnisse eines Schweizer Arztes an der deutsch-russischen Front 1941/42“.  An diesem Empfang bekundete sich Bircher freudig angesichts dessen, dass der junge Schweizer Mensch nun den „neuen Deutschen“ kennenlernen durfte.

    Der erste Einsatz erfolgte in Smolensk.  Bezeichnet wurde dieser Einsatz von den deutschen Offizieren, als ein „Säuberungsgeplänkel“, da die Truppen bereits in den Westen zurückkehrten. Den Schweizer Medizinern wurde spätestens dann klar, dass es keine humanitäre und neutrale Aktion ist. Bircher bedankte sich nämlich mit folgendem Wortlaut beim deutschen General:

    „Wir danken Ihrem Führer, dass wir, die Schweizer Ärztemission, teilnehmen dürfen am Kampfe gegen den Bolschewismus.“

    Dies zeigte sich auch an der Selektion an der Front. Den Schweizer sei es nämlich verboten gewesen, russische Soldaten zu behandeln. Einzig das Leben deutscher Soldaten dürfe gerettet werden. Nicht einmal die russische Zivilbevölkerung durfte von den Ärzten betreut werden – dies wiederum stellte eine erhebliche Verletzung der Vorschriften des Internationalen Roten Kreuzes dar. Wer das nicht mit sich vereinbaren konnte, durfte in die Schweiz zurück und die Mission abbrechen.

    Zwischen Verrat und Menschlichkeit

    Bucher war definitiv nicht so deutschfreundlich, wie es Bircher war, was wiederum zu Spannungen geführt haben soll. Im Artikel der NZZ wird verdeutlicht, dass Bucher oftmals Versuche unternommen hätte, sich bei Vorgesetzten zu beschweren. Auch die Bundesanwaltschaft habe er nach seiner Rückkehr in die Schweiz informiert. In seinen Vorträgen 1942 über die Ostfront wäre es Bricher fast gelungen, ihn aus der Schweizer Armee auszuschließen. Aus diesem Grund waren die Missionsteilnehmer ab diesem Punkt zum Schweigen verpflichtet. Rudolf Bucher wurde Zeuge von Erschießungen russischer Geiseln und von der Massenvernichtung der Juden. Er sah die Zustände in den Konzentrationslagern und beobachtete alle Gräueltaten der deutschen Truppen. Dies alles veröffentlichte er 1967 im ausführlichen Erlebnisbericht „Zwischen Verrat und Menschlichkeit. Erlebnisse eines Schweizer Arztes an der deutsch-russischen Front 1941/42“.

    lm

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    Tags:
    Front, Wehrmacht, Schweiz, Rotes Kreuz, Ärzte, Zweiter Weltkrieg