23:26 28 November 2020
SNA Radio
    Panorama
    Zum Kurzlink
    Von
    31442
    Abonnieren

    Ideen, die frischen Wind reinbringen, hat man nicht jeden Tag. Und wenn einem so gar nichts in den Sinn kommt, schaut man eben, was die Kollegen so machen. Dies scheint im Fall der „Süddeutschen Zeitung“ passiert zu sein, der das Magazin „Katapult“ dreisten Ideenklau vorwirft.

    Statistiken sind oft trocken und schwer verdaulich, denn sie bestehen vor allem aus vielen Zahlen. Dennoch braucht man sie, um Inhalte zu veranschaulichen und Behauptungen zu belegen. Wie man sie einbindet und wie gut sie vom Leser aufgenommen werden – darüber entscheidet nicht nur die korrekte Wiedergabe der nackten Zahlen, sondern oftmals auch die Art und Weise, wie man sie präsentiert. Beschreibt man eine größere Fläche als „so groß wie vier Fußballfelder“, so kann sich der Leser etwas darunter vorstellen.

    Das Magazin „Katapult“ hat die Kunst der kreativen Veranschaulichung in seiner Rubrik „Trock’ne Zahlen“ perfektioniert, indem es in seinen Vergleichen Zahlen nebeneinander aufführt, die sich für eine Gegenüberstellung nicht unbedingt aufdrängten.

    Die frischen Ideen für die Statistikverwertung scheinen auch Redakteuren der „Süddeutschen Zeitung“ aufgefallen zu sein und gefallen zu haben. So gut, dass sie sie mehrfach eins zu eins übernahmen und lediglich grafisch veränderten. So verglich „Katapult“ etwa am 8. Januar 2020 die Anzahl der Kamele, die in Australien getötet werden sollen, mit der Anzahl der Rehe, die im Jagdjahr 2017/2018 in Deutschland getötet wurden. Die gleiche Gegenüberstellung erschien in der „SZ“-Rubrik „Unterm Strich“ am 1. Februar 2020. Als die „Katapult“-Redakteure darauf aufmerksam wurden, und etwas genauer hinschauten, fanden sie sechs weitere „recycelte“ „Katapult“-Statistiken bei „SZ“, allein für die letzten paar Monate.

    Der dreiste Ideenklau ist auch „SZ“-Lesern aufgefallen, wie man entsprechenden Bemerkungen in den Kommentarspalten entnehmen konnte.

    „Katapult“-Gründer und Chefredakteur Benjamin Fredrich beschloss, die Sache zu klären und schrieb dem verantwortlichen „SZ“-Redakteur Christian Weber. Dieser räumte in seiner Antwort ein, einige Ideen seien in den letzten Wochen tatsächlich von „Katapult“ gekommen, einige Zahlen seien von dem Magazin „inspiriert“ gewesen. „Inspiriert?“ fragt Fredrich in seinem Artikel zum Sachverhalt. „Astrein kopiert“ seien sie gewesen, stellt er klar. Die von Weber vorgeschlagene Lösung, „Katapult“ zukünftig als Quelle anzugeben, lässt Fredrich gar am journalistischen Verständnis des „SZ“-Redakteurs zweifeln. Im Falle von Statistiken sei „Katapult“ keine Quelle. Die Eigenleistung des Magazins bestehe darin, eine gute Idee zu haben und diese durch Zusammenbasteln aus verschiedenen Quellen umzusetzen.

    „Ich schreibe ihm außerdem, dass eine Eins-zu-eins-Übernahme von Inhalten selbst von den eigenen SZ-Lesern bemängelt wird und die planmäßige Ausbeutung der Inhalte eines Konkurrenten unter unlauteren Wettbewerb fällt und somit auch rechtlich angreifbar ist“, so Fredrich.

    In seiner Antwortmail geht Weber plötzlich in die Offensive und unterstellt, „Katapult“ würde auch Inhalte von „SZ“ und anderen Medien klauen. Auf diesen Vorwurf hin checkt Fredrich die Historie der entsprechenden Rubriken. Dabei stellt er fest, dass der älteste Beitrag von „Unterm Strich“ der „SZ“ aus dem Juni 2018 stammt, der älteste der artverwandten Rubrik „Äpfel und Birnen“ aus dem Januar desselben Jahres. „Trock’ne Zahlen“ gibt es von „Katapult“ hingegen seit März 2015.

    „Entweder Herr Weber beweist, dass die Rubrik ‚Unterm Strich‘ schon älter ist als fünf Jahre, dann bleibt es lediglich dabei, dass er mit seinem Gegenangriff ein Donald-Trump-Ablenkungsmanöver gestartet hat, oder er kann es nicht beweisen. Dann weiß ich auch nicht mehr, wo genau seine restliche Glaubwürdigkeit baumelt“, kommentiert der „Katapult“-Gründer spöttisch.

    Die Krönung sei für ihn aber das Angebot des „SZ“-Redakteurs, „mal eine spannende Infografik-Doppelseite“ für die „SZ“ zu machen. Er habe ein ernsthaftes journalistisches Problem beheben wollen und bekomme stattdessen eine „schleimige Schleimhand“ gereicht.

    Zum Ende seines Artikels wird Benjamin Fredrich noch einmal sehr deutlich und wendet sich an Weber mit folgenden Worten:

    „F***en Sie sich schwer ins Knie, Herr Weber! Ich veröffentliche Ihre volle Peinlichkeit, Ihr journalistisches Unverständnis darüber, eine Quelle von einer Idee nicht unterscheiden zu können, und Ihre systematische Übernahme unserer Werke. Und nein, wir machen Ihnen keine Grafikseite in der Süddeutschen Zeitung.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    MDR rätselt über „russischen Osten“ - Ostdeutscher kommentiert: „Das Sagen haben leider die ...“
    Mord an iranischem Atomphysiker: US-Geheimdienst hält Israel für schuldig — NYT
    Streit um Bundeswehreinsatz gegen türkisches Schiff: EU-Geheimdokument bringt neue Details ans Licht
    Norwegen begeistert von Russlands ökologischem „Weihnachtsgeschenk“
    Tags:
    Medienwelt, Medien, SZ