01:10 03 April 2020
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    Am Fluss Evros an der griechisch-türkischen Grenze liegt das Dorf Marasia. Nur wenige Schritte hinter dem Fluss beginnt das türkische Staatsgebiet. Jeden Tag und jede Nacht versuchen griechische Soldaten, illegale Zuwanderer am Grenzübertritt zu hindern.

    Der Vorsitzende des Dorfrates, Giorgos Karabatzakis, betonte gegenüber Sputnik, dass die Militärs und Polizisten jede Nacht einen regelrechten „Kampf“ zur Sicherung der Grenze führen.  Nach seinen Worten ruft jemand von der türkischen Seite hin und wieder Grußworte in griechischer Sprache – wohl um sich zu vergewissern, ob es auf der griechischen Seite jemanden gibt und ob dieses Territorium bewacht wird.

    „Vorige Nacht, als ich auch hier (am Fluss – Anm. d. Red.) war, hörten wir Stimmen. Jemand schrie immer wieder ‚Guten Abend!‘ oder ‚Hallo!‘, um festzustellen, ob es auf unserer Seite die Wache gibt. Wir antworteten immer und werden das auch weiter tun. Ich weiß nicht, wer das war – ob türkische Grenzsoldaten oder Flüchtlinge. Ich weiß es nicht. Wir antworten auf Griechisch, damit sie wissen, dass dieses Territorium bewacht wird“, so Karabatzakis.

    Nach seinen Worten hat der Ansturm der Migranten, von denen die meisten „keine Syrer, sondern Männer aus Afghanistan, Pakistan und Somalia sind“, in den vergangenen 24 Stunden dank der Präsenz der Polizei und Armee wesentlich an Intensität verloren.

    Die Einwohner dieses kleinen Dorfes setzen sich gerade an diesen Tagen besonders aktiv ein, um den Migrantenansturm nach Griechenland zu unterbinden:

    „Die Einwohner sind auf alles gefasst. Die meisten von ihnen sind bejahrte Menschen. Sie haben Wasser- und Lebensmittelvorräte für die Polizisten und Soldaten angeschafft. Das Haus unseres Dorfrates ist für die Jungs immer offen, falls sie müde werden und sich erholen müssen. Denn sie laufen ständig am Fluss entlang (um den Ansturm illegaler Zuwanderer zu unterbinden – Anm.)“, erläuterte Karabatzakis.

    Die Situation am Evros ist und bleibt sehr angespannt. Die Türkei hat in der vorigen Woche die Öffnung der Grenze zur EU verkündet, weil Ankara nicht in der Lage sei, den neuen Flüchtlingsansturm aus Syrien in Griff zu bekommen. Und jetzt wimmelt es im türkisch-griechischen Grenzraum von Flüchtlingen. Die griechische Polizei setzte Tränengas, Lärmgranaten und Wasserwerfer ein, um die massenhafte Grenzverletzung zu unterbinden.

    „Wir warten alle auf den Anruf“

    Laut Regierungsquellen versuchen Migranten von der türkischen Seite immer wieder, auf das griechische Territorium zu gelangen. Manche von ihnen versuchen, die Grenzzäune zu zerstören, andere wollen nach Griechenland durch den Fluss schwimmen.

    Die griechische Nationalgarde gehört den Streitkräften an. Sie besteht aus Reservisten, die permanent auf dem Gelände der jeweiligen Gardeabteilung leben.

    Der 29-jährige Gardesoldat Vangelis Gavranidis aus dem Dorf Kastanies am Evros versicherte in einem Interview für Sputnik, er sei auf eine Mobilmachung vorbereitet. Er rechne damit, zur Verteidigung der Staatsgrenze einberufen zu werden.

    Vangelis Gavranidis
    © Sputnik / Fani Charisi
    Vangelis Gavranidis
    „Ich gehöre neben weiteren etwa 50 Dorfbewohnern der Nationalgarde an. Wir sind Teil der Armee und haben unsere Kampfwaffen. Notfalls können wir zu den Streitkräften einberufen werden“, betonte er.

    Vorerst ist das nicht nötig, obwohl auf der türkischen Seite der Grenze sich mehrere Tausende Migranten befinden. „Wir alle bleiben auf der Hut und warten auf den Anruf“, so Gavranidis.

    Die Waffen, die der Nationalgarde zur Verfügung stehen, gehören der griechischen Armee, und ihre Einsatzbereitschaft wird regelmäßig kontrolliert. Zudem werden die Gardesoldaten regelmäßig zu Übungen einberufen.

    „Wir beteiligen uns an Schießübungen. Die Streitkräfte haben ein spezielles Programm für die Nationalgarde“, so der Reservist.

    Das Alltagsleben

    Busse mit Polizisten, die manchmal auf dem zentralen Platz der Stadt Orestiada im Nordosten Griechenlands anhalten, machen inzwischen keinen großen Eindruck mehr auf die Einwohner. Polizisten kommen dorthin, um sich einige Stunden zu erholen – und wieder zurück an die Grenze zu ziehen.

    • Leere Restaurants nahe der türkischen Grenze
      Leere Restaurants nahe der türkischen Grenze
      © Sputnik /
    • Leere Restaurants nahe der türkischen Grenze
      Leere Restaurants nahe der türkischen Grenze
      © Sputnik /
    • Leere Straßen in Orestiada
      Leere Straßen in Orestiada
      © Sputnik / Fani Charisi
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    Leere Restaurants nahe der türkischen Grenze

    Die Einwohnerin Popi Petridou der Stadt sagte gegenüber Sputnik, ihr Alltag habe sich vorerst kaum verändert. Vielmehr machen sich ihre Kinder, die inzwischen im Ausland leben, Sorgen um die Situation.

    „Unsere Kinder sind mehr beunruhigt als wir hier. Wir leben genauso wie bisher“, versicherte Frau Petridou.

    „Absolut keine Arbeit“

    Die geschlossene griechisch-türkische Grenze ist ein Hindernis nicht nur für Flüchtlinge, sondern auch für die Türken, die regelmäßig Edirne besuchen. In Kastanies sind in Cafés und Restaurants Speisekarten in türkischer Sprache erhältlich: Hier gibt es immerhin viele Kunden aus dem Nachbarland.

    „Sie haben die Einreise blockiert und völlig richtig getan. Aber jetzt, wo hier kaum noch jemand vorbeifährt, haben wir absolut keine Arbeit“, sagte die Besitzerin eines solchen Cafés in Kastanies gegenüber Sputnik. „Denn die meisten Kunden von uns kommen immerhin aus der Türkei.“

    Am Reinen Montag, dem Beginn der orthodoxen Fastenzeit, waren alle Hotels und Apartments in Orestiada überfüllt: Viele Griechen wollten, wie gewöhnlich, das Wochenende im benachbarten Edirne verbringen, das nur sieben Kilometer von der Grenze auf der türkischen Seite liegt.

    Orestiada
    © Sputnik / Fani Charisi
    Orestiada

    Im größten Hotel in Orestiada sprach Sputnik mit Florina, einer Griechin, die dort auf dem Weg nach Edirne abgestiegen war.

    „Wir wollten für drei Tage nach Adrianoulis  (griechischer Name von Edirne – Anm.), aber die Grenze wurde gesperrt, und deshalb werden wir uns hier erholen“, erläuterte sie.

    „Wissen Sie, was hier heute passieren würde, wenn die Grenze offen geblieben wäre? Dann würde es hier von Autos und Bussen mit Griechen wimmeln, die die Grenze überqueren wollen“, sagte Anastasia, eine Einwohnerin von Kastanies, gegenüber Sputnik.

    „Die Türken kommen zu uns, besuchen unsere Restaurants und Cafés, trinken Alkohol, weil der Alkoholkonsum bei ihnen verboten ist“, so Anastasia, die die Schließung der Grenze begrüßt. „Migranten gibt es hier ohnehin zahlreich.“

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    Tags:
    Grenzschutz, Flüchtlingskrise, Türkei, Griechenland