10:47 09 April 2020
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    Coronavirus-Ausbruch: Aktuelle Entwicklungen zur neuartigen Lungenkrankheit (198)
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    Vor dem Hintergrund der Coronavirus-Seuche ist ein Aspekt besonders merkwürdig: Aus irgendwelchen Gründen kaufen die Menschen im großen Stil Toilettenpapier. Psychologen versuchen, zu erklären, warum gerade diese Ware bei den Hamsterkäufen so nachgefragt ist.

    Wegen des Covid-19-Ausbruchs, der zunehmend an Intensität gewinnt, sind nicht nur internationale Warenlieferungen und Vorräte von diversen Waren zurückgegangen: Leere Regale in Supermärkten sind seit einigen Tagen keine Seltenheit mehr, und Klopapier geht schneller weg als viele andere Waren.

    Während die gestiegene Nachfrage nach Desinfektionsmitteln und Schutzmasken nachvollziehbar ist, gibt es für die Tatsache, dass Toilettenpapier in vielen Ländern wie China, Australien, Großbritannien oder den USA aus den Regalen in den Supermärkten quasi komplett verschwunden ist, keine vernünftige Erklärung. Viele Supermärkte mussten bereits die Maßnahme durchsetzen, dass jeder Kunde nur eine beschränkte Zahl von Klopapierrollen nehmen darf.

    Kontrollverlust und Fotos in sozialen Netzwerken

    Der Klopapiermangel sorgte über Nacht für etliche Internet-Memes. Aber die Frage, warum es dazu gekommen ist, blieb ohne Antwort.

    Professor Andy Yap vom Campus der Business School INSEAD in Singapur warnte, dass das Covid-19-Virus „unser Kontrollgefühl gefährdet, was zu solchem Aufschwung von panischen Käufen weltweit geführt hat“. Gerade der „Kontrollverlust“ zwinge Menschen, nach „gewissen illusorischen Modellen“ hektisch Klopapier zu kaufen.

    Dem Professor zufolge sollte man den Einfluss sozialer Netzwerke  nicht unterschätzen, wo Bilder und Videos veröffentlicht werden, auf denen zu sehen ist, wie panisch Klopapier gekauft wird. „Wenn man solche Bilder sieht, spürt man den Drang, dasselbe zu tun“, erläuterte Yap. „Während des Ausbruchs der atypischen Pneumonie haben wir so etwas nicht gesehen, weil es damals keine sozialen Netzwerke gab.“

    Die Psychiatrieprofessorin Nadine Kaslow von der Emory University School of Medicine zeigte sich mit der These einverstanden, dass panische Käufe eine nachvollziehbare Reaktion auf den Coronavirus-Ausbruch sind, denn Menschen spüren, dass sie die Kontrolle über die Ereignisse um sie herum verlieren. Allerdings müsste eine gewisse Balance zwischen angemessenen Handlungen und „Überreaktionen“ her (wenn man sich Klopapiervorräte für ein ganzes Jahr anschafft), betonte sie.

    ​Der Psychologe Paul Harrison, ein Experte für Verbraucherverhalten, stimmte der Kollegin Kaslow zu. Zwar halten Menschen in hochentwickelten Industrieländern effiziente Gesundheitssysteme und die Sicherheit schon längst für selbstverständlich, aber im Moment sehen sie nichts als eine „Existenzkrise“ und spüren, dass sie die Kontrolle verlieren. Sie wollen die Kontrolle zurückgewinnen – und kaufen Waren panisch ein.

    Lebenslange Gewohnheiten zwingen zum Klopapierkauf

    Der Soziologieprofessor Tan Ern Ser von der National University of Singapore lieferte seinerseits eine weitere Erklärung. Nach seinen Worten ist Toilettenpapier eine der zwei wichtigsten Kategorien von Waren, denn es deckt den Bedarf nach persönlicher Hygiene und ist deshalb so gut wie lebenswichtig für Menschen.

    ​„Meines Erachtens kann der Klopapierverbrauch ziemlich hoch sein, und deshalb halten viele es für nötig, gewisse Vorräte zu machen, um ihre Besorgnisse abzubauen. Natürlich, wenn Menschen massenweise einem anderen Beispiel folgen und Toilettenpapier durch Wasser ersetzen, könnte daraus eine neue soziale Praxis entstehen“, so der Professor. „In diesem Fall könnte es aber dazu kommen, dass Menschen panisch Wasser einkaufen würden, und dann müsste der Wasserverbrauch beschränkt werden.“

    „Angst“ macht Klopapier zur gefragten Ware

    Der Psychologe Gordon Asmundson (University of Regina), der sich auf Erforschung von Folgen der Angst bzw. Unruhe spezialisiert, die durch den Covid-19-Ausbruch ausgelöst wurde, findet, dass der Grund, aus dem viele Menschen Toilettenpapier massenweise einkaufen, ihre „Angst“ sein könnte.

    „Aktuell werden wir alle mit einer wesentlichen Gefahr für unsere Gesundheit und der Ungewissheit konfrontiert, was wir tun könnten, um die Covid-19-Verbreitung zu stoppen. Leider ist die Angst ebenfalls ansteckend – und verbreitet sich oft noch schneller als ein Virus“, stellte der Professor fest. „Angst provoziert emotionale Entscheidungen, und das beobachten wir gerade in Supermärkten.“

    Viele Menschen haben ihm zufolge gesehen, wie andere Klopapier hektisch kauften, und auf einmal gedacht, sie würden auch dringend Klopapier brauchen.  Es sei nun einmal so: Wenn Menschen sehen, wie jemand zum Notausgang laufe, laufen sie einfach mit, ohne zu fragen, warum, ergänzte der Experte.

    Leere Regale ohne Toilettenpapier sind besonders auffallend

    Die Professorin Debra Grace von der Griffith University und der Psychologe Baruch Fischhoff  vom Institut für Politik und Strategie bei der Carnegie Mellon University vermuteten ihrerseits, dass es für Klopapier nun einmal keinen Ersatz gebe, und sein Mangel sei dermaßen auffallend geworden, dass viele Verbraucher auf einmal unruhig geworden seien.

    „Als es erste Medienberichte über das Virus gab, fanden sich Menschen, die darauf überreagierten, und meines Erachtens war ihr Anteil ziemlich gering. Aber sie gingen in Supermärkte und begannen, einfach alles hektisch zu kaufen, und zwar nicht nur Klopapier“, so Grace. „Da aber Klopapierpackungen ziemlich groß sind, wird man sofort sehen, wenn 20 große Packungen gekauft worden sind, weil das Regal dann praktisch leer aussieht.“

    Und das Erste, was Käufer sofort gesehen haben, waren nun einmal leere Regale, auf denen zuvor Toilettenpapier gestanden habe, und das sei für sie ein Signal gewesen, dass es an dieser Ware bald mangeln könnte. Und es sei losgegangen. „Es wäre sinnvoll gewesen, Vertretern von Supermarktketten zuzuhören, dass die Probleme, die es bei den Lieferungen gab, beseitigt worden sind, dass das nötige Klopapier bald wieder vorhanden sein wird. Aber als man leere Regale sah, glaubte man diesen Versicherungen nicht“, betonte Fischhoff.

    Internationale Medien verbreiten Panik

    Professor Neil Greenberg vom Institut für Psychiatrie, Psychologie und Neurobiologie beim Londoner Royal College stimmte seinen Kollegen zu und verwies darauf, dass eine gewisse Rolle bei der Verbreitung von Panik die Massenmedien gespielt haben. Und dann habe bei vielen einfach der Selbsterhaltungstrieb funktioniert.

    ​„Es ist schwer, vorherzusagen, was genau man brauchen wird, um die Quarantäne erfolgreich zu überstehen. Daher ist es tatsächlich sinnvoll, gewisse Vorräte von Toilettenpapier  und Nudelwaren zu machen. Und dann spielt die Tatsache, dass die Vorräte viel größer als für die Quarantäne nötig sind, nur eine Nebenrolle“, so der Experte. Nach seinen Worten sollten Menschen aber „faktischen Informationen aus zuverlässigen Quellen glauben, ohne auf immer neue Medienberichte zu achten, die sie unruhig werden lassen“.

    Darum zeigen Menschen in aller Welt dasselbe Verhalten

    Die Professorin Jill Klein von der Melbourne Business School verwies auf das Phänomen der „sozialen Ansteckung“ und führte das Verhalten der Fluggäste bei Turbulenzen in der Luft als Beispiel an: „Menschen gucken vor allem auf andere Passagiere, um zu verstehen, ob sie sich jetzt Sorgen machen müssten. Und wenn alle anderen weiterhin ihre Videofilme sehen oder Bücher lesen, versteht man, dass man keinen Grund für Sorgen hat.“ Falls sie aber sehen, dass die anderen Fluggäste unruhig seien, dann stufen sie die entstandene Situation als wirklich schwierig und gefährlich ein, so die Expertin. Und das sei eben weltweit in Supermärkten passiert.

    „Leider ruft das verschiedene Probleme hervor“, fuhr Klein fort. „Wenn jemand auf einmal 64 Klopapierrollen kauft, wobei er in absehbarer Zeit nur acht Rollen braucht, dann wird jemand anders ohne Klopapier bleiben – und das ist ein Problem.“

    Der Professor Kazuya Nakayachi von der japanischen Doshisha University zeigte sich mit Klein einverstanden. Nach seinen Worten gibt es drei wichtigste Phasen des „ansteckenden“ sozialen Verhaltens. Zunächst entstehen diese oder jene Gerüchte. Dann werden Menschen unsicher und wissen nicht, was sie zu tun haben, und ahmen das Verhalten der jeweiligen Kontrollgruppe nach. Und danach wird das jeweilige Gerücht zu einem richtigen Problem, denn Menschen kaufen viel mehr Waren als sie wirklich brauchen.

    Supermärkte reden ihrerseits auf die Kunden ein, damit sich diese mäßigen, denn sonst würden andere Menschen ohne die benötigte Ware bleiben – auch ohne das begehrte Klopapier.

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    Panik, Klopapier, Coronavirus