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    Die unbezwingbare Festung Königsberg war nach vier Tagen eingenommen. Für Deutschland war das eine selbstverschuldete Erniedrigung unter vielen – „Eine nationale Katastrophe“, sagt ein Historiker der Russischen militärhistorischen Gesellschaft (RWIO).

    „Erniedrigend“ nennt der Politologe und Militärhistoriker Nikita Buranow nicht nur das, sondern auch wie die Wehrmacht am 9. April 1945 die Festungsstadt Königsberg aufgab. Die Stadt sei die „Eisentür nach Deutschland“, die die Rote Armee „mindestens ein halbes Jahr lang“ nicht werde öffnen können, hatte Kreisleiter Ernst Wagner vor der Schlacht um Königsberg noch geprahlt. „Die Festung fiel nach nur vier Tagen“, erinnert Buranow.

    „Königsbergs Verteidigung war wie ein Bollwerk organisiert, bestehend aus zahlreichen Befestigungen, die vor Jahrhunderten gebaut worden waren. Mauern bis zu acht Metern dick – dagegen kam keines der Geschütze an, die damals existierten. Die Festung ist über 800 Jahre gewachsen, immerfort kamen neue Festungsanlagen hinzu“, erklärt der Militärhistoriker und Experte der Russischen militärhistorischen Gesellschaft.

    Am 9. April 1945 war der Sturm auf Königsberg vorbei. Die militärische Operation war Teil der Schlacht um Ostpreußen. Marschall Alexander Wassilewski, Kommandeur der 3. Weißrussischen Front (Teilabschnitt der 1. Baltischen Front von Iwan Bagramjan), hatte die Offensive angeführt.

    „Dass Königsberg – der Ursprung des deutschen Kampf- und Corpsgeistes, die Hauptstadt des Deutschen Ordens und der Ausgangsort für die Eroberungskriege der deutschen Ritter – nach nur vier Tagen fiel, war für Deutschland eine Erniedrigung sondergleichen und eine nationale Katastrophe. Diese Niederlage war ein Anzeichen der größten Niederlage in der Geschichte der Deutschen“, so der Historiker.

    Die sowjetischen Truppen hatten Königsberg in den ersten Apriltagen erreicht. Vor Beginn der Schlacht waren 137.000 Mann mit über 5.000 Geschützen und Granatwerfern, mehr als 500 Panzern und Panzerhaubitzen, 2.174 Flugzeugen vor den Festungstoren aufmarschiert.

    Das deutsche Truppenkontingent einschließlich Artilleristen, Stadtpolizei und Volkssturmgruppen betrug 130.000 Mann. Ausgerüstet waren die Deutschen mit circa 200 Panzern, die hauptsächlich als stationäre Feuerstellungen (in das Erdreich eingegraben) dienten. Befehligt wurden die Truppen von General Otto Lasch, „einem erfahrenen Kommandeur, dem es gelungen war, die Stadtverteidigung gut aufzustellen“, sagt Historiker Buranow.

    Standfoto aus der Verfilmung vom Juri Bondarews Buch „Heißer Schnee“
    © Sputnik / Standfoto aus dem Spielfilm „Heißer Schnee“
    Das Kräfteverhältnis fiel trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit nicht zugunsten der Roten Armee aus: In einer Gegend wie Königsberg müssen die Kräfte des Stürmenden die des Verteidigers nach allen Regeln der Kriegskunst um ein Vielfaches übertreffen. Der sowjetische Vorteil an Panzern, Flugzeugen und Haubitzen wurde durch das städtische Gelände aufgehoben.

    Zusätzlich verstärkt wurde die Festung durch ein System von Bunkern, Schützengräben und Schanzen rundherum. In größerer Entfernung umgab eine Verteidigungsanlage die Königsberger Hochburg – ein Ring von 17 hochgesicherten, festungsartigen Stellungen auf 53 Kilometern Länge.

    Als Vorbereitung auf den Sturm ließ die Sowjetführung die komplette Festung nachbauen. „26 Sturmeinheiten und 104 Sturmgruppen wurden in der Roten Armee zur Erstürmung der Festung geschaffen, aus Infanterie- und Pioniertruppen. Von der Mannstärke her waren es Schützenkompanien, verstärkt durch Artillerie, Panzer, Geschützwagen und schwere MGs. Auch Sprengstoffexperten waren dabei. Es waren erfahrene Kämpfer, die den jüngeren Soldaten Taktiken für den Häuserkampf beibrachten. Die Soldaten wurden mit Schutzwesten ausgestattet, eine Neuerung für die damaligen Verhältnisse“, erklärt der Experte.

    Eine Spezifik des Einsatzes: Um die Wehrmachtstruppen aus dem Festungswerk auszuräuchern, zogen sieben mit Flammenwerfern bewaffnete Bataillone in den Kampf. Die Spezialsoldaten waren auf die Sturmeinheiten verteilt.

    „Um 9.00 Uhr morgens am 6. April ging der Sturm los, zunächst mit mächtigem Artilleriebeschuss. Drei Stunden danach rückt die Infanterie unter dem Schutz dieser Feuerwalze mit Panzern und Geschützen vor. Die Hauptkräfte gehen um die Festungsanlagen herum, die von den Infanteristen mit der Feuerunterstützung von Geschützwagen blockiert werden. Die Sturmgruppen rücken daraufhin Haus für Haus vor“, sagt Buranow.

    Der erste Verteidigungsring war nach einem Tag gebrochen, am zweiten Tag war Königsberg eingekesselt. Die Deutschen setzten mehrfach zum Durchbruch und Gegenangriff an, wurden jedoch jedes Mal zurückgeworfen. Den 7. und 8. April hindurch bearbeitete die Rote Armee die Stadt mit Artilleriebeschuss. Die Schützen agierten chirurgisch präzise, trafen sogar in die Schießscharten der Festung. Gegen uneinnehmbare Bunker wurde mit Flammenwerfern vorgegangen.

    • Sowjetische Panzersoldaten zeigen den Matrosen baltischer Flotte ihre Technik nach der Schlacht um Königsberg
      Sowjetische Panzersoldaten zeigen den Matrosen baltischer Flotte ihre Technik nach der Schlacht um Königsberg
      © Sputnik / Wasilij Sawranski
    • Sowjetische Soldaten schlafen während Kampfpause auf dem Marktplatz in Königsberg
      Sowjetische Soldaten schlafen während Kampfpause auf dem Marktplatz in Königsberg
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    • Parade der Roten Armee in Königsberg, September 1945
      Parade der Roten Armee in Königsberg, September 1945
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    Sowjetische Panzersoldaten zeigen den Matrosen baltischer Flotte ihre Technik nach der Schlacht um Königsberg

    „Am 9. April erreichten die Sowjettruppen den Stadtkern. Die Deutschen hatten große Verluste zu verkraften, ihre Kampfmoral war gebrochen. General Otto Lasch geriet in Gefangenschaft, er unterzeichnete denn auch die Kapitulationsakte. Damit setzte die massive Aufgabe deutscher Einheiten ein, am 10. April waren die letzten Widerstandsnester in Königsberg ausgehoben“, erinnert Buranow.

    Für die Wehrmacht und das Dritte Reich war der Verlust von Königsberg ein herber Schlag: Die Abteilung Samland war ebenso zerschlagen wie die Hauptverbände der Deutschen in Ostpreußen, der Marinehafen Pillau war verloren.

    „Die Rote Armee verlor 37.700 Mann, 14.000 waren verwundet. Die Verluste der Deutschen waren katastrophal: 42.000 Soldaten tot, über 90.000 Mann in Kriegsgefangenschaft, dazu die Materialausbeute der Sowjets von 2.000 Geschützen, 1.600 Granatwerfern und 128 Flugzeugen. Das ist nur ein Beleg dafür, wie gut die Operation vorbereitet worden war“, so der Historiker.

    Die Zerstörung der Stadt führt der Historiker übrigens weniger auf den Artilleriebeschuss zurück als auf den britischen Bombenangriff im August 1944. „Britische Bomberverbände flogen 1944 massive Einsätze gegen Königsberg, vergleichbar mit jenen gegen Dresden. Militärisch waren diese Angriffe sinnlos, weil das Gros der Bomben auf Wohnviertel fiel, die Festungsanlagen aber blieben unversehrt.“

    In Moskau wurde die Eroberung der unbezwingbaren Festung mit Salutschüssen begangen: 24 Salven aus 324 Geschützen. Eine Ehrenmedaille „Für die Eroberung Königsbergs“ wurde gestiftet, 98 Armeeeinheiten erhielten „Königsberg“ als Beinamen.

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    Tags:
    Drittes Reich, UdSSR, Sowjetunion, Kaliningrad, Königsberg, Zweiter Weltkrieg