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    Ein strategisch wichtiger Knotenpunkt, eine in eine Festung verwandelte Stadt und Dutzende Tausend sowjetische Soldaten, die für die Freiheit der Österreicher starben – genau vor 75 Jahren, am 13. April 1945, endete die Wiener Offensive, die Historiker als eine der glänzendsten im Großen Vaterländischen Krieg ansehen.

    Trotz des erbitterten Widerstandes von Hitlers Soldaten schaffte es die Rote Armee, Österreichs Hauptstadt ohne kritische Zerstörungen und zivile Opfer zu befreien. Wie Wien befreit wurde – darüber erfahren Sie mehr in diesem Artikel.

    Strategische Ziele

    Österreich war für die deutsche Reichsführung immer etwas Besonderes. Erstens ist es ein strategisch wichtiges Industriezentrum mit großen Ölproduktionsstätten und -raffinerien, durch welche die Wehrmacht mit Kraftstoff versorgt wurde. Zweitens eröffnete sich über Österreich für die sowjetischen Truppen der Weg nach Prag und Berlin. Zudem war es Hitlers Heimat, was von enormer psychologischer Bedeutung war. Der Führer wollte Österreich und seine Heimat auf keinen Fall dem Feind überlassen.

    Zur Verteidigung Wiens wurde die gesamte männliche Bevölkerung von 16 bis 60 Jahren für die Volkssturm-Verbände mobilisiert. Neben Schusswaffen bekamen sie Panzerfäuste zur Vernichtung der sowjetischen Panzer. Die wegen der ständigen Niederlagen nachlassende Disziplin in den Truppen wurde mit striktesten Maßnahmen gefestigt.

    Anfang März 1945 begann die Wehrmacht eine Offensive am Balaton. Hitler wollte die Rote Armee hinter die Donau zurückdrängen, die Pause nutzen und Verhandlungen mit den USA und Großbritannien aufnehmen. Die Sowjetunion begann daraufhin die Wiener Operation.

    Die wichtigste Rolle während der Operation sollte die 3. Ukrainische Front unter Leitung von Fjodor Tolbuchin spielen. Am 15. März begaben sich seine Truppen in Richtung Pápa und Sopron. Einige Tage später schlossen sich die Einheiten der 2. Ukrainischen Front, die sich bei Budapest befanden, an. Mit Unterstützung der Donau-Militärflottille und 5. Luftarmee rückten sie in Richtung Györ vor.

    Der Weg nach Berlin

    18 Schützendivisionen der 3. Ukrainischen Front, die über fast 4000 Gewehre und Minenwerfer sowie 200 Panzer und Selbstfahrlafetten verfügten, kesselten den gegnerischen Verband nahe Székesfehérvár ein und zerschlugen ihn. Wichtig war, die möglichen Rückzugswege für die 6. SS-Panzerarmee abzuschneiden, die sich im so genannten „operativen Sack“ bei Balaton befand. Die Hauptkräfte dieser Gruppierung waren bei Székesfehérvár, Berhida und Polgardi blockiert. Dennoch konnten einige Einheiten mit Gefechten westlich nach Wien durchdringen.

    Das sowjetische Vorrücken wurde durch das österreichische Gelände gebremst, weshalb sich die Deutschen auf die Verteidigung gründlich vorbereiten konnten. In den wichtigsten Richtungen legten Hitlers Soldaten Anti-Panzer-Gräben an und legten Schützenminen. Die Rotarmisten mussten permanent mächtige Gegenangriffe abwehren. Zahlreiche Flüsse und Kanäle sowie Hügel halfen den Nazis bei der Zurückhaltung der gegnerischen Offensive, wobei die sowjetischen Truppen schwere Verluste an Menschen und Technik hinnehmen mussten. Dennoch war die Rote Armee nicht mehr aufzuhalten.

    Am 30. März 1945 erreichten die Einheiten der 3. Ukrainischen Front Österreich; am 5. April begannen erbitterte Kämpfe in den Vororten von Wien. Die Stawka (Hauptquartier des sowjetischen Oberkommandos) legte die Fristen fest – die Stadt sollte spätestens vom 13. bis 15. April eingenommen werden. Österreichs Hauptstadt wurde gleich aus drei Richtungen erstürmt. Die Truppen der 3. Ukrainischen Front griffen vom Süden an, vom Westen attackierten Panzereinheiten, wobei die Rückzugswege für den Gegner abgeschnitten wurden. Einheiten der 2. Ukrainischen Front rückten aus dem Osten kommend mit Unterstützung der Donau-Flottille am nördlichen Donauufer vor. Der sowjetische Verband zählte 640.000 Soldaten und Offiziere. An der Erstürmung nahmen auch 100.000 Soldaten der bulgarischen Armee teil. Die vorrückende Gruppierung verfügte über 17.000 Gewehre und Minenwerfer, 1300 Panzer und rund 1000 Flugzeuge. 

    Wien wurde von acht Panzer- und einer Infanteriedivision der Wehrmacht, die sich unter Gefechten aus der Richtung Balaton zurückzogen, sowie von bis zu 15 einzelnen Infanteriebataillonen und Volkssturm-Bataillonen verteidigt. In der Umgebung von Wien errichteten die Deutschen Stützpunkte an einigen Verteidigungslinien, geschützt mit kilometerlangen Stacheldraht- und Minensperren. In Wien wurden vorausschauend viele Stellungen und Befestigungsanlagen errichtet.

    Die Straßen wurden mit Barrikaden versperrt, in einigen Gebäuden wurden Panzer und Artilleriegewehre versteckt. Alle Brücken über die Donau wurden gesprengt. Es wurde nur die Reichsbrücke unversehrt gelassen, über die die Truppenverlegung erfolgte. Insgesamt zogen die Deutschen 430.000 Menschen, 6000 Artilleriegewehre, 700 Panzer und ebenso viele Flugzeuge in Wien zusammen.

    Vorsichtiger Sturm

    Bei der Erstürmung der österreichischen Hauptstadt nutzten die sowjetischen Truppen ihre Erfahrungen, die sie bei den Kämpfen um Stalingrad, Budapest und andere Großstädte gesammelt hatten. Die Sturmeinheiten (Schützen, Pioniere, Minenwerfer, Scharfschützen) nahmen planmäßig ein Gebiet nach dem anderen ein.

    Die Besonderheit bestand darin, dass man sich trotz der vielen Panzer und Selbstfahrlafetten bemühte, die Stadt nicht zu zerstören. Schwere Waffen wurden äußerst vorsichtig eingesetzt, um die Bauwerke nicht zu vernichten. Hitlers Soldaten wurden in der Regel mit Schusswaffen und Handgranaten aus den Gebäuden getrieben.

    • Sowjetische Truppen während Kämpfen um Donaukanal am 10. April 1945
      Sowjetische Truppen während Kämpfen um Donaukanal am 10. April 1945
      © Sputnik / Wladimir Galperin
    • Sowjetische Truppen in der Innenstadt von Wien am 15. April 1945
      Sowjetische Truppen in der Innenstadt von Wien am 15. April 1945
      © Sputnik / Anatolij Grigorijew
    • Der künftige Bundespräsident Theodor Körner (i.d.Mitte) begrüßt sowjetische Truppen in Wien am 10. Mai 1945
      Der künftige Bundespräsident Theodor Körner (i.d.Mitte) begrüßt sowjetische Truppen in Wien am 10. Mai 1945
      © Sputnik / Olga Lander
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    © Sputnik / Wladimir Galperin
    Sowjetische Truppen während Kämpfen um Donaukanal am 10. April 1945

    Eine der größten Prüfungen auf dem Weg der sowjetischen Truppen war der Donaukanal, der rund 50 Meter breit und drei Meter tief war. Die mit Granitsteinen befestigten Ufer erschwerten das Passieren erheblich. Die sich am anderen Ufer befindlichen Deutschen errichteten zahlreiche Feuerstellungen und kontrollierten die gesamte vorderste Linie. Den Sturmgruppen gelang es nicht, sie selbst mit Granaten aus ihren Wehranlagen zu treiben. Abhilfe schufen Panzer und Artillerie.

    Österreichs Hauptstadt wurde am 13. April vollständig eingenommen. Dies gelang nahezu ohne starke Zerstörungen.

    Die Wehrmacht trug schwere Verluste – mehr als 130.000 Militärs wurden gefangengenommen, Dutzende Tausend deutsche und ungarische Soldaten kamen ums Leben. Doch auch die Rote Armee verlor rund 40.000 Soldaten und Offiziere, fast 2000 Panzer, Gewehre und Flugzeuge.

    Viele Österreicher waren zwar loyal gegenüber Hitler eingestellt (mehr als eine Million dienten in der Wehrmacht), doch die Mehrheit begrüßte die sowjetischen Soldaten wie Befreier. Den Rotarmisten wurden Blumen geschenkt, sie wurden mit Musik und Liedern begrüßt. Dabei garantierte die sowjetische Führung bereits vor Beginn der Wiener Offensive in einer Sonderbotschaft, Teile Österreichs nicht zu beanspruchen und den Staatsaufbau dieses Landes nicht zu verändern. Dem österreichischen Volk wurde versprochen, bei der Wiederherstellung der Unabhängigkeit und demokratischen Freiheiten zu helfen.

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    Drittes Reich, UdSSR, Sowjetunion, Österreich, Wien, Zweiter Weltkrieg