14:16 07 Juli 2020
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    Waldbrände wüten in der Sperrzone von Tschernobyl. Der ukrainische Präsident hat den Katastrophenfall am Tag elf nach Ausbruch des Feuers kommentiert: „Die Führung beobachtet die Lage aufmerksam“, hat Wladimir Selenski im Internet gepostet. Ukrainische Bürger reagieren teils fassungslos: Warum hat die Kiewer Führung noch nichts unter Kontrolle?

    Zwölf verlassene Dörfer im Sperrgürtel rund um den Unglücksreaktor von Tschernobyl sind schon niedergebrannt. Der berüchtigte Rote Wald mit den stark durch Strahlung verunstalteten Bäumen ist auch vernichtet. Durch die Endlager mit schwerem verstrahltem Gerät, das bei dem Super-GAU von 1986 zum Einsatz kam, sind die Flammen auch schon gezogen. Anfang dieser Woche erreichte die Feuerfront die verlassene Stadt Prypjat samt den Deponien mit verstrahltem Abfall und rückte weiter Richtung Kraftwerk vor.

    Der ukrainische Katastrophenschutz teilte gestern mit, es brenne die Grasdecke und der Waldboden, die Flammen breiteten sich in drei Forsten aus: dem Korogodski, Kotowski und Denisowezki. Aber später am Tage wurde gemeldet, Waldbrände seien in der Nähe der Dörfer Rossocha und Kriwaja gora ausgebrochen. Die Brandnester mehren sich also rasch, obwohl dies durch gestrigen Regen im Kiewer Gebiet etwas verlangsamt worden ist.

    Der ukrainische Kraftwerksbetreiber Energoatom stuft die Lage als unkontrollierbar und kritisch ein. Zum Kampf gegen das Feuer sind Feuerwehrleute und Löschfahrzeuge in das Sperrgebiet von Tschernobyl verlegt worden: 400 Mann mit 88 Technikeinheiten (darunter drei Flugzeuge und Hubschrauber) gehen gegen die Flammen vor. Die Feuerwehrmannschaften arbeiten nahezu pausenlos, wohl aber – den Berichten einiger ukrainischer Medien zufolge – ohne entsprechende strahlungssichere Schutzausrüstung.

    Bestimmte Erfolge im Kampf gegen die Flammen haben die Feuerwehrleute trotzdem erzielen können. Einige Brandnester sind gelöscht, zur Beseitigung aller Brandstellen reichen die materiellen Mittel und Möglichkeiten nicht aus. Derzeit sind alle Kräfte dazu mobilisiert, die Flammen vom Kraftwerk Tschernobyl fernzuhalten: Mannschaften legen Brandschneisen rund um die Reaktoren an, wobei sie in lebensgefährlicher Umgebung arbeiten müssen. Aber in diesem Abschnitt ist die Lage nach Angaben der Feuerwehrkräfte unter Kontrolle: weder der durch einen Betonmantel isolierte vierte Reaktorblock noch die anderen Anlagen seien gefährdet.

    Drohende Ausbreitung beunruhigt Bürger

    Die größte Gefahr ist laut Experten derzeit die, dass radioaktive Teilchen vom Wind aufgegriffen und in die umliegenden Städte getragen werden könnten. Die Luft in den Städten wäre verseucht. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass die Isotope sich im Boden festsetzen und mit landwirtschaftlichen Produkten in die Nahrung gelangen. Etwas schicksalsironisch ist der Umstand, dass das Coronavirus die Ukrainer vor Schlimmerem bewahrt: Die meisten Menschen sitzen wegen Quarantäne zuhause oder tragen Schutzmasken.

    Die drohende Ausbreitung radioaktiver Strahlung beunruhigt jedoch nicht nur die Ukrainer. Nach dem Super-GAU von 1986 zog eine Radioaktivitätswolke großflächig über Europa, am meisten verseucht wurden Gebiete in der Ukraine, in Weißrussland und Russland. Die von Sputnik befragten Umweltwissenschaftler waren sich über das riesige Gefahrenpotenzial der Waldbrände rund um Tschernobyl einig. Und das Ausmaß der entstandenen Schäden müsse erst ermittelt werden. Besonders hoch sei das Risiko, dass Radioaktivität aus den vielen Endlagern mit der verstrahlten Technik rund um das Kraftwerk austrete und sich unkontrolliert ausbreite.

    „Es geht nicht nur darum, dass die Flammen auf bestimmte Objekte und Anlagen vorrücken. Der ganze Boden um das Kraftwerk herum ist im Grunde verseuchtes Gebiet“, erklärt ein Umweltschützer. „Dort wurde keine Dekontamination vorgenommen. Der Reaktor wurde zwar soweit entgiftet, dass Menschen dort arbeiten können. Aber im Umkreis von mehreren Kilometern, in diesem riesigen Raum haben sich Unmengen an Radioaktivität angesammelt. Diese Flächen zu dekontaminieren, ist einfach unmöglich. Mit den Waldbränden werden die umliegenden Gebiete erneut in einer großen Welle verseucht.“

    Strahlung macht vor Grenzen nicht halt

    Die mit dem Rauch und den heißen Gasen aufgewirbelten und verwehten radioaktiven Partikel gehen nicht einfach zu Boden und bleiben liegen, warnen die Ökologen: Die verseuchten Teilchen dringen durch das Erdreich bis ins Grundwasser vor, breiten sich über Flüsse aus, oder werden in den trockenen Sommermonaten mit dem Staub aufgewirbelt.

    „Das ist ein radioaktiver Brand. Der ganze Dreck aus den Wäldern von Tschernobyl – also Caesium und Strontium, beides hochaktive Radionuklide – steigt jetzt in die Luft und wird von Winden über das Kiewer Gebiet verteilt“, sagte vor Journalisten der ehemalige Direktor der Informations- und Forschungsstelle der ukrainischen Forstbehörde, Michail Popkow.

    Die strahlenden Isotope aus Tschernobyl können auch in einige russische Regionen gelangen, erklärte der Wetterdienst „Phobos“. Jewgeni Tischkowez, leitender Mitarbeiter der Behörde, postete im Internet, die vom Waldbrand aufgewirbelten Strahlungspartikel könnten innerhalb von zwölf Stunden die russische Hauptstadt und deren Umland erreichen.

    Der russische Katastrophenschutz teilt indes mit, die Strahlungswerte in den russischen Grenzgebieten zur Ukraine seien im Normalbereich. Der nationale Wetterdienst aus Weißrussland meldet, die Strahlungsbelastung in den Gebieten Brest und Gomel sei wie überall im Land stabil, die Gesamt-Beta-Aktivität und der Caesium-137-Gehalt in der Luft entsprächen den seit Jahren gemessenen Werten. Eine Verschlechterung der Lage schließen die russischen wie die weißrussischen Behörden jedoch nicht aus.

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    Tags:
    Waldbrand, Atomkraftwerk, Ukraine, Tschernobyl