15:38 07 Juli 2020
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    Kinder, die wegen des Kontaktverbots ihre Freunde oder Verwandten vermissen oder nicht in die Kita dürfen, leiden unter der Corona-Krise. Doch laut der Bochumer Professorin für Kinder- und Jugendpsychotherapie, Silvia Schneider, kann diese Situation auch einen Nutzen für die Entwicklung haben: „Kinder können gestärkt aus der Krise hervorgehen.“

    Viele Eltern berichten derzeit, dass ihre Kinder stark unter der sozialen Isolation leiden. Anika N. aus Nordrhein-Westfalen beschreibt beispielsweise eine Situation mit ihrem vierjährigen Sohn. Er habe in seinem Bett gelegen (…) und mit dicken Kullertränen gesagt, dass er seine Kindergartenfreunde sehr vermisse.

    Die Berlinerin Regina L. musste mit ihrer Tochter zur verschlossenen Kita fahren, damit sich die Fünfjährige vergewissern konnte, dass auch wirklich niemand dort ist: „Sie wollte sich das Gebäude unbedingt angucken“,  erzählt die Mutter, deren Tochter ebenfalls ihre Spielkameraden vermisst. 

    Nach Einschätzung des Berliner Psychologen Thilo Hartmann können die Kinder ganz unterschiedlich auf die Krise reagieren, die auch für sie Stress bedeute. Die Kinder können demnach neben Schlafproblemen auch mit Kopfweh, Bauchschmerzen, Schwindel und Erschöpfung reagieren. „Auf der Verhaltensebene ist es möglich, dass Kinder sich zurückziehen, aggressiver auftreten oder auch ein verstärktes Kuschelbedürfnis haben“, so der Experte. 

    „Wichtig ist es, auch denjenigen Kindern Aufmerksamkeit zu schenken, die in dieser Situation stiller werden oder mit Rückzug reagieren und dabei vielleicht sogar besonders unproblematisch erscheinen“, betont Hartmann. Bei diesen Kindern könne es sein, dass sie sich in eine nicht kindgerechte Rolle fügen und versuchen, die Verantwortung zu übernehmen. Das könne Kinder überfordern, so Hartmann. 

    „Grundsätzlich ist es wichtig, dass sie ein gutes Modell haben, wie sie mit der Situation umgehen können“, betont der Psychologe. Es gehe darum, dass die Bezugspersonen die neuen Handlungen und Verhaltensweisen wie besondere Hygiene oder das Tragen eines Mundschutzes den Kindern mit freudiger Gelassenheit vorleben.

    Laut Schneider kann man schwierige Situationen besser aushalten, wenn man das Gefühl habe, man könne etwas tun. Viele Eltern neigen laut der Bochumer Professorin dazu, Kinder von Krisen fernzuhalten. Doch aus der Forschung wisse man: Kinder müssen Krisen auch kennenlernen. „Und sie müssen vor allem lernen, wie sie mit Krisen umgehen“, so Schneider. Der Alltag bestehe aus Krisen, und unser Leben sei eine ständige Problembewältigung. „Wie sollen Jugendliche zum Beispiel in der Pubertät Schritte aus der Familie raus wagen, wenn sie nie gelernt haben, schwierige Situationen zu meistern?“, so die Expertin. „Da muss man eine gewisse Resilienz entwickelt haben, eine Stärke in der Krise.“ 

    Aus ihrer Sicht ist es nicht nur wichtig, Kindern die neue Situation in einfacher Sprache zu erklären, sondern auch die Zeit zu begrenzen, in der man über Corona redet. „(…) Es gibt Familien, in denen von morgens bis abends Corona-Nachrichten gehört werden und alle sich immer mehr gegenseitig verunsichern und Corona überall sehen.“ Das sei nicht hilfreich. „Es muss eine abgewogene und gut dosierte Auseinandersetzung mit Corona stattfinden.“

    Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, sieht trotz mancher Schwierigkeiten benfalls positive Seiten, die die Krise für viele Kinder hat: „Viel Stress, den die ganze Gesellschaft sonst ausstrahlt, fällt nun weg. Es ist eine Zeit der Entschleunigung auch für die Familien“, sagt Hilgers. Er habe noch nie so viele Väter mit ihren Kindern gesehen.

    ls/mt/dpa 

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