15:53 28 Oktober 2020
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    Betrüger hätte man sie in Friedenszeiten genannt, im Krieg waren sie Helden – zurecht: Ein Netzwerk von Doppelagenten hatte erfundene Kriegsmeldungen verwendet, um die Wehrmacht mächtig zu täuschen. Abertausende Hitlersoldaten standen gefechtsbereit am falschen Ort. Eine Geschichte vom amerikanischen „Warfare History Network“.

    Vor dem Zweiten Weltkrieg war John Masterman Wissenschaftler, Sportler und Autor. Nach dem Kriegsausbruch verwandelte er sich in einen Mastermind: den Anführer und Koordinator einer Truppe von Doppelagenten, die das Nazi-Regime mit einem unablässigen Strom von scheinbar wertvollen Analysen versorgte, die an entscheidenden Stellen immer ein Quäntchen Unwahrheit enthielten. Auch bei der Landung der Alliierten in der Normandie hatte der Agentenring – das Double-Cross-Komitee (XX-Komitee) – seine Finger im Spiel.

    Worum es im Kern ging, war die Versorgung der Nazi-Führung durch deutsche Geheimdienstler, die in England eingesetzt waren, mit Bruchstücken irreführender Informationen. So sollten die Deutschen in Bezug auf die Pläne und Absichten der Alliierten eingelullt werden. Als etwa die deutsche Invasion in Großbritannien drohte, schickten die Agenten Meldungen an die Wehrmacht, die die Verteidigungsfähigkeit der Briten maßlos übertrieben: Der britische Küstenschutz sei unüberwindbar stark, die britische Rüstungsindustrie stelle Kampfflugzeuge in großer Zahl her (jedenfalls in größerer als es tatsächlich der Fall war).

    Dass Falschinformationen als solche enttarnt werden könnten, war dem Koordinator des Netzwerks selbstverständlich klar. Deshalb war die Täuschung a) sorgfältig zu dosieren und b) zu verifizieren. Die Doppelagenten würden sonst bei ihren deutschen Vorgesetzten in Ungnade fallen – oder schlimmer: Sie würden entlarvt.

    Das Komitee ergriff daher vertrauensbildende Maßnahmen. Als ein Doppelagent von deutscher Seite beauftragt worden war, ein britisches Flugzeugwerk zu sprengen, explodierte eine eigens dafür erstellte Halle auf dem Werksgelände, ohne der eigentlichen Flugzeugproduktion irgendwie zu schaden. Auch ein fiktives Lebensmittellager und eine Kraftwerkattrappe fielen diesem Zweck zum Opfer. Die Berichte britischer Medien über die schlimmen Explosionen waren den deutschen Geheimdiensten ein glaubwürdiger Beleg für die gute Arbeit ihrer Agenten.

    Vorbereitung auf den D-Day

    Als der Tag kam, die Landung der Alliiertentruppen in der Normandie informationstechnisch vorzubereiten, war der Doppelagentenring über das Verschicken vereinzelter Falschnachrichten längst hinausgewachsen: Das Komitee war zu einem Netzwerk überall in Großbritannien tätiger Geheimdienstler geworden – eine Geheimorganisation von mindestens 24 fiktiven Aktiven. Jeder dieser Agenten hatte nicht nur eine eigene ausgedachte Identität, sondern auch einen unverwechselbaren Schreibstil. Nach dem Krieg gesammelt, sollen deren Berichte eine Menge von 50 Bänden ergeben haben.

    Jedenfalls: Der D-Day nahte – die „Operation Fortitude“ (Tapferkeit), die große D-Day-Täuschung, war voll im Gange. Die alliierten Code-Knacker hatten Nachrichten abgefangen, wonach die Wehrmacht die Invasion der Amerikaner im französischen Pas-de-Calais erwartete – dort, wo der Ärmelkanal am schmalsten und der Weg nach Berlin am direktesten war. Dem XX-Komitee fiel es leicht, dieser Erwartung zu entsprechen.

    Landung der US-Truppen in Normandie im Juni 1944
    Landung der US-Truppen in Normandie im Juni 1944

    Im Südosten Englands, gleich gegenüber von Calais werde die First U.S. Army Group (FUSAG) aufgestellt, berichteten die Täuscher. Die Armeegruppe werde sogar von George Patton Jr. befehligt, dem US-General, den die Wehrmacht am meisten fürchtete.

    Was danach begann, würde man heute eine DDOS-Attacke nennen: Die First U.S. Army Group mache sich bereit, in Pas-de-Calais einzumarschieren, meldete ein Agent. Die Wehrmacht müsse sich auf Alliiertenlandungen an der Westküste Frankreichs ebenso vorbereiten wie an der skandinavischen Halbinsel, schrieb ein anderer. Wiederrum ein Komiteemitglied meldete ein falsches Datum der Alliiertenoperation an die Nazi-Führung. Schlussendlich versuchte man die Wehrmacht auch davon zu überzeugen, die Berichte über bevorstehende Landungen seien nur eine Ablenkung von einer anderen Attacke, die die Armeegruppe von Patton vorbereite.

    Es war brillant: Die Falschmeldungen veranlassten Hitler, seine 15. Armee in Pas-de-Calais zu halten. Nach dem Krieg erinnerte sich General Alfred Jodl, 15 Divisionen seien in Alarmbereitschaft versetzt worden, um die Invasoren zurückzuschlagen, die nie kamen.

    Die Männer, die an der Verbreitung von Gerüchten über mögliche Landungen an anderen Orten arbeiteten, waren auch erfolgreich. Zwei Männern aus dem Netzwerk gelang es, in Schottland eine sog. Vierte Armee aufzustellen, die die Deutschen für einen 250.000-köpfigen Expeditionsverband hielten, bestimmt zur Landeoperation an der norwegischen Küste. In Wirklichkeit bestand diese „Armee“ aus 28 Offizieren, 334 regulären Soldaten und einem Team von Funkern, die den Funkverkehr eines ganzen Verbands simulieren konnten. Diese Täuschung hielt 250.000 Wehrmachtssoldaten in Skandinavien fest, obwohl 100.000 als Besatzungstruppe vollkommen genügt hätten.

    Währenddessen überzeugten die Agenten die Nazi-Führung durch Meldungen über den Zeitpunkt des D-Days, es sei keine Gefahr im Verzug. Am Tag der Landeoperation fuhr Marschall Erwin Rommel, verantwortlich für den Schutz des Atlantikwalls, nach Hause, um den Geburtstag seiner Gattin zu feiern. Etliche andere Generäle waren in der Zeit wegen eines Truppenmanövers abwesend.

    Das letzte Wort in der großen D-Day-Täuschung war ein Report kurz vor der Truppenlandung der Alliierten, die Landeschiffe seien bereits auf dem Weg über den Ärmelkanal. Die Wehrmacht hatte gerade begonnen, ihre 15. Armee in Pas-de-Calais zu mobilisieren, um sie zur Verstärkung der schwachen deutschen Abwehr in die Normandie zu verlegen, als Hitler dieses Schreiben bekam: Es sei „absolut klar“, dass der gegenwärtige Angriff als Großangriff jedoch als „Ablenkung“ angelegt sei, „um unsere Kräfte abzulenken und mit größerem Erfolg an anderer Stelle zuzuschlagen.“ Die massiven Luftangriffe auf Pas-de-Calais sprächen indes dafür, dass der eigentliche Angriff der Alliierten in dieser französischen Region stattfinden werde.

    Das Ergebnis war, dass der Führer befahl, nicht nur die restlichen Truppen von Pas-de-Calais in der Region festzuhalten, sondern auch die Verbände zurückzurufen, die bereits auf dem Weg in die Normandie waren. Das Vertrauen der Nazi-Führung in ihre Agenten auf britischem Boden war schier grenzenlos. Eine Meisterleistung des Masterspions, der nie einer war.

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    Tags:
    Spionage, D-Day, Normandie, Großbritannien, USA, Drittes Reich, Alliierte, Zweiter Weltkrieg