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    Im Mai 1945 wurde die Tschechoslowakei von der faschistischen deutschen Besatzung befreit. Zum 75. Jahrestag werden die russophoben Vorstöße eines Prager Bezirksbürgermeisters angesichts der Gestalt eines allgemein anerkannten tschechoslowakischen Nationalhelden sicher in Vergessenheit geraten.

    Die tschechische Geschichte hat zwei Nationalhelden hervorgebracht, die sich gegen die „westlich-abendländische“ Hegemonie zur Wehr gesetzt hatten. Der Erste ist Jan Hus, Reformator und Patriot. Er wurde mit deutscher Hilfe 1415 von der Inquisition in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

    Dem anderen Patrioten war es in einem langen Leben vergönnt, erfolgreich für die nationale und soziale Befreiung des tschechischen und slowakischen Volkes zu kämpfen: Ludwik Svoboda. 1895 beginnt die faszinierende Biographie des mährischen Bauernsohnes. Nach dem Abitur und einer landwirtschaftlichen Berufsausbildung wird er 1915 in die ihm verhasste österreichisch-ungarische Armee eingezogen und an die russische Front geschickt, wo er es bis zum Unteroffizier bringt.

    Der wie die meisten Tschechen prorussisch eingestellte Svoboda läuft 1916 zu den Russen über. Mit ihnen kämpft er wie rund 50.000 seiner Landsleute in der tschechoslowakischen Legion gegen Deutsche und Österreicher und nimmt an den Schlachten von Zborow und Bachmatsch teil.

    Populärster Militär der Tschechoslowakei

    Nach einem Offizierskurs bringt er es bis zum Bataillonskommandeur und wird mit dem Georgskreuz ausgezeichnet. Zurück in der nun freien Heimat, der ČSR, wird Svoboda 1921 Berufsoffizier. Dank seiner vielfältigen Sprachkenntnisse (tschechisch, slowakisch, russisch, deutsch und ungarisch) wird er für drei Jahre Sprachlehrer an der Militärakademie. Ab 1937 kommandiert er als Oberstleutnant ein Regiment.

    Der Berufssoldat hatte „von der Pike auf gedient“ und sich nicht nur militärisches Fachwissen angeeignet. Für den für ihn charakteristischen Führungsstil eignete er sich Menschenkenntnis und Erfahrungen an, die ihm später zum populärsten Militär der ČSR machten. Zugleich kannte er dadurch weit besser als andere höhere Offiziere die Stimmung unter seinen Soldaten und somit die seines Volkes.

    Nach dem deutschen Einmarsch im März 1939 geht Svoboda in den Widerstand. Er wird von der Gestapo verfolgt und flieht im Juni nach Polen. Dort stellt er mit 700 Tschechen und Slowaken sowie mit Billigung der tschechoslowakischen Exilregierung einen Truppenteil auf, der aktiv an der Verteidigung Polens im September teilnimmt. Dafür wurde er nach dem Krieg mit höchsten polnischen Auszeichnungen geehrt. Mit der Niederlage Polens geht er mit seinen Soldaten in die UdSSR und bittet um politisches Asyl.

    Für Exilregierung verdächtiger Kriegsheld

    Als die tschechoslowakische Exilregierung in London 1941 und 1943 mit der Sowjetunion militärische Bündnisse abschließt, wird er zum Oberst befördert. 1943 erhält er den Auftrag, eine tschechoslowakische Einheit zum gemeinsamen Kampf gegen die Deutschen aufzustellen. Hierbei entwickelt er eine erstaunliche Dynamik, mit der er sich politisches Vertrauen, die Anerkennung sowjetischer Militärs und auch die Unterstützung der in der Sowjetunion lebenden Führung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ) erwirbt.

    Ludvik Svoboda (i.d.Mitte) spricht die Soldaten der Tschechoslowakischen Brigade an, Oktober 1944
    © Sputnik / Archiv
    Ludvik Svoboda (i.d.Mitte) spricht die Soldaten der Tschechoslowakischen Brigade an, Oktober 1944

    In den Kämpfen um Sokolow und bei der Befreiung Kiews zeichnet sich seine Brigade besonders aus, wofür er den Lenin-Orden erhielt. Der Brigadegeneral wird auch wegen seines Familiennamens („Freiheit“) zu einem Symbol des bewaffneten antifaschistischen Widerstandes. Seine Familie muss sich daher in der Heimat verstecken. Die deutschen Faschisten bekommen aber seinen 17-jährigen Sohn in die Hände und ermorden ihn.

    Svobodas militärische und politische Erfolge machen ihn für die frontfernen tschechoslowakischen Exilpolitiker und Militärs in London verdächtig. Sie waren nicht an einem so aktiven Fronteinsatz interessiert. Zudem störte sein sehr gutes Verhältnis zu den Sowjets und den tschechoslowakischen Kommunisten. Versuche, sich seiner für die Nachkriegsentwicklung politisch zu versichern, liefen ins Leere.

    Freund von Marschall Iwan Konew

    Während der Schlacht am Dukla-Pass 1944 setzen die Exilpolitiker Svoboda einen unerfahrenen „Londoner“ General als Befehlshaber des inzwischen zum Tschechoslowakischen Korps avancierten Verbandes vor. Er wird als Brigadekommandeur abgeschoben. Als der Neue aber im Feld versagt hatte, wird Svoboda nach sowjetischer Intervention wieder eingesetzt.

    Das tschechoslowakische Korps in der Roten Armee, inzwischen 80.000 Mann stark, bildet den Kern der späteren Volksarmee. Es nimmt 1945 aktiv an der Befreiung der ČSR teil und zieht Anfang Mai in Prag ein. Svobodas Soldaten nehmen an einer Militärparade am Jan Hus-Denkmal teil. Der General wird gemeinsam mit dem sowjetischen Marschall Iwan Konew von den Tschechoslowaken mit Blumen überschüttet. Mit Konew verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft.

    General Ludvik Svoboda und Marschall Iwan Konew (R)
    © Sputnik / Emmanuil Jewserichin
    General Ludvik Svoboda und Marschall Iwan Konew (R)

    Svoboda wird 1945 Verteidigungsminister und zum Armeegeneral ernannt. Der General sympathisiert schon lange mit den Kommunisten. Daher hält er die Armee aus den politischen Intrigen der Antikommunisten heraus und sichert dadurch die volle Machtübernahme der KPČ im Februar 1948 ab. Im gleichen Jahr tritt er der Partei bei.

    Politisch verfolgt und doch unvergessen

    Bis 1952 bleibt er Verteidigungsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Die stalinistischen Repressalien, die in der nunmehrigen ČSSR besonders drastisch sind, verschonen auch ihn nicht. Aufgrund seiner Verdienste und Popularität trifft es Svoboda vergleichsweise weniger hart. Dennoch: Er verliert alle Ämter, wird verhaftet und verhört, doch nach kurzer Zeit freigelassen.

    Seither arbeitet er als Buchhalter in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Doch die sowjetische Führung vergisst den Kriegshelden nicht und lädt ihn immer wieder zu Urlauben ins Land ein. Durch Intervention des sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow wird Svoboda 1954 rehabilitiert. Er kehrt in die Armee zurück und leitet die Militärakademie. Ebenso kann er wieder sein Parlamentsmandat, das er von 1948 bis 1968 innehatte, ausüben.

    General Ludvik Svoboda im April 1968
    © Sputnik / Archiv
    General Ludvik Svoboda im April 1968

    General Svoboda ist der höchstdekorierte Militär der Tschechoslowakei. 1965 wird er Held der Sowjetunion, später auch seines Landes und Jugoslawiens. Er ist er Träger höchster Militärauszeichnungen Frankreichs, Großbritanniens und der USA. Mit seinem offenen und gradlinigen Charakter, seinen ausgewogenen Reaktionen und einer bewundernswürdigen Bescheidenheit ist er schon zu Lebzeiten eine Legende.

    Anerkannter Präsident seines Landes

    Obwohl wohlhabender Herkunft und als bürgerlicher Offizier ist ihm die Freundschaft zur Sowjetunion bzw. Russland eine Herzenssache und unabdingbar für die Existenz seiner Heimat. Im Kampf um sein Vaterland hat er die Erfahrung gemacht, dass nur die Linken dieses Bündnis mit Leben erfüllen können. Deshalb ist er Kommunist geworden und hat die gegen ihn gerichteten Repressalien überstanden.

    Svoboda hat stets das Wesentliche, das für die nationale Existenz Entscheidende und das historisch Notwendige im Auge behalten. Das hat ihm den Respekt der Rechten und die Popularität der Bevölkerungsmehrheit in der ČSSR gesichert.

    Zu Beginn des „Prager Frühlings“, dem Versuch, das Land zugunsten des Westens umzugestalten, wird er 1968 mit 73 Jahren zum Staatspräsident gewählt und in die Parteiführung aufgenommen. Auch dieser neuen, überraschenden und enormen Herausforderung als Staatsmann wird Svoboda glänzend gerecht. Mit dem Gewicht seiner moralischen Autorität, der Logik seiner politischen Erfahrungen und dem Willen seines nationalen Verantwortungsbewusstseins trägt er maßgeblich dazu bei, die politische Krise zu überwinden und die verfassungsmäßigen Zustände wiederherzustellen.

    Bis heute unvergessen

    Sicher auch dafür wird er 1970 mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet und 1975 als Präsident seines Landes wiedergewählt. Nach mehreren Schlaganfällen muss Svoboda sein Amt niederlegen und stirbt mit 84 Jahren 1979 in Prag.

    Heute trägt eine Uferpromenade an der Prager Moldau seinen Namen. Während die Herrschenden nach 1989 sein Vermächtnis durch den Beitritt zur russlandfeindlichen Nato und die Stationierung von US-Raketenbasen missachten, pflegen viele Tschechen die Erinnerung an den General mit seiner tief empfundenen Freundschaft zu Russland.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Befreiung, Prager Frühling, Prag, Tschechien, Tschechoslowakei, 8. Mai 1945